Islam

Progressive Muslime gründen Verein – kommt nun die Moschee für Schwule und Lesben?

Junge Gläubige, so hofft Kerem Adigüzel, könnten radikalen Strömungen etwas entgegensetzen und dazu beitragen, den Islam zu reformieren.

Junge Gläubige, so hofft Kerem Adigüzel, könnten radikalen Strömungen etwas entgegensetzen und dazu beitragen, den Islam zu reformieren.

Nach Startschwierigkeiten haben die progressiven Muslime um den 30-jährigen Ostschweizer IT-Ingenieur Kerem Adigüzel nun doch noch einen Verein gegründet. Ihr Ziel: Eine eigene Moschee für Frauen und Männer, in der es auch Platz hat für Schwule und Lesben.

Eine erste wichtige Hürde haben die progressiven Muslime um den Ostschweizer IT-Ingenieur Kerem Adigüzel genommen: Letzten Sonntag gründeten sie in Olten den Verein "Al Rahman – mit Vernunft und Hingabe", wie aus online publizierten Statuten ersichtlich ist. Adigüzel bestätigt gegenüber der "Nordwestschweiz" die Vereinsgründung.

Adigüzel und seine Mitstreiter gehen in die Offensive und wollen dem Islam, der vor allem mit Parallelgesellschaften, radikalen Predigern und Terroranschlägen in Verbindung gebracht wird, ein anderes Gesicht geben.

Ihr erklärtes Ziel ist ein eigener Gebetsraum, in dem sowohl Männer als auch Frauen, Gläubige und Nichtgläubige, Lesben und Schwule Seite an Seite beten sollen. Frauen sollen als Imaminnen, also Predigerinnen, wirken können.

Nach Berlin nun auch in der Schweiz?

Ein solcher muslimischer Gebetsraum wäre in der Schweiz ein Novum, da es ein solches Angebot erst als Wandermoschee gibt: Mehrmals pro Jahr organisieren Muslime um die Basler Lehrerin Jasmin El-Sonbati sogenannt inklusive Gebete in Räumen, die ihnen zur Verfügung gestellt werden. Meist sind es Kirchen oder Kapellen, zuletzt war es die Zürcher St.-Anna-Kapelle im September.

Selbst in Moscheen der wenigen als progressiv geltenden Schweizer Imame beten Männer und Frauen voneinander getrennt. Frauen als Imaminnen sind für die Muslim-Gemeinschaften ein No-Go.

Anders in Berlin: Dort gründete im Juni die Frauenrechtlerin, Anwältin und Muslima Seyran Ates zusammen mit Mitstreiterinnen aus der Schweiz die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Sie steht Frauen, Männern, Gläubigen, Nichtgläubigen, Lesben und Schwulen offen. Ates und andere Frauen leiten als Imaminnen das Freitagsgebet.

Ihr Engagement brachte Seyran Ates in grosse Gefahr. Radikale trachten ihr seither nach dem Leben. Und auch die Erdogan-treuen Türken hatten sie als Feindbild entdeckt, warfen ihr gar Nähe zur Bewegung des Erdogan-Kontrahenten Fethullah Gülen vor. Darstellungen, denen Ates stets widersprach.

Verein im August vertagt

Auch der 30-jährige Schweizer Kerem Adigüzel hat türkische Wurzeln. Nun nimmt er mit der Vereinsgründung einen weiteren Schritt in Richtung einer ersten Schweizer Moschee für die Progressiven unter den Muslimen. Dass auch er damit den Zorn der Radikalen auf sich ziehen könnte, nimmt Adigüzel in Kauf.

Die Gründung des neuen Vereins war bereits für August geplant, musste jedoch vertagt werden. Zum Teil, weil sich die Gründungsmitglieder nicht innert nützlicher Frist über den Wortlaut der Statuten einigen konnten, zum Teil, weil Kerem Adigüzel mit seinen Vorschlägen bei den anderen Gründungsmitgliedern aufgelaufen war.

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