Neues Buch

Psychiater verdiente Millionen mit Medikamententests – obwohl es zu Todesfällen kam

Blick auf Gebäude der Psychiatrischen Klinik.

Blick auf Gebäude der Psychiatrischen Klinik.

Roland Kuhn testete eine enorme Menge Medikamente direkt an seinen Patienten. Ein nun erschienenes Buch zeigt die Dimension der Tests auf.

Psychiater Roland Kuhn war an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen ein aussergewöhnlicher und besonders eifriger Tester von neuen Substanzen. In seiner Zeit gelangen rund drei Millionen Einzeldosen an Prüfmedikamenten nach Münsterlingen. Sehr viele Tests fanden ohne Einwilligung der Betroffenen oder deren Angehörigen statt. Auch kam es zu Todesfällen. Kuhn habe in seinem Vorgehen eher willkürlich gehandelt, als nach einem erkennbaren Muster. Als Tester kamen alle Personengruppe in Frage.

Kuhn der Pilot-Tester

Am Montag stellten Historiker in Frauenfeld ein Buch über die Machenschaften von Kuhn vor. Im Auftrag des Kantons Thurgau arbeiteten sie den «Testfall Münsterlingen» auf. Darin wird aufgezeigt, dass Kuhn, der Entdecker der antidepressiven Wirkung des Wirkstoffs Imipramin, wenig von Prüfungsanordnungen bei Medikamententesten hielt, wie sie während seiner Zeit in den 60er Jahren aufkamen.

So sei er für Pharmafirmen mit der Zeit zum «Schnellprüfer» oder «Pilot-Tester» geworden, «mit dessen Hilfe man zwar relativ rasch einen ersten Eindruck vom Wirkungsspektrum einer neuen Substanz gewinnen konnte, dessen Ergebnisse jedoch in den Zulassungsanträgen nicht einmal mehr erwähnt wurden», heisst es im Buch.

Kuhn verdiente viel Geld mit den Versuchen

Kuhn sei mit seiner klinischen Forschung in Münsterlingen auch wohlhabend geworden. Viel Geld floss von der Pharmaindustrie auf seine privaten Konten. «In Preisen von 2015 ausgedrückt», schreiben die Historiker, «beliefen sich die ‹Forschungseinkünfte› auf rund acht Millionen Franken». Forschungsinteresse und finanzielle Motive liessen sich kaum voneinander trennen.

Dank Kuhns Medikamententests und dem direkten Draht zur Pharmaindustrie sparte die Psychiatrische Klinik in Münsterlingen viel Geld bei den Medikamentenkosten. Davon hätten auch die Behörden Bescheid gewusst. «Man ging davon aus, dass Forschung betrieben wurde, die erst noch das Medikamentenbudget senkte, und gab sich zufrieden damit.»

Meistgesehen

Artboard 1