Mutterschaftsurlaub

Rechtslücke: Bleibt das Kind im Spital, kann der Lohn ausfallen

Primarlehrerin Maria Neumeyer: Ihr zweites Kind kam drei Monate zu früh zur Welt – «Stress pur» für sie und ihren Mann. Davide Caenaro

Primarlehrerin Maria Neumeyer: Ihr zweites Kind kam drei Monate zu früh zur Welt – «Stress pur» für sie und ihren Mann. Davide Caenaro

Tritt eine Mutter ihren Urlaub nicht direkt nach der Geburt an, kann das zu Geldproblemen führen.

Juli schnappt sich ein Duplolego und rutscht vergnügt über den Boden. Das Kleinkind spielt mit ihrer älteren Schwester im Flur – ein ganz normaler Tag im Leben der Familie Neumeyer. Das war nicht immer so. Im vergangenen August kam Juli zur Welt – drei Monate zu früh. «Ich entspannte mich nach einem anstrengenden Schultag im Garten. Der Bauch war hart, da verlor ich plötzlich viel Blut», sagt Primarlehrerin Maria Neumeyer. Es kam zu einer spontanen Plazentaablösung, einer sehr schweren Schwangerschafts-Komplikation. Dann ging alles schnell: Krankenwagen, Spital, Notkaiserschnitt.

40 Minuten später war das Kind da. Es wog 1100 Gramm und war mit 38 Zentimenter kleiner als die Puppe ihrer älteren Schwester. Für die Familie begann eine nervenaufreibende Zeit. Täglich pumpte Maria Neumeyer Milch ab und verbrachte Stunden im Kantonsspital Winterthur, um ihr an Schläuchen und Maschinen angeschlossenes Frühchen zu pflegen. Sie wechselte sich dabei ab mit ihrem Mann, der zuweilen spätabends ins Büro zurückkehrte, um auf seine Arbeitsstunden zu kommen. «Das war Stress pur. Wir haben wie Roboter funktioniert», sagt sie.

Lohn erst ab Spital-Entlassung

Doch damit nicht genug: Ihre Schule wies sie schnell auf eine Gesetzeslücke hin. Während der Zeit, in der sich ihr Kind im Spital aufhielt, habe sie möglicherweise keinen Anspruch auf Lohnersatz. Laut Gesetz haben Mütter Anspruch auf einen Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen. Dieser beginnt direkt nach der Geburt und wird durch Beiträge an die Erwerbsersatzordnung finanziert. Der Gedanke hinter dem Mutterschaftsurlaub ist: Die Mutter soll sich von Schwangerschaft und Geburt erholen und sich zu Hause an ihr Baby gewöhnen. Muss ein Kind mindestens drei Wochen im Spital bleiben, darf die Mutter den Urlaub aufschieben. Sie kann ihn dann beziehen, wenn das Kind aus der Spitalpflege entlassen wird.

Doch der Gesetzgeber hat die Zeit zwischen Geburt und Mutterschaftsurlaub nicht geregelt: Die Zahlungen der Mutterschaftsentschädigung folgen erst am Tag, an dem das Kind aus dem Spital entlassen wird. In der Zeit zwischen Geburt und Beginn des aufgeschobenen Urlaubs hat die Mutter folglich keinen Anspruch auf Lohn.

Die 36-jährige Mutter fiel aus allen Wolken: «Du schämst dich, dein Kind ist in Lebensgefahr und du denkst an Geld und deine Arbeit.» Auf die 9000 Franken, um die es etwa ging, konnte die Familie nicht verzichten. Letztlich ging es Maria Neumeyer aber um mehr: Sie fiel ohne Selbstverschulden in eine rechtliche Grauzone, in der sie plötzlich von der Gunst ihres Arbeitgebers abhängig war.

Nach einer Entbindung haben Mütter acht Wochen lang ein Arbeitsverbot, um sich körperlich zu erholen. Normalerweise fällt dieses Verbot mit dem Mutterschaftsurlaub zusammen. Nicht so in Neumeyers Fall: Rechtlich ist nicht geregelt, wer während dieser Zeit den Lohn zahlen muss. Weder Mutterschafts- noch Unfall- und Krankenversicherung wollen die Kosten übernehmen.

«Das betrifft nicht nur Frühgeburten, sondern auch Eltern, deren Kinder nach der Geburt wegen einer Krankheit hospitalisiert bleiben», sagt Irene Weber-Hallauer, Leiterin der Sozialberatung am Kinderspital Zürich. «Hart trifft es vor allem Alleinerziehende und Familien mit tieferen Einkommen.» Weber-Hallauer rät Betroffenen, mit dem Arbeitgeber in Kontakt zu bleiben. Denn auch für diesen ist die Situation unbefriedigend: «Wann ein Kind nach Hause kann, ist schwer abzuschätzen», so ist es schwierig, zu kalkulieren, wann die Mutter ihre Arbeit wieder aufnehmen kann. In Härtefällen springen private Stiftungen ein. Sie leisten aber keinen Erwerbsersatz, sondern in der Regel lediglich einen Beitrag an die zusätzlich entstehenden Mehrauslagen wie Fahrkosten oder Verpflegungskosten im Spital. 2013 kamen schweizweit rund 6000 Babys zu früh zur Welt, 1200 von ihnen verbrachten mehr als 21 Tage im Spital.

Maria Neumeyer hatte Glück: Eine Freundin vermittelte sie an die Gewerkschaft VPOD. Diese bewirkte beim kantonalen Volksschulamt mit sanftem Druck, dass dieses bereit war, Neumeyers Lohn weiter zu zahlen. Die VPOD wusste die Rechtsprechung auf ihrer Seite. Die Gerichte haben in mehreren Fällen zugunsten von betroffenen Frauen entschieden. «Dank meinem Umfeld konnte ich mich wehren. Doch viele Frauen stehen alleine da. Niemand fühlt sich für sie zuständig», sagt Neumeyer. Ein Autounfall sei rechtlich klarer geregelt, als eine Frühgeburt mit Spitalfolge. Sie fordert daher eine Gesetzesänderung, um diese «frauenfeindliche Situation» zu beenden.

Ständerat berät heute

Zu diesem Schluss kam auch eine Mehrheit der ständerätlichen Gesundheitskommission. Sie beauftragt den Bundesrat, das Recht so zu ändern, dass einer Mutter, deren Neugeborenes länger als drei Wochen im Spital bleiben muss, die Mutterschaftsentschädigung verlängert wird. Um die Arbeitgeber nicht zu belasten, soll die Finanzierung über die Erwerbsersatzordnung erfolgen. Das Geschäft wird heute in der kleinen Kammer behandelt.

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