Bundesratswahlen

Regula Rytz: Die Perfektionistin, die aneckt

Ihre Kandidatur legitimierte Regula Rytz ohne Rücksprache mit dem gemeinsamen Wähleranteil der Grünen und der Grünliberalen ‑ zum Ärger der GLP.

Ihre Kandidatur legitimierte Regula Rytz ohne Rücksprache mit dem gemeinsamen Wähleranteil der Grünen und der Grünliberalen ‑ zum Ärger der GLP.

Sie bringt alles mit, was eine Bundesrätin braucht. Warum sind Regula Rytz' Wahlchancen trotzdem gering?

Es gibt Politiker, die überlassen nichts dem Zufall. Und dann gibt es Regula Rytz. Als das Schweizer Fernsehen die Grünen-Präsidentin an einem Herbstmorgen an den Markt auf dem Berner Bundesplatz begleitet, hat sie eine leere Eierschachtel und selber mitgebrachte Säcke dabei. Der Journalist will wissen, ob sie das mache, um Abfall zu vermeiden. Rytz kann ihre Freude über die Frage nicht verbergen und strahlt über das ganze Gesicht. Sie pflegt das Bild der grünen Vorzeigepolitikerin seit Jahren: Sie ist nur fünf Mal in ihrem Leben geflogen, ernährt sich vegetarisch und lebt mit ihrem Partner in einer bescheidenen Dreizimmerwohnung. Dieses Image kommt ihr in diesen Tagen gelegen. Am 11. Dezember will Rytz in den Bundesrat gewählt werden.

Wer Parteikollegen und politische Weggefährten nach Rytz fragt, erhält das Bild einer Hochleistungspolitikerin: Niemand hat in den letzen Jahren so hart für den grünen Wahlerfolg vom 20. Oktober gearbeitet wie sie. Abseits des Scheinwerferlichts brütet die 57-jährige Historikerin an Argumentarien zur Bekämpfung des Klimawandels und ist sich nicht zu schade, die Jungen Grünen in ihrer Lagerwoche zu besuchen oder vor Kleinstsektionen aufzutreten.

Rytz politisiert seit Mitte der Neunzigerjahre. Zuerst elf Jahre als Grossrätin, danach acht Jahre als Baudirektorin der Stadt Bern. 2011 wird die ausgebildete Lehrerin Nationalrätin und bald danach Parteipräsidentin, am Anfang im Co-Präsidium. Sie gilt als blitzgescheit, eine Perfektionistin. Viele Bundesräte sind mit einem weniger beeindruckenden Lebenslauf ins Amt gewählt worden. Trotzdem hat Regula Rytz am 11. Dezember wohl nur Chancen auf ein Achtungsresultat. Das liegt am Widerwillen der Bundesratsparteien, die Zauberformel den neuen Kräfteverhältnissen im Parlament anzupassen. Aber auch an ihrer Positionierung: Bei einer Wahl wäre sie das linkste Bundesratsmitglied. In Bern witzelt man, dass sie linker politisiere als der einzige Kommunist im Bundeshaus.

Als Grossrätin spottet sie über «jammernde» Hauseigentümer

Als junge Grossrätin in den Neunzigern spricht sie davon, dass die Politik es in der Hand habe, «die Wirtschaft zu zähmen» und spottet über das «Gejammer der Hauseigentümer». Sie kämpft für Mindestlöhne und gegen Banker. 2001 wird sie für drei Jahre Zentralsekretärin des mächtigen Schweizerischen Gewerkschaftsbundes.

Stricken für Frauenrechte: Regula Rytz (l.) mit Susanne Leutenegger Oberholzer am Tag der Frau.

Stricken für Frauenrechte: Regula Rytz (l.) mit Susanne Leutenegger Oberholzer am Tag der Frau.

Politische Altersmilde ist bei Rytz nicht festzustellen. Sie betont zwar, Wohlstand und Klimaschutz müssten sich nicht ausschliessen. In einem Essay von 2018 für den Think-Tank «Denknetz» finden sich aber Sätze, die Politiker bis in die Mitte erschaudern lassen. Da steht, es brauche «starke Gewerkschaften und eine Steuerpolitik, die Kapital und Ressourcenverbrauch statt Arbeit belastet», um eine gerechte Verteilung von Einkommen, Vermögen und Produktivitätsgewinnen «durchzusetzen». Ein Fraktionsmitglied der Grünliberalen sagt, die Wahl eines Öko-Bundesrates sei zwar wichtig. «Doch wenn wir Regula Rytz wählen, haben wir drei linke Bundesräte. Das entspricht nicht den Kräfteverhältnissen im Parlament.»

Regula Rytz, das wird bei mehr als einem Dutzend Gesprächen auch klar, hat nicht nur Freunde in Partei und Bundeshaus. Sie eckt trotz ihres besonnenen Auftretens an. Ihre Tätigkeit als Parteipräsidentin dürfte auch nicht dazu beigetragen haben, dass sie im Bundeshaus als Brückenbauerin wahrgenommen wird – wie bei vielen Politikern in dieser Funktion. Als Parteichefin einer Nichtregierungspartei gehört es quasi zum Stellenprofil, Regeln zu brechen, politische Partner vor den Kopf zu stossen oder sogar Parteifreunde abzusägen. Der Flurschaden, der dabei entsteht, ist kein Vorteil als Anwärterin für einen Bundesratssitz, wie drei aktuelle Beispiele zeigen.

Von 2001 bis 2004 arbeitete Regula Rytz als Zentralsekretärin des Gewerkschaftsbunds.

Von 2001 bis 2004 arbeitete Regula Rytz als Zentralsekretärin des Gewerkschaftsbunds.

Beispiel 1: Die Ankündigung ihrer Bundesratskandidatur

Als Regula Rytz am 21. November vor die Presse tritt, legitimiert sie ihre Kandidatur damit, dass die ökologischen Kräfte – Grüne und GLP – nun über 21 Prozent Wähleranteil verfügten. Zum grossen Ärger der Grünliberalen tut sie das ohne Rücksprache. Wer beiläufig zuhört, könnte meinen, dass Rytz die Kandidatin beider Parteien ist. Ein GLP-Mitglied betont, die Fraktion habe Regula Rytz die Grundlage für ein gemeinsames Vorgehen klar signalisiert: «Es muss eine moderate Kandidatur sein.» Dieselbe Person sagt, Rytz mache ihren Job als Parteipräsidentin gut, agiere aber «teilweise rücksichtslos». Rytz äussert sich nicht zu diesem anonymen Vorwurf, betont aber: «Die Veränderung der Parteienlandschaft muss zu einer Anpassung der Zauberformel führen.» Das hätten auch die Grünliberalen nach den Wahlen betont.

Beispiel 2: Die Berner Ständeratswahlen

Bereits im Mai 2019 unterschreiben Ständeratskandidatin Regula Rytz und der bisherige Berner SP-Ständerat Hans Stöckli gemeinsam eine Erklärung, wonach diejenige Kandidatin respektive derjenige Kandidat, der am 20. Oktober weniger Stimmen holt, im zweiten Wahlgang nicht mehr antritt. Im ersten Wahlgang erzielt Stöckli schliesslich über 2000 Stimmen mehr als Rytz. Sie und ihre Partei sehen sich aufgrund der grünen Welle im ersten Wahlgang vor einer neuen Ausgangslage – Rytz tritt entgegen der schriftlichen Abmachung noch einmal an. Stöckli macht murrend mit.

Beispiel 3: Der Rücktritt von Jonas Fricker

Im Herbst 2017 kommt es bei der Debatte zur Fair-Food-Initiative zum Eklat: Der Aargauer Grünen-Nationalrat Jonas Fricker vergleicht Schweinetransporte mit der Deportation von Juden im Zweiten Weltkrieg. Parteichefin Rytz tut, was bei den basisdemokratisch organisierten Grünen eigentlich verpönt ist: Sie entscheidet von oben herab und lässt die Kantonalsektion wissen, dass ein Rücktritt unumgänglich sei. Ihre Geduld ist beschränkt, kurz nach dem Eklat reist sie nach Nepal ab. Bis heute bedauern viele Grüne Frickers Rücktritt. Rytz betont, sie habe ein gutes Verhältnis zu Jonas Fricker.

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