Interview
Reto Spiess: «Meine Liebe zu Jolanda ist eher noch stärker geworden»

Interview mit dem Ehemann von Jolanda Spiess-Hegglin über unerschütterliches Vertrauen in die Partnerin, seinen Kampf um die Ehre, Heinrich Böll, Hexenprozesse und andere Dinge, die eine fünfköpfige Familie so richtig zusammenschweissen.

Hansi Voigt
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Reto Spiess und Jolanda Spiess-Hegglin
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Jolanda Spiess-Hegglin: Die Landammannfeier in Zug, die ihr Leben veränderte, fand am 20. Dezember 2014 statt. Damals war sie Kantonsrätin der Grünen.
Jolanda Spiess-Hegglin im Januar 2016 – damals war sie noch Kantonsrätin, wobei sie auf Ende 2015 bei den Grünen ausgetreten und auf Neujahr der Piratenpartei beigetreten war. Am 24. November 2016 gab sie ihren Rücktritt aus dem Kantonsrat auf Ende 2016 bekannt.
Reto Spiess-Hegglin: «Man sollte keineswegs Gras über die Sache wachsen lassen.»
«Wir haben ganz sicher etwas Unerschütterliches»: Jolanda und Reto Spiess-Hegglin.

Reto Spiess und Jolanda Spiess-Hegglin

watson

«Es wird nie mehr so sein, nie mehr. Sie machen das Mädchen fertig. Wenn nicht die Polizei, dann die ZEITUNG, und wenn die ZEITUNG die Lust an ihr verliert, dann machen’s die Leute.»

Heinrich Böll: «Die verlorene Ehre der Katharina Blum»

Wenn die Geschichte von den K.O.-Tropfen nicht stimmt, dann war es so: Jolanda Spiess-Hegglin, grünalternative Zuger Kantonsrätin und Co-Parteipräsidentin, dreifache Mutter, seit 11 Jahren verheiratet, aussichtsreiche Anwärterin auf einen Sitz im Nationalrat, auffallend hübsch, lässt sich nach ein paar Gläsern Alkohol vom Steuerbeamten Markus Hürlimann, SVP, während der traditionellen Landammanfeier, zünftig, und, nach vorangegangener Liebelei vor allen anwesenden Zuger Kantonsräten, im offenen Nebenzimmer – der «Captain's Lounge» – mal so richtig durchvögeln. Dabei oder danach muss sie sich erbrechen, was der Einvernehmlichkeit aber keinen Abbruch tut. Gemeinsam machen sie sich anschliessend auf den Heimweg – Youporn grüsst den Kanton Zug!

Alle Zeugen der Feier beschreiben die Euphorie, den Rededrang, die überraschende Flirterei, die überhand nehmende Zuneigung und schliesslich die unbändige Lust der beiden jungen Politiker, die sich anschliessend gar nicht oder nur noch bruchstückhaft erinnern können. Dass die Zeugen damit alle die Symptome und, bei «richtiger» Dosierung, fast typischen Verlauf nach Einnahme von K.O.-Tropfen beschreiben, von der Euphorie bis zur schieren Geilheit, wissen sie nicht. Wer kennt sich schon mit Partydrogen aus? Gesehen hat man davon nichts. Drei Glas Rotwein hingegen schon! So nehmen alle Anwesenden an, zwei leicht angetrunkene Turteltäubchen vor sich zu haben und fällen, ohne es zu wissen, damit das moralische und bis heute nicht revidierte Urteil über Spiess-Hegglin und Hürlimann. Ihre Zeugenaussagen finden, in einer selektiven Auswahl, den Weg in die Berichterstattung und bezeugen immer die gleiche Geschichte: Die schöne Linke wird vom strammen Rechten flachgelegt.

Als Spiess-Hegglin der Nachweis von Substanzen, auch wegen Fehlern im Spital, nicht gelingt, kommt es in der medialen Öffentlichkeit zur Umkehr der Beweislast. Spiess-Hegglin wird vom bedauerlichen Opfer zur lustgetriebenen Täterin. Je heftiger sich Jolanda Spiess-Hegglin dagegen wehrt, desto barscher wird sie von den Medien durchgereicht. Vom Opfer zur Täterin, zur mediengeilen Nervensäge, die Ruhe geben solle. Die einen fürchten um die beschmutzte Ehre des Kantons, die anderen wollen einfach langsam wieder was anderes lesen.

Die Euphorie-Tropfen und ihre Folgen

Das Perfideste an K.O.Tropfen ist vermutlich der Name. Sie müssten treffender Euphorie-Redeschwall-Anhänglichkeits-Geilmacher-Amnesie-Tropfen heissen. Das ist, bei entsprechender Dosierung, der Verlauf, etwa nach Einnahme der leicht erhältlichen Substanz Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB). Dies macht die Tropfen, etwa in der Party-Szene, so beliebt. «K.O.» – im klassischen Sinn – geht man nur bei einer Überdosis. Die von Polizei, Fach- und Anlaufstellen, Opfern und Partydrogenkonsumenten gesammelten Erfahrungen decken sich mehr oder weniger 1:1 mit der Beschreibung des Zustands von Jolanda Spiess-Hegglin durch Zeugen und Anwesende an der Landammanfeier und durch ihren Ehemann, der sie am frühen Morgen nach der Feier zu Hause vorfand. Trotz nachweislich vergleichsweise geringem Alkoholkonsum wird ihr hohe Redseligkeit und Anhänglichkeit und einvernehmliches Flirten mit dem politischen Gegner Markus Hürlimann nachgesagt. Die Einnahme von K.O.-Tropfen kann am nächsten Tag, wie in 95 von 100 Fällen, nicht nachgewiesen werden. Auch der gemessene Alkoholwert lag rund 18 Stunden später bei 0,0 Promille.

Spiess-Hegglin blieb bis heute stets bei ihrer ersten Version, dass es gegen ihren Willen oder unter Verabreichung von Drogen zu Sex kam. Hürlimann Aussagen divergieren, aufgrund von Erinnerungslücken, massiv. Er streitet ab, dass es überhaupt zum Geschlechtsakt kam, und spricht von «Fremdküssen». Erst der Nachweis von Hürlimanns DNA-Spuren in der Vagina und auf dem Slip von Spiess-Hegglin belegen sexuelle Handlungen. Hürlimanns bruchstückhafte Erinnerung inklusive Filmriss könnten darauf hindeuten, dass ihm ebenfalls «etwas» verabreicht wurde und er selbst ein Opfer wurde. Laut Spiess-Hegglin die wahrscheinlichste Variante. Dies würde allerdings bedeuten, dass eine dritte Person beteiligt gewesen war.

Bis heute, zweieinhalb Jahre nach der Feier, ist dies immer noch die plausibelste Variante: Jolanda Spiess-Hegglin und vermutlich Markus Hürlimann bekamen – womöglich als blöder Scherz gedacht – beide eine höchst euphorisierende Dosis einer unbekannten Substanz verabreicht. Die Einnahme von Substanzen, etwa der Partydroge GHB, konnte nicht nachgewiesen werden. Entkräftet ist diese Version dadurch nicht, denn laut forensischem Gutachten werden jährlich hunderte neue stimulierende synthetische Substanzen entwickelt, zu denen es kein Nachweisverfahren gibt. Zum ersten Mal überhaupt nimmt Ehemann Reto Spiess, der seine Frau Jolanda als erster nach der Landamman-Feier sah, öffentlich und ausführlich Stellung.

Herr Spiess, Ihre Frau ist als die bekannteste ertappte Fremdgeherin in die Schweizer Mediengeschichte eingegangen und Sie als der «Gehörnte» («Blick»), der seine mediengeile Frau nicht im Griff hat. Was sagen Sie dazu?

Reto Spiess: Wer sich in gewissen Medien ein Bild von uns gemacht hat, kann das denken. Stimmen tut es deshalb nicht. Es sagt aber mindestens so viel über die Leute aus, wie über die Medien, die sie konsumieren.

Aber es lässt Sie nicht kalt, was man von Ihnen denkt?

Nein, es lässt mich nicht kalt. Bei Menschen, die ich näher kenne, ist es mir sehr wichtig, dass sie mich verstehen. Es macht mich deshalb wirklich ranzig, wenn mir Bekannte plötzlich ausweichen. Denn dann hab ich gar keine Chance, meine Position darzulegen. Das verletzt mich am meisten.

Was machen Sie gegen dieses Image? Auch auf Facebook einsamen Wutbürgern hinterherjagen, um sie zur Rechenschaft zu ziehen, wie ihre Frau?

Ich gehe auf sehr viele Menschen, die mir nahe sind oder waren, direkt zu. Ich rede mit ihnen oder schreibe ihnen Mails. Ich gehe da einen anderen Weg als Jolanda, die sich stark über soziale Medien artikuliert. Das liegt mir nicht. Ich habe erst seit letztem Jahr ein Handy.

Wie gehen Sie vor?

Leuten, die sich in der Debatte im Ton vergriffen haben oder Unsinn verbreiten, habe ich ein freundliches Mail geschrieben. Etwa so tönte das dann: «Sehr geehrter Herr Parteipräsident XY, ich bin der Ehemann von Frau Spiess-Hegglin ...» In der Regel ist den Konfrontierten dann nicht mehr viel eingefallen. Die meisten wurden ruhig, einige wurden einsichtig und einige haben wir aus dem Bekanntenkreis aussortiert.

Gezählt acht von zehn Journalisten, die mal etwas mit der Berichterstattung über Jolanda Spiess-Hegglin zu tun hatten, haben mir im Gespräch versichert, dass ihre Artikel im Nachhinein betrachtet nicht ganz korrekt waren. Dann haben sich aber fast alle beeilt, mich zu warnen, dass ich die Finger vom Fall Spiess-Hegglin lassen solle. Sie behaupten, Jolanda habe bezüglich Journalisten schwer einen an der Waffel. Woher kommt das? Womit muss ich rechnen?

Das sind vermutlich die gleichen Leute, die von Richtern oder Presseräten auf die Finger bekommen haben. Sie können sich entspannen.

«Jolanda Spiess-Hegglin schadet der Sache der Frauen.»

Michele Binswanger, tagesanzeiger; «Jolanda Spiess-Hegglin schadet der Sache der Frauen.»

Es ist ja nachvollziehbar, dass Sie Ihrer Frau glauben. Aber woher kommt diese Unerschütterlichkeit?

Im Gegensatz zu allen anderen habe ich Jolanda unmittelbar nach ihrer Rückkehr von der Feier gesehen. Ich habe mir, nachdem ich aufgewacht bin, ein eigenes Bild von ihrem Zustand machen können. Ich habe mich oft gefragt, was ich gedacht hätte, wenn ich erst am nächsten Morgen auf ihre Schilderungen hätte vertrauen müssen. Vielleicht hätte ich dann auch Zweifel gehabt und mich allenfalls betrogen gefühlt. Aber so, wie ich Jolanda unmittelbar bei ihrer Rückkehr erlebt habe, in diesem Zustand, sicher nicht.

Sie gaben zu Protokoll, sie wirkte wie «sturzbetrunken»?

Ich habe versucht, mit ihr zu sprechen, aber Jolanda war nicht ansprechbar. Sie schien verwirrt und wirkte apathisch und hatte einen glasigen Blick. Ich habe sie kaum noch gekannt. Sie antwortete knapp mit Ja und Nein, aber war völlig fremd. Ich konnte mir absolut keinen Reim drauf machen und habe mir grosse Sorgen gemacht. Denn sie wirkte nur auf den ersten Blick «betrunken». Motorisch war sie absolut kontrolliert unterwegs. So habe ich das zu Protokoll gegeben. Aufgegriffen wurde nur «sturzbetrunken».

Und was passierte dann?

Meine Frau schlief dann ein. Aber ich habe kein Auge zugetan. Ich war schockiert und beunruhigt. Ich habe in regelmässigen Abständen zu ihr geschaut. Der Eindruck, dass Jolanda unter Drogeneinfluss gestanden haben könnte, kam mir in dieser Nacht. Noch bevor sie am Morgen wieder aufgewacht ist und bevor sie mir den Verlauf des Abends überhaupt schildern konnte.

Dann waren Sie es, der mit den K.O.-Tropfen angefangen hat?

Wenn Sie so wollen: Ja.

Was glauben Sie, ist auf dem Schiff und danach passiert?

Ich verlasse mich da eigentlich auf die Ermittlungsprotokolle. Dass meine Frau an einer Landamman-Feier wegen drei Glas Rotwein unbändige Lust auf einen Ratskollegen verspürt, halte ich allerdings für völlig absurd.

«Du bist die grösste Fotze des Landes. Schau dir deinen armen Ehemann und deine armen Kinder an.»

Anonymer Briefschreiber, Juni 2017

Aber manchmal haben Sie doch sicher Ihre Zweifel?

Wir sind seit 11 Jahren verheiratet und seit 14 Jahren ein Paar. Treue ist bei uns so zuoberst, dass es schon langweilig ist. Der Vorfall ereignete sich ohne jede Vorgeschichte. Ich hatte nie etwas mit einer anderen und Jolanda hat nicht einmal einen Zweifel bei mir wachsen lassen in all den Jahren. Diese solide Basis ist ausschlaggebend, dass ich nicht eine Sekunde das Vertrauen verloren habe. Ausserdem hatte ich vom ersten Moment an immer Einsicht in jedes Detail der Vernehmungsakten. Ich habe keinen Zweifel. Weder an meiner Frau noch an ihrer Version der Geschehnisse. Ausserdem hätte sich Jolanda keinen Rechtsaussen an der Landamman-Feier geangelt.

Aber laut «Zuger Zeitung» wurden Ihre Frau und Hürlimann schon zwei Tage vorher zusammen gesehen...

...und hat gleichzeitig mit mir zusammen eine Schwarzwurzelschaum-Suppe gekocht, die übrigens nicht auf Anhieb gelang. Der Zeitungsbericht fusste auf einer blanken Lüge. Genau wie die spätere Behauptung, wir hätten uns getrennt.

Reto Spiess-Hegglin: «Man sollte keineswegs Gras über die Sache wachsen lassen.»

Reto Spiess-Hegglin: «Man sollte keineswegs Gras über die Sache wachsen lassen.»

facebook/jolanda spiess-hegglin

Wie oft haben Sie Ihrer Frau schon gesagt, dass sie jetzt endlich mal Ruhe geben soll, damit Gras über die Sache wächst?

Ich finde keineswegs, dass man Gras über die Sache wachsen lassen sollte. Über eine Sache zu reden ist im Interesse der Opfer. Wir gehen vielleicht unterschiedlich vor, aber wir kämpfen beide. Jolanda vielleicht etwas laut in den Medien, ich leise und direkt.

Meinen Sie, diese Sache geht jemals vorbei? Wann wäre es aus Ihrer Sicht vorbei?

Es hat schon ein bisschen angefangen, vorbei zu sein. Ein kleines bisschen. Die Presseratsverurteilung der Blick-Berichterstattung, das erstinstanzliche Urteil gegen Philipp Guts «Weltwoche»-Artikel, die Entschuldigung in der «Zuger Zeitung», das sind alles wichtige Schritte. Leider braucht die Rehabilitation unendlich lange. Aber immerhin kann Jolanda in ihrer Argumentation jetzt auf Gerichtsentscheide zurückgreifen.

«Und immer noch suchen sie Ausreden.»

Blick-Titelzeile – Autoren: Romina Lenzlnger, Michael Sahli

Ihre Frau zieht mit ihrem guten Aussehen vermutlich auch zahlreiche sexuell motivierte Betrachter an. Trotzdem versteckt sie sich nicht. Haben Sie ihr noch nie gesagt, «jetzt zieh dir mal was Anständiges an, denn so werden wir die Wut-Wixer ja nie los»?

Diese Frage trieft nur so vor Sexismus. Die Frau soll ihrem Mann gefallen, sich aber nicht zu aufreizend anziehen, da sie sich sonst nicht wundern muss, wenn sie von einem anderen begrapscht wird. In einer solchen Welt will ich nicht leben. Wenn wir uns am Schluss nicht mehr getrauen, uns in einem schulterfreien Leibchen zu zeigen, sind wir gedanklich recht nah bei den Taliban. Das bin ich nicht.

Kann man die Kinder schützen?

Wir mussten den Kindern erzählen, dass etwas Schlimmes passiert ist und dass sie nicht glauben sollen, was in der Zeitung steht. Dem Ältesten haben wir eingeschärft, dass er keine Artikel lesen soll, die über seine Mama geschrieben werden. Wenn er etwa im Bus sieht, dass in «20 Minuten» etwas geschrieben wurde, soll er es zu uns bringen und dann schauen wir es gemeinsam an.

Was passiert an der Schule? Was erzählen andere Kinder?

Wir haben mit den Lehrpersonen ein Vorgehen definiert. Ich glaube wir würden hören, wenn es zu Vorfällen oder Mobbing käme.

Würden Sie sich, nach der gemachten Medienerfahrung, freuen, wenn eines Ihrer Kinder Journalist werden will?

Das wäre sicher ein sehr verantwortungsvoller Beruf. Aber so wenig, wie ich meiner Frau vorschreibe, was sie anziehen soll, sag ich meinen Kindern, was sie werden sollen. Das ergibt sich. Hauptsache, sie werden glücklich.

Zurück zur Juristerei und der Ehre. Sie haben gegen die «Weltwoche» gewonnen und der Presserat hat den «Blick» gerügt. Aber nicht jede Unwahrheit ist einklagbar.

Das stimmt. Etwas vom Schlimmsten für uns war ein Artikel im «Tages-Anzeiger». Dort wurde von der warmen Redaktionsstube heraus verkündet, dass es richtige und falsche Opfer gibt. Der Titel des Artikels von Michele Binswanger lautete: «Jolanda Spiess-Hegglin schadet der Sache der Frauen.» Tenor des Kommentars: Wenn Jolanda nicht beweisen kann, dass sie K.O-Tropfen verabreicht bekommen habe, solle sie den Mund halten. Diese vollkommene Umkehr der Beweislast in einer Qualitätszeitung serviert zu bekommen, nahm uns förmlich den Atem. Der Schaden ist in diesem Fall noch grösser als bei einem Boulevard-Blatt. Man hat medial keine Ausweichmöglichkeit mehr «nach oben».

Die verlorene Ehre der Jolanda Spiess-Hegglin erinnert fatal an den ähnlich lautenden Roman von Heinrich Böll. Dort wird ein Hausmädchen, das sich in einen flüchtigen Terrorverdächtigen verliebt, nach allen Regeln der Medienkunst durch die Boulevardmangel der Bild-Zeitung gedreht. Am Schluss erschiesst Katharina Blum den Bild-Reporter. Aus Sicht des Betrachters schon fast in Notwehr, jedenfalls in einer nachvollziehbaren Logik. Irgendwelche Exekutionsgelüste gehabt?

(Lacht). Ich habe mich lustigerweise schon früher einmal sehr intensiv mit dem Buch von Heinrich Böll auseinandergesetzt. Während des Gymis für eine Arbeit. Damals hielt ich das für faszinierend, aber weitgehend für überzeichnet. Ich konnte mir allenfalls vorstellen, dass das in Deutschland in der Bild-Zeitung möglich ist. Aber hier nicht. Da hab ich zu sehr an unsere Gesellschaft geglaubt.

Zu Unrecht?

Ich hab das Buch seither wieder gelesen. Und ich muss sagen, ich bin über die Parallelen zu unserem Fall erschrocken. Für mich ist etwas, das ich 1990 für Fiktion hielt, im Jahr 2015 zur Realität geworden. Die von Böll beschriebenen Abläufe über Medienprozesse, Projektion von Aussen, Ohnmacht, Sprachlosigkeit und Ehrverlust haben wir fast 1:1 so erlebt.

Aber Sie planen nicht, einen Journalisten zu erschiessen?

(lacht nicht) Die Gewalt richtet sich normalerweise bei so einer Medientraumatisierung gegen sich selbst. Niemand hätte sich wundern dürfen, wenn sich Jolanda Gewalt angetan hätte. Umso besser ist es, dass Jolanda einen anderen Weg gewählt hat.

Welchen Weg meinen Sie?

Sie hat ihre Ohnmacht überwunden, indem Sie sich wehrt. Einerseits gerichtlich, andererseits aber auch, indem sie sich, vor allem in den sozialen Medien, Gehör verschafft und offen mit ihrem Fall umgeht. So anstrengend das ist, ich glaube, ohne die Möglichkeit, sofort auf Facebook auf alles reagieren zu können und zu merken, dass es doch ein paar Leute auf ihrer Seite gibt, wäre Jolanda verzweifelt.

Heinrich Bölls Buch: «Haben wir fast 1:1 so erlebt».

Heinrich Bölls Buch: «Haben wir fast 1:1 so erlebt».

Obwohl sie damit immer wieder neue Angriffsfläche bietet? Viele wollen einfach nichts mehr hören von dem Fall. Vermutlich gelten auch Sie, nach diesem ersten Interview, als mediengeil.

Der Vorwurf der Mediengeilheit ist nichts als eine latente Unterdrückungskampagne. Man will Jolanda mundtot machen. Wir sollen mit dem falschen Bild von uns leben und endlich Ruhe geben.

Warum geben Sie ausgerechnet jetzt ihr erstes Interview?

Nachdem wir ein Jahr durch den medialen Fleischwolf gedreht wurden, folgte eine Phase, wo grosse Teile der Gesellschaft nichts mehr hören wollten, die Berichterstattung und die Ungewissheit nicht mehr ertrugen. Erst jetzt, wo Journalisten verurteilt werden und Entschuldigungen veröffentlich werden, scheint der Zeitpunkt für eine besonnene Aufarbeitung gekommen.

Es wird heissen: Ja geben denn die nie Ruhe! Jetzt redet auch noch der Mann. Die Meinungen sind gemacht, man will vermutlich gar keine andere. Wenn man die Spiess-Hegglins wegzappen könnte, würde man sie wegzappen.

Das bedauern vermutlich einige, dass diese Fernsteuerung kaputt ist.

Sind Sie stolz auf Ihre Frau?

Das war ich schon immer und bin es auch jetzt. Wie man so ungebrochen aus so einer Psycho-Hölle hervortreten kann, das finde ich unfassbar. Und der Optimismus, den sie dabei an den Tag legt, auch in den ausweglosesten Zeiten, und die Energie und das positive Denken, mit der sie den ganzen Müll abschüttelt, das finde ich unglaublich. Wir konnten uns immer gegenseitig stützen. Aber Jolanda ist fast noch schneller aus dem ganz tiefen Tal herausgekommen als ich. Wir mussten und müssen ja auch immer an die Kinder denken. Und inzwischen hat Jolanda wieder so eine positive Ausstrahlung und einen Optimismus, sie gibt uns allen wieder Kraft.

Geht Sie am Ende vielleicht sogar gestärkt aus der Sache hervor?

Man sagt das immer so leicht: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Sie musste ihre gesamte politische Karriere über Bord werfen, war arbeitsunfähig und ist immer noch Beschimpfungen und Drohungen ohnegleichen ausgesetzt. Erst aus grösserer zeitlicher Distanz kann man das abstrahieren und inzwischen tatsächlich auch wieder Kraft aus dem Geschehenen schöpfen.

Wo zeigt sich das?

Jolanda baut sich da zurzeit etwas auf. Wer hat inzwischen mehr Kompetenz in diesen Themen? Sie kann ihre Erfahrungen weitergeben. Etwa mit dem Verein, den sie gegründet hat. Sie bekommt für diese Arbeit sehr viel positives Feedback, das sie trägt.

Viele feiern Jolanda Spiess-Hegglin inzwischen dafür, dass sie dem Internet quasi im Alleingang Manieren beizubringen versucht. Ist das nicht etwas viel erwartet?

Ich glaube nicht, dass sie sich das je so überlegt hat. Sie sieht einfach die Missstände und denkt vermutlich, jemand muss es ja machen. Und dann packt sie es an.

Können Sie das ganze Thema überhaupt noch hören?

Ich brauche heute noch, mehr als zwei Jahre danach, jeden Tag das Gespräch zum Thema. Mein Bedarf ist diesbezüglich überhaupt noch nicht gedeckt. Wir sprechen täglich darüber, aber erst wenn die Kinder im Bett sind.

Dann sind Sie immer noch am Bewältigen der Ereignisse?

Ja sicher. Als medizinischer Laie würde ich die Verarbeitung in drei Phasen unterteilen. Zunächst galt es, das Ereignis zu verarbeiten. Das ging sogar relativ schnell. Danach folgte das Medientrauma. Dieses hielt sich mehr als zwei Jahre, bis es schliesslich von der dritten Phase überlagert wurde. Heute beschäftigen mich vor allem noch die Folgen der medialen Hexenjagd. Fast ein Jahr lang lebte ich getragen von einer inneren Zuversicht. Ich war überzeugt, dass nicht nur die Familie, sondern auch ein sehr weit gefasster Kollegenkreis voll hinter uns steht. Ich habe es lange gar nicht für nötig gehalten, das Thema anzusprechen und wurde selten angesprochen. Es war für mich dann niederschmetternd zu erkennen, dass es da durchaus Ausnahmen gab.

Wie erlebten Sie diese Ausnahmen?

Der vermeintlich Charakterfeste entpuppte sich plötzlich als Opportunist, der freundliche Nachbar wird zum blinden Ignoranten und der Vertraute zum Verräter. Solche Erfahrungen führten zu einer dritten Traumawelle. Ich kämpfte gegen Gefühle von Misstrauen, Entfremdung und Isolation.

Sie reden in Vergangenheitsform?

Heute würde ich sagen, dass auch diese letzte Welle klar am abflachen ist. Im Kollegenkreis musste ich mit einzelnen Personen brechen. In einer Extremsituation, wie wir sie erleben mussten, trennt sich die Spreu vom Weizen. Schönwetterkollegen haben wir aussortiert. Dies schafft auch Raum für Neues.​

Und wie sieht es jetzt mit Ihrer Beziehung aus? Wenn man Ihnen zuhört, hat man ja fast das Gefühl, dass sie einander unheimlich nah sind.

Das kann ich so bestätigen. Meine Liebe zu Jolanda ist eher noch stärker als vorher. Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass unsere Hochzeit im Gotthard-Bunker stattfand, aber wir haben ganz sicher etwas Unerschütterliches.

«Wir haben ganz sicher etwas Unerschütterliches»: Jolanda und Reto Spiess-Hegglin.

«Wir haben ganz sicher etwas Unerschütterliches»: Jolanda und Reto Spiess-Hegglin.

zvg

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