«Schockwirkung erzielen»
Wie ein Germanistik-Doktorand und Mao-Bewunderer aus Lausanne zum Corona-Berater der deutschen Regierung wurde

Ein einfacher Mitarbeiter der Universität Lausanne wurde vom deutschen Innenministerium in einen Covid-Expertenrat berufen. Die Universität konnte das nicht glauben – und vermutete eine Täuschung.

Christoph Bernet
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Vom wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Universität Lausanne zum Mitglied des Corona-Expertenrats des deutschen Innenministerium.

Vom wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Universität Lausanne zum Mitglied des Corona-Expertenrats des deutschen Innenministerium.

Keystone

Otto Kölbl (52) hat Gemansitik, Anglistik und Geschichte studiert. Den Österreicher hat es an den Lac Léman verschlagen: In einem 30-Prozent-Pensum nimmt er als extern finanzierter Prüfer Goethe-Sprachprüfungen an der Abteilung für Deutsche Sprache der Universität Lausanne ab. Daneben forscht und doktoriert er gemäss der Uni-Website zur «sozio-ökonomischen Entwicklung in China und anderen Entwicklungsländern sowie über deren Darstellung in den westlichen Medien».

Kölbl wurde vom deutschen Innenministerium (BMI) Mitte März 2020 als Berater in ein internes Expertengremium berufen, wie die «Welt am Sonntag» schreibt. Dabei hat er keine akademische Ausbildung in den Bereichen Virologie, Epidemiologie oder Public Health oder Expertise in einem anderen pandemierelevanten Feld.

Neben Germanistik-Doktorand Kölbl gehörten der Gruppe auch renommierte Fachleute wie der Direktor des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, an. Innerhalb von wenigen Tagen erfüllte das Expertengremium den Auftrag von Innenminister Horst Seehofer (CSU) und dessen Staatssekretär Markus Kerber. Seehofer machte sich Sorgen über die möglicherweise verheerenden Folgen, sollte der damals deutschlandweit geltende Lockdown wie geplant an Ostern beendet werden.

Deutschlands Innenminister Horst Seehofer von der CSU.

Deutschlands Innenminister Horst Seehofer von der CSU.

Hayoung Jeon / EPA

Sein Staatssekretär Kerber stellte ein Team aus führenden Wissenschaftern von mehreren Forschungsinstituten und Universitäten zusammen. Gemeinsam sollten sie ein Papier erarbeiten, welches weitere harte Massnahmen über Ostern hinaus legitimieren sollte, wie die «Welt am Sonntag» schreibt.

Das Ministerium brauche ein Rechenmodell, «um mental und planerisch ‹vor die Lage› zu kommen». Dieses solle bei der Planung «weiterer Massnahmen präventiver und repressiver Natur» helfen, schrieb Staatsekretär Kerber in einem E-Mail.

Plädoyer für autoritären Ansatz

Die Mitarbeit im Gremium verdankt der Lausanner Germanist Otto Kölbl einem Papier mit dem Titel «Von Wuhan lernen – es gibt keine Alternative zur Eindämmung von Covid-19». Dieses hatte er Anfang März gemeinsam mit dem Politologen Maximilian Meyer von der Universität Bonn verfasst - in seiner Freizeit.

Meyer und Kölbl waren früher beide als Lehrbeauftragte an chinesischen Universitäten tätig. In ihrem Papier plädierten sie für einen streng autoritären Ansatz bei der Eindämmung des Coronavirus und warnten eindringlich vor einer Durchseuchungsstrategie.

Die Universität Lausanne erfuhr im März von Kölbls Publikation - und war irritiert. Sie forderte ihn auf, für seine Privatprojekte nicht über die Mailadresse der Universität zu kommunizieren.

Nachdem ihn das Innenministerium als Berater berufen hatte, bat Kölbl das BMI, bei der Universität zu intervenieren. Ihm war offenbar wichtig, über die Mailadresse der Universität zu kommunizieren und sich so mit deren akademischen Renommee schmücken zu können. Staatssekretär Kerber wandte sich in einer E-Mail an die Uni Lausanne und lobte, Germanist Kölbl «habe durch seine Mitarbeit bisher schon enorm wichtige Impulse setzen können».

Uni Lausanne vermutete Fälschung

Angesichts der Intervention aus höchsten Berliner Regierungskreisen zugunsten eines einfachen administrativen Mitarbeiters ohne einschlägige Erfahrung wurde die Universitätsleitung stutzig. Dave Lüthi, Dekan der Philosophischen Fakultät, hielt Kerbers Mail offenbar für eine Fälschung: «Wir halten die Nachricht für nicht glaubhaft und bitten Sie um eine Bestätigung», so seine Antwort. Dekan Lüthi wies den Staatssekretär auf die Anstellung Kölbls als Prüfer für Goethe-Deutschtests hin.

Die Warnung aus Lausanne erreichte das deutsche Innenministerium zu einem Zeitpunkt, als das Expertengremium sein vertrauliches Grundlagenpapier bereits fertig gestellt hat.

Schockszenarien eines Mao-Bewunderers

Gemäss der «Welt am Sonntag» verfasste Kölbl darin grosse Teile des Abschnitts mit dem Titel «Schlussfolgerungen für Massnahmen und offene Kommunikation». Dort plädierte er dafür, in der Öffentlichkeit den «worst case» zu verdeutlichen:

«Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden. … Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen, und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause. Das Ersticken oder nicht genug Luft kriegen ist für jeden Menschen eine Urangst.»

Weiter schrieb Kölbl:

«Kinder werden sich leicht anstecken, selbst bei Ausgangsbeschränkungen … Wenn sie dann ihre Eltern anstecken, und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie z.B. vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.»

Gegenüber der Welt am Sonntag verteidigt Kölbl diese Rhetorik: «Ich bin auch der Meinung, dass alles, was dort steht, korrekt ist. Es ist einfach die Realität, in Wuhan ist genau das passiert.»

Auf seinem Blog verteidigt er die Tibet-Politik Chinas. Auf Twitter zeigt sich der Lausanner Germanist zudem als Bewunderer von Mao Zedong:

Was genau Otto Kölbl, Teilzeit-Verantwortlicher für Deutschprüfungen an der Universität Lausanne, als Corona-Berater für das deutsche Innenministerium qualifiziert, bleibt ein Rätsel. Trotz mehrerer Anfragen der «Welt am Sonntag» gab die Regierung dazu keine Auskunft.