In was für einer Stadt wollen wir leben? Diese Frage stellt sich der Däne Mikael Colville-Andersens fast jeden Tag. Seine Antwort ist klar: In einer Stadt ohne Autos, dafür mit umso mehr Fahrrädern. Sein Heimatort Kopenhagen kommt Colville-Andersens Ideal ziemlich nahe. Zentren aus aller Welt sollen folgen. Auch in der Schweiz war der Velobotschafter unterwegs. Er erkennt viele Mängel, hebt aber eine Stadt hervor.

Herr Colville-Andersen, Sie sind weltweit als Berater tätig und erstellen Veloweg-Konzepte. Wie schneidet die Schweiz im internationalen Vergleich ab?

Mikael Colville-Andersen: Die Schweiz hinkt Lichtjahre hinterher. Euer Konzept, wenn man es so nennen kann, ist simpel: Ihr versucht neue Velowege einfach in das bestehende Strassennetz zu quetschen. Den Gehweg umstreichen und hoffen, damit alle Probleme zu lösen, ist aber kein Konzept. Fahrräder sollten in den Städten Priorität geniessen.

Sie waren in Zürich, Genf und Basel. Wo ist es für Velofahrer am besten?

Die beste Stadt ist zweifellos Basel. Dort ist man weiter als in Zürich oder Genf. Trotzdem bleibt Basel im internationalen Vergleich maximal Mittelmass. Die Infrastruktur verläuft nicht einheitlich, vieles ist zerstückelt. Als Fussgänger weiss man, da ist das Trottoir, da kann ich laufen. Als Velofahrer sucht man den Weg manchmal vergeblich.

Unsere Städte sind oft eng gebaut, da ist der Platz unvermeidlich begrenzt.

Ach, die Ausrede höre ich so oft: «Wir haben keinen Platz!» Aber das stimmt nicht. Die Behörden sind nur nicht gewillt, die Anzahl Autos in den Zentren zu begrenzen. Die meisten dänischen und holländischen Städte sind noch enger als jene in der Schweiz. Trotzdem funktioniert der Velo-Verkehr, weil wir erkannt haben, dass wir zu viele Autos in die Städte lassen.

Ihr Ziel sind also komplett autofreie Städte?

Das ist zwar ein Traum, aber unrealistisch. Hier in Kopenhagen fahren nur neun Prozent mit dem Auto zur Arbeit. Es sind also nicht die Fahrzeuge der Bewohner, welche die Strassen verstopfen, sondern solche von ausserhalb. Wissen Sie, wie italienische Stadtplaner diese Fahrzeuge nennen? Parasiten! Weil sie den gesamten Platz beanspruchen, aber nichts zur Gemeinschaft beitragen.

Jetzt übertreiben Sie.

Nein, die meisten europäischen Städte wurden nicht für Autos konzipiert. Die Fahrzeuge sind erst in den vergangenen 70 Jahren hinzugekommen. Seither wird einfach gequetscht. Nun brauchen wir Alternativen. In Oslo wird 2019 die Innenstadt komplett frei von Privatautos sein. Nur Lieferungen sind erlaubt. Daran sollten sich andere Städte ein Beispiel nehmen. Zürich war bis in die 50er-Jahre ein Traum für Velofahrer, dann begannen Autos die Strassen zu verstopfen.

Nicht nur Autos, auch das kalte Wetter hält Menschen davon ab, das Fahrrad zu nehmen.

Niemand fährt gerne Velo, wenn es draussen eiskalt ist – aber sie tun es trotzdem. Der entscheidende Punkt ist immer: Wie komme ich am schnellsten von A nach B? In Kopenhagen können Velofahrer jede Destination in nur 20 Minuten erreichen. Mit dem Auto dauert es länger. Darum fahren auch 95 Prozent der Bewohner im Winter mit dem Velo zur Arbeit. Aber eben nur, weil die nötige Infrastruktur vorhanden ist.

Eine Initiative will den Bund verpflichten, das Velonetz zu fördern. Auch Gelder sollen zur Verfügung gestellt werden. Ist das der richtige Weg?

Es ist natürlich gut, wenn die Regierung für bessere Velowege wirbt und die Städte finanziell unterstützt. Allerdings sollte der Bund die Konzepte und die Umsetzung den Städten überlassen. Sie wissen am besten, wo die Probleme liegen. Nur wenn die Schweiz den Veloverkehr fördert, können die Städte im internationalen Vergleich besser abschneiden. Oder um es sportlich auszudrücken: Wenn ihr so weitermacht wie bisher, werdet ihr nie die Meisterschaft gewinnen.