Konvertitin

Seit sie an Allah glaubt, versteht ihr Vater die Welt nicht mehr

Vor 16 Jahren wurde aus der Christin Doris Keller eine Muslimin. Jetzt heisst sie Laila Abdallah. (Symbolbild)

Vor 16 Jahren wurde aus der Christin Doris Keller eine Muslimin. Jetzt heisst sie Laila Abdallah. (Symbolbild)

Vor 16 Jahren wurde aus der Christin Doris Keller eine Muslimin. Heute ist sie zum dritten Mal verheiratet und sagt: «Der Islam sagt mir, wo es im Leben lang geht.» Ihr Vater dagegen sagt, der Koran sei daneben. Ein Treffen vor Ostern.

Vater Keller hat seine Tochter an den falschen Gott verloren. Mit dickem Bauch und roten Wangen sitzt der pensionierte Buschauffeur an diesem trüben Montag auf seinem Stuhl, nimmt einen Schluck Kaffee und meint: «Du könntest ja wieder zurück. Ich habe gelesen, dass das jetzt geht, zurückzukonvertieren.»

Dann fügt er an: «Wir haben nicht den gleichen Gott. Es gibt nur einen. Und das ist meiner. Der Koran ist doch daneben.»

Vater Keller will nicht begreifen, dass seine Tochter nichts trinkt, weder Kaffee noch Wasser. Dass sie Kuchen mitbringt, von dem sie nun kein Stück für sich abschneidet, weil sie jeweils montags und donnerstags fastet. Dass sie nicht mehr an den Heiligen Geist glaubt, ihre Haare nicht mehr offen trägt, im Sommer ihre Beine nicht zeigt.

Stattdessen hat sie sich vor 15 Jahren ein Kopftuch gebunden und es in der Öffentlichkeit nie wieder abgelegt. Sie hat ihren Taufnamen Doris gegen den Namen Laila getauscht. Sie isst kein Schweinefleisch, feiert Ramadan und hat vergangene Woche einen Mann geheiratet, den sie über Facebook kennen gelernt hat. Einen Mann, von dem Vater Keller noch gar nichts weiss.

Laila Abdallah, 44 Jahre alt, hat grosse, rehbraune Augen, von der Sonne gebräunte Haut. Ein hellblaues Kopftuch umrahmt ihr Gesicht mit den tiefen Lach- und Denkfalten, mit den vollen Lippen, der markanten Nase.

Der Koran als Wegweiser

Mit 21 Jahren war Doris das erste Mal verheiratet, mit einem muslimischen Türken aus dem Tessin. Sie interessierte sich schon damals für den Islam. Doch ihr Mann konnte ihr keine Fragen beantworten, er wusste selbst nichts über seine Religion. Drei Jahre später machte Doris das Wirtepatent, eröffnete bald darauf ihr eigenes Restaurant, mit ihrem Mann, seinem Bruder und dessen Frau.

Doris gebar ihr erstes Kind. Ihr Mann schlug seine drei Kinder aus erster Ehe, machte Schulden. Als Doris seinem Bruder, ihrem Angestellten, sagte, das Huhn sei nicht durch, schlug ihr Mann ihr ins Gesicht und sagte: Was wagst du es, meinen Bruder zu beleidigen. Irgendwann hatte Doris die Kraft, ihn zu verlassen.

Vater Keller beisst in den Kuchen, die Kaffeemaschine rattert im Hintergrund. «Schmeckt er dir?», fragt Laila. Vater Keller nickt stumm. Vor 15 Jahren wählte er noch die SP. Heute meint er, Christoph Blocher und die Minarett-Initiative hätten das Land gerettet.

Mit ihrem acht Monate alten Buben ging Doris zurück in die Deutschschweiz. In der Tagesstätte lernte sie eine Schweizer Konvertitin kennen, die ein Kopftuch trug. «Ich war schon immer auf der Suche. Mein Vater hat mir den evangelischen Glauben kaputtgemacht. Ich wollte meinen Glauben praktizieren, nicht bloss darüber reden. Und meine Freundin hat mir dabei geholfen, den Islam zu verstehen.»

Vor 16 Jahren, mit 28, konvertierte Doris zum Islam. Ein Jahr lang trug sie ihre Haare noch offen. Bis zu einer Reise in die Arabischen Emirate. Seit ihrer Rückkehr in die Schweiz hat keiner, der männlich ist und nicht zur Familie gehört, je wieder ihre Haare gesehen.

Mit 29 Jahren heiratete Laila ein zweites Mal. Ibrahim, einen gläubigen Muslim aus dem Sudan. Sie nahm den Namen Abdallah an. Sie hatte ihn bis dahin nur in der Öffentlichkeit getroffen, alles andere wäre sittenwidrig gewesen.

«Alle kannten ihn, und sie sprachen nur gut über ihn. Also dachte ich: Er kann kein schlechter Mensch sein.» Ein paar Jahre lief alles gut, Laila bekam zwei weitere Kinder.

«Warum ich an den Islam glaube? Weil er logisch ist. Kein Dogma. Kein blindes Glauben. Im Koran steht: Geh, und prüfe selbst, wenn du nicht glaubst. Denke nach.»

Laila hat sich für den Islam entschieden, weil er eine Gebrauchsanweisung für ihr Leben ist. Weil er in ihr Leben eingebettet ist. Und ihr Leben in ihm. «Der Islam sagt mir, wo es im Leben langgeht. Er ist mein Wegweiser.»

«Du weisst, wie sehr deine Mutter unter dem Kopftuch gelitten hat», sagt Vater Keller nun leise. «Der Krebs, das hatte doch einen Zusammenhang.»

Als Lailas Mutter noch lebte, und Laila mit ihr durch die Stadt ging, hielt diese ungefähr zwei Meter Abstand, gerade so viel, dass man als Aussenstehender nicht sagen konnte, ob die beiden Menschen zueinandergehörten.

Im Bus sass sie ganz vorne, Laila mit dem Kind ganz hinten. Bis zu jenem Tag, als sie zusammen die Schule des Sohnes besuchten. Und die anderen Mütter sich freuten, Laila zu sehen. Da begriff ihre Mutter: Hier war sie nicht in ihrem Quartier. Hier war sie plötzlich die Einzige, die sich für ihre Tochter schämte.

2008 bekam Ibrahim eine Stelle in den Arabischen Emiraten, die Familie wanderte aus. Doch schon bald entpuppte sich auch dieser Mann als unberechenbar, plötzlich fehlte es an Geld, er war selten zu Hause, er belog und vernachlässigte sie. Nach drei Jahren in Arabien reichte Laila die Scheidung ein und flog zurück in die Schweiz.

Es ist später Nachmittag, Laila sitzt in der Küche ihrer 4-Zimmer-Wohnung und schält Karotten für das Abendessen. Ihre Henna-Bemalungen, die sich über beide Hände erstrecken, zeugen von der islamischen Hochzeit, die sie vor einigen Tagen erst vollzog. Mit einem konvertierten Amerikaner, Tausende Kilometer weit weg. Sie lag ihm noch nie in den Armen. Für Laila steht fest: Ihr neuer Mann ist ein besserer Muslim als ihre bisherigen Männer. Gerade, weil er nicht als Solcher geboren wurde. «Die Konvertiten vermischen die Religion nicht mit ihrer Kultur.»

Der Mann, der nicht da ist

Die Heirat fand übers Telefon statt, er hatte zwei männliche Zeugen dabei, es wurde auf Konferenzschaltung gedrückt. Sie haben beide einen islamischen Ehevertrag unterschrieben, in dem es heisst: Er hat für sie zu sorgen, sie zu ernähren. «Das ist im Moment nicht möglich. Aber das ist auch nicht weiter schlimm.» Die rituelle Henna-Bemalung liess sich Laila an der türkischen Chilbi machen.

Laila und ihre drei Kinder leben von der Sozialhilfe. Seit ein paar Wochen hilft Laila in einer Bäckerei aus. Auf dem Weg zur Arbeit hört sie sich über ihr Handy arabische Gebete an, auch wenn sie kaum Arabisch versteht. Sie hat nicht gefragt, wie viel sie in der Bäckerei verdient.

Diese weltlichen Dinge interessierten sie nicht, sagt sie. «Ich würde auch nie irgendwo arbeiten wollen, wo ich mein Kopftuch abziehen müsste.» Ihr Kopftuch ist Lailas Schutz. Vor Regen, vor Sonne, vor Blicken. Auch wenn sie diese damit auf sich zieht. «Es hat mich noch niemand wegen meines Kopftuchs beleidigt. Ich erfahre Respekt.»

Es ist 20.30 Uhr. Laila steht in ihrem Schlafzimmer, mit Kopftuch, ohne Schuhe. Fünfmal am Tag betet sie zu Allah. Während sie mit feiner, leiser Stimme arabische Verse rezitiert, schauen ihre drei Kinder im Wohnzimmer fern. «Galileo, verblüffende Fakten zu unserem Leben».

Kein Licht brennt, nur die Umrisse der Kinder und ihrer Schlafstätten sind zu sehen, die Displays ihrer Handys in der Dunkelheit. Laila kniet auf ihrem kleinen Gebetsteppich nieder und drückt ihre Stirn in das Gewebte, während ein Flugzeug vom Flughafen Kloten über ihr Haus fliegt.

Laila ruft zum Essen. Einzig die Tochter kommt, isst eine kleine Schüssel voll Suppe, und geht wieder aus der Küche. «Sie mögen das Essen nicht. Sie essen etwas anderes als ich. Und ich lasse sie. Und wenn sie an etwas anderes glauben wollen, dann sollen sie.»

Lailas Handy surrt. Ein SMS von ihrem Mann. Sie lächelt. «Er hat sich Sorgen gemacht, weil ich mich so lange nicht gemeldet habe.» Irgendwann wollen sie zusammenleben. Wenn die Zeit gekommen ist. Den Namen Abdallah wird Laila behalten. «Weil die Bedeutung mir so sehr gefällt.» Laila Abdallah: Dienerin Gottes.

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