Hunderte Kilometer Fluchtweg liegen hinter diesen Kindern und Jugendlichen. Alleine. Ohne ihre Eltern suchten sie Schutz in der Schweiz. Wie dieser aussieht, variiert von Kanton zu Kanton. Die Betreuung, Unterbringung und Integration für diese jugendlichen Flüchtlinge weisen grosse Unterschiede auf – ein Umstand, der auch der UNO-Kinderrechtsausschuss in seinem Bericht Anfang Jahr kritisierte. «Es ist reine Glückssache, welche Bedingungen die Kinder und Jugendlichen je nach Kanton antreffen. Will sich die Schweiz weiterhin auf ihre humanitäre Tradition berufen, müssen endlich alle Kantone die Kinderrechtskonventionen einhalten», sagt Nathalie Poehn, Geschäftsleiterin der Non-Profit-Organisation «Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht».

Gartenarbeit, Hausaufgaben, Zitherspiel: So leben die jugendliche Flüchtlinge in Aarau. (August 2015)

Gartenarbeit, Hausaufgaben, Zitherspiel: So leben die jugendliche Flüchtlinge in Aarau.

Auch Margrith Hanselmann sieht Handlungsbedarf. Sie ist Generalsekretärin der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren (SODK), welche nun Richtlinien für die Kantone ausarbeitet. «Die Anzahl der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden ist stark gestiegen. Alle Kantone müssen sich mit ihnen auseinandersetzen», sagt Hanselmann. Deshalb brauche es einen Wissenstransfer. Bislang unerfahrene Kantone sollen vom Wissen der erfahrenen profitieren. Dafür bringt die SODK alle 26 Kantone an einen Tisch. In den Gesprächen wird geprüft, welche minimalen Rahmenbedingungen für alle machbar sind. Wie Hanselmann sagt, sei es aber nicht möglich, das Modell eines bestimmten Kantons für alle zu übernehmen.

Es gibt keine Vorschriften

Als dringend notwendig bezeichnet Andreas Tschöpe die Gespräche der Sozialdirektoren. Der Geschäftsleiter der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) fordert sie auf, «die Anliegen der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden auch zu berücksichtigen». Jugendliche Flüchtlinge haben mit dem SAJV eine Charta ihrer Bedürfnisse erarbeitet.

«Wir nahmen diese entgegen und lassen sie auch in unsere Arbeit und in die Empfehlungen einfliessen», sagt Margrith Hanselmann. Wie weit die Richtlinien gehen sollen, ist gegenwärtig aber noch unklar. Das hängt von den Zugeständnissen der einzelnen Kantone ab. Auch schützen die Empfehlungen nicht vor einer Ungleichbehandlung. «Das sind Hilfestellungen für die Kantone. Vorschreiben können wir ihnen nichts», sagt Margrith Hanselmann.

Die Situation der minderjährigen Flüchtlinge ohne Eltern ist auch im Gebiet der «Nordwestschweiz» unterschiedlich. Das zeigt ein Vergleich zwischen den Kantonen Aargau, Solothurn und den beiden Basel:

  • Vertrauensperson 

Gemäss dem Asylgesetz müssen die Kantone den minderjährigen Flüchtlingen eine sogenannte Vertrauensperson zur Seite stellen. Diese begleitet sie im Asylverfahren. In einer Antwort auf einen politischen Vorstoss schreibt der Bundesrat, dass diese auch «Ansprechperson zur Wahrung sämtlicher Interessen des Kindes» ist. In der Praxis sei dies weder möglich noch der kantonale Auftrag, widerspricht Johan Göttl vom Verein Anlaufstelle Baselland. Der Kanton setzt unter anderem ihn als Vertrauensperson ein: «Wir sind lediglich für den asylrechtlichen Teil verantwortlich. Das heisst, wir unterstützen die jugendlichen Flüchtlinge in Rechtsfragen und begleiten sie zu den Anhörungen.» Doch nicht einmal diese rechtliche Begleitung kommt in allen Fällen zum Zuge. So liegen der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht vier Meldungen aus den Kantonen Aargau und Solothurn vor, wonach Jugendliche alleine an Anhörungen gingen.

  • Wohnen

Die Wohnsituation der jungen Flüchtlinge ohne Eltern variiert zwischen den Kantonen stark. Dies kann ein Bett in einem Raum mit mehreren anderen Erwachsenen in einem Asylheim oder ein Zimmer in einem betreuten Wohnheim sein. Die Kantone Basel-Landschaft und Solothurn kennen keine spezifischen Einrichtungen für die Jugendlichen. Die jüngsten sind vorwiegend in Pflegefamilien platziert, die älteren leben in Durchgangszentren und Asylheimen.

Das beschreiben minderjährige Flüchtlinge als belastend: Es fehle ein ruhiger Ort, um die Hausaufgaben zu lösen, die Erwachsenen würden oft Alkohol trinken und streiten. Einige bekamen aufgrund der schlechten Wohnsituation psychische Probleme. Ganz anders leben die Jugendlichen in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich. Dort gibt es betreute Wohnheime für sie. Auch der Aargau eröffnete im Mai ein solches Heim mit 28 Plätzen. Insgesamt leben aber 150 minderjährige Flüchtlinge im Aargau. Sie sind in kantonalen Unterkünften oder bei Pflegefamilien untergebracht.

  • Betreuung

Eng mit der Wohnsituation verbunden ist die Betreuung der minderjährigen Flüchtlinge ohne Eltern. Hier manifestieren sich die Unterschiede zwischen den Kantonen zusätzlich. Den Jugendlichen in Asylheimen fehlt die enge Begleitung, wie sie in den Wohnheimen vorhanden ist. So wurde im Baselbiet der Fall eines Minderjährigen publik, der auf sich selbst gestellt in einem Asylheim lebte. Drei Monate lang wurde er nicht an die Schule angemeldet.

Das steht im krassen Gegensatz zu Jugendlichen, die in spezifischen Einrichtungen leben. In Basel und Zürich sind sie in einem 365-Tages-Betrieb betreut. Es gibt Hausaufgabenhilfe, Freizeitangebote und Unterstützung im Alltag. Eine solche Einrichtung fordert auch der Verein Netzwerk Asyl Aargau. Die unter 16-Jährigen seien im neu eröffneten Wohnheim inzwischen zwar gut versorgt, sagt die Präsidentin Patrizia Bertschi. «Aber bei den Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren kann man im Kanton Aargau nicht von Betreuung sprechen. Sie brauchen mehr als nur einen Deutschkurs», sagt sie mit Verweis auf die Asylunterkunft in Suhr. Dort leben rund 70 Jugendliche auf drei eigenen Stockwerken. Zwei Sozialpädagogen betreuen sie. Der Kanton will das Personal aufstocken.

Den Kommentar zum Bericht lesen Sie hier.