Basisumfrage

So will sich die CVP neu erfinden – und den Anspruch auf den Bundesratssitz wahren

Eine GfS-Umfrage soll zeigen, mit welchem Parteienprofil die CVP die grössten Wachstumschancen hat.

Eine GfS-Umfrage soll zeigen, mit welchem Parteienprofil die CVP die grössten Wachstumschancen hat.

9619 Mitglieder machten bei der CVP-Basisumfrage von GfS Bern mit. Die Partei müsse unbedingt wachsen, sagt Co-Leiter Lukas Golder.

Der Rücklauf ist sehr hoch. 9619 Mitglieder haben bei der Basis-Umfrage mitgemacht, welche die CVP im April startete. Die Partei hatte mit dem Magazin «Die Politik» ein persönliches Login für eine Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GfS Bern an 80'000 Mitglieder und Sympathisanten verschickt.

Parallel dazu hat GfS eine externe repräsentative Umfrage lanciert zur Frage, wie die Öffentlichkeit die CVP wahrnimmt. Die Resultate liegen bis Ende Juni vor.

Kern der Befragung ist ein Entscheidungsexperiment, das GfS Bern zusammen mit der CVP erarbeitet hat. Die Befragten mussten in fünf Dimensionen zwischen zwei Parteien entscheiden, die sie bisher nicht kannten. «Das ist der Anker der Studie», sagt Lukas Golder, Co-Leiter von GfS Bern.

  • Dimension Bewegungscharakter: Dort konnten sich die Mitglieder zwischen Partei A entscheiden, die es schon lange gibt und die ihre Verankerung in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik betont. Oder Partei B, die sich an einer modernen Bewegung orientiert und sich von den etablierten Parteien abgrenzt.
  • Dimension Lösungsorientierung: Zur Diskussion stand Partei A, die konsequent eigenständige Positionen vertritt. Oder Partei B, die sich über ihre Fähigkeit definiert, tragfähige Kompromisse zu schmieden.
  • Dimension Name: Hier ging es um Partei A, deren Name auf ihre bürgerlich-sozialen Werte setzt. Oder um Partei B, die Bezug nimmt auf ihre christlichen Werte.
  • Dimension Auftritt: Die Mitglieder konnten wählen zwischen Partei A, die sachorientiert kommuniziert. Oder Partei B, die frech und modern auftritt.
  • Dimension Emotionen: Partei A deckt Missstände im Land auf, Partei B orientiert sich an den Sorgen der Bevölkerung und sucht Lösungen.

Mit dem Parteien-Experiment kann GfS im Detail aufzeigen, welche Mitglieder-Kategorien – jung, alt, Mann, Frau, Stadt- oder Landbewohnerin – welches Parteiprofil bevorzugen. Das Parteien-Experiment ist auch Teil der repräsentativen Umfrage.

Das ermöglicht es GfS, zu zeigen, mit welchem Parteienprofil die Bevölkerung der CVP die grössten Wachstumschancen gibt. «Ohne Wachstum verliert die CVP ihren Anspruch auf die Bundesratsbeteiligung», sagt Lukas Golder.

«Das dürfte eine existenzielle Krise bedeuten.» Golder glaubt, dass es über kurz oder lang 14,3 Wählerprozente braucht für einen Bundesratssitz. «Man kann 100:7 rechnen», sagt er. Damit spricht er auf das Parteiensystem an, das sich zunehmend fraktionalisiert. Immer mehr Parteien bewegen sich um die 10-Prozent-Marke.

Lukas Golder, Co-Leiter von GfS Bern, hat die CVP-Umfrage betreut.

Lukas Golder, Co-Leiter von GfS Bern, hat die CVP-Umfrage betreut.

Das Entscheidexperiment in den fünf Dimensionen sei für die Analyse viel wichtiger als die Diskussion, ob die CVP das C behalten solle oder nicht, sagt Golder. Die beiden Umfragen sollen zeigen, wo und in welcher Parteiform die CVP-Basis (Innensicht) Wachstumspotenzial ortet. Und ob das die Bevölkerung (Aussensicht) ähnlich sieht – oder ganz anders.

Natürlich hat GfS Mitglieder wie Bevölkerung auch zum Namen CVP und zu neuen Namen befragt. «Dazu machen wir ein Ranking», sagt Golder. «Das ist aber für uns nicht die zentrale Frage. Wir wollen mit den Umfragen ein Universum an Werten aufzeigen.»

Die Analyse dieses Werte-Universums soll der CVP den Ausbruch aus ihrem katholischen Milieu ermöglichen. Die CVP ist die letzte starke Milieupartei der Schweiz. «Die Milieu-Determinierung der CVP ist ungemein scharf», sagt Golder.

«Sobald das C als katholisches C betrachtet wird, werden die Grenzen messerscharf gezogen.» Im Kanton Solothurn etwa sogar direkt durch einzelne Gemeinden. «In reformierten Gegenden einer Gemeinde kommt die CVP auf null Wählerprozente.»

Eigentlich hätte die CVP gute Chancen, aus ihrem Milieu auszubrechen, glaubt Golder. «Die CVP wird aus reformierter Sicht unterschätzt», sagt er. «Sie lebt, sie hat eine enorme Bindungskraft.» Und in den Stammgebieten habe sie noch den Charakter einer Volkspartei, sei sehr relevant und die Nummer drei aller Parteien bei den Unterschichten.

SVP-nahes Milieu in reformierten Landgebieten als Chance

Hier kommt nun die BDP ins Spiel. Mit ihr habe eine neu ausgerichtete CVP «gute Chancen bei einem SVP-nahen Milieu auf dem reformierten Land», glaubt Golder. Dieses Milieu funktioniere traditionell, habe kein klares Profil, werde nicht besonders gut abgeholt. «Oft sind das Nicht-Wähler.»

Dass sich die Wählerschaften von CVP und BDP ideologisch sehr nahe stehen, zeigten die Politologen Markus Freitag und Adrian Vatter schon 2015 in ihrem Buch «Wahlen und Wählerschaften in der Schweiz» auf. Das grösste Vereinigungspotenzial besteht in der Europa-/Ausländerpolitik sowie in der Umweltpolitik.

Auf eine Frage wird die Studie keine Antwort geben: Ist eine Namens­änderung die letzte Chance, weil alle anderen Massnahmen gescheitert sind? Golder hält fest: «Die Herausforderungen sind fundamental. Aber ob es die letzte Chance ist, ist eine strategische Grundfrage, die ich nicht beantworten will.»

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Autor

Othmar von Matt

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