Pro von SP-Ständerat Roberto Zanetti: Lieber eine etwas holprige Verfassung und glückliche Kühe

Gemäss Tierschutzgesetz darf niemand die Würde eines Tieres missachten. Sie wird insbesondere dann missachtet, wenn dem Tier Schmerzen zugefügt werden und tiefgreifend in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen wird. Dass das Ausglühen der Hornanlagen Schmerzen verursacht, versteht sich von selbst. Gemäss neusten Forschungsergebnissen halten die Schmerzen über Monate an. Es sind sogar lebenslange Phantomschmerzen möglich.

Eine Kuh ohne Hörner ist wie ein Elefant ohne Rüssel, eine Giraffe mit kurzem Hals oder ein Krokodil mit Schmollmund. In das Erscheinungsbild einer Kuh wird durch Enthornung sehr stark eingegriffen. Was jeder Kuhhirt längst weiss, haben nun auch Veterinärwissenschafter nachgewiesen: Mit ihren Hörnern machen Kühe ihre Rangordnung aus, und organisieren so ihr Sozialleben. Ohne Hörner kommt es zu wesentlich härteren Rangkämpfen. Das Enthornen verursacht grosse, lang anhaltende Schmerzen, verändert das Erscheinungsbild massiv und beeinträchtigt die Fähigkeit zur sozialen Organisation der Herde. Eigentlich müsste das Enthornen nach Tierschutzgesetz verboten werden. Das will die Hornkuhinitiative mit Blick auf den Agrarfrieden ausdrücklich nicht.

Sie will bloss tiergerechtes Verhalten belohnen. So wie es Verfassung und Landwirtschaftsgesetzgebung schon lange fordern. Die entsprechenden Mittel sollen im Landwirtschaftskredit kompensiert werden. Bedauerlicherweise hatten weder das zuständige Bundesamt oder Departement noch das Parlament Verständnis für die berechtigte und absolut systemkonforme Forderung der Initianten. Sämtliche Instanzen haben das Begehren schnöde abgeschmettert. So blieb dem Bergbauer Armin Capaul nur noch das Notwehrrecht der kleinen Leute: Die Verfassungsinitiative!

Wenn nun Verfassungsästheten finden, eine Hornkuhzulage gehöre nicht in die Verfassung, mag das nicht gänzlich falsch sein. Dann hätten die Verfassungsästheten aber im parlamentarischen Prozess zu einer eleganteren Lösung Hand bieten müssen. Diese Chance haben sie verpasst. Ich habe lieber einen etwas holprigen Verfassungstext und glückliche, stolze Kühe als eine elegante Verfassung und malträtierte, würdelose Kühe. Deshalb sage ich Ja zur Hornkuh-Initiative!

Kontra von SVP-Nationalrat Thomas de Courten: Sind uns Hornochsen mehr wert als schottisches Rindvieh?

Kann mir jemand erklären, wieso man für Hornochsen mehr Subventionen erhalten soll, als für schottisches Rindvieh der edlen Angus-Rasse? Eher nicht, oder? Umso mehr, als der gehörnte und kastrierte Stier, der Hornochse eben, redensartlich als Sinnbild für Stumpfsinn und Trägheit steht. Das von Natur aus hornlose (!) Angus-Rind dagegen für besonders hochwertige, naturnahe und nachhaltige Fleischproduktion.

Und: Ist es tatsächlich sinnvoll, in unsere Verfassung, die wohl nur für eine satte Wohlstandsgesellschaft relevante Ergänzung zu schreiben, dass der Bund insbesondere Halterinnen und Halter von Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken finanziell unterstützt, solange die ausgewachsenen Tiere Hörner tragen? Notabene zusätzlich zu allen anderen Direktzahlungen, Landschaftsbeiträgen und sonstigen Subventionen. Eher nicht, oder?

Dennoch stimmen wir genau darüber ab. Und zwar nur darüber: mehr Subventionen für Hornviehbauern. Es geht vielmehr ums Geld, als um die Würde des Tiers. Sonst wäre der Tierschutz längst eingeschritten, denn der Tierschutz steht zu Recht in unserer Verfassung. Es mag ein Musterbeispiel unserer Demokratie sein, dass ein gewiefter, beharrlicher, in seiner schrulligen Art durchaus sympathischer Bergbauer es als Einzelmaske fertig bringt, über 100 000 Unterschriften zu sammeln, sodass der Souverän nun über sein Anliegen abstimmen darf. Das verdient Hochachtung und Respekt. Ein Hoch auf unsere Bürgerrechte! Ich wünschte mir wirklich, wir würden diese Bürgerrechte und die direkte Demokratie auch bei anderen Gelegenheiten, gerade bei der Selbstbestimmungsinitiative der SVP gleich hoch halten – und verteidigen.

Doch Bedacht: In Betracht zu ziehen ist auch, dass gehörntes Vieh im Stall angebunden werden muss. Wegen der Sicherheit. Weil die Verletzungsgefahr für den fütternden, melkenden und ausmistenden Bauern sonst zu gross würde. Noch vor kurzem wollten wir aber genau das Gegenteil von Anbinde-Ställen, nämlich Freilaufställe – wegen des Tierwohls. Auch diese Idee haben wir grosszügig subventioniert und mit Investitionsbeiträgen aus unseren Steuergeldern unterstützt. Das zeigt, wie skurril Subventionspolitik sein kann.