Atomkraftwerke

Spröde Druckbehälter: Plant Axpo den Kühlwasser-Trick?

Das AKW Beznau ist das dienstälteste AKW der Welt. (Archiv)

Das AKW Beznau ist das dienstälteste AKW der Welt. (Archiv)

Die Druckbehälter alter AKW sind spröde. Einige Betreiber manipulieren deshalb am Not-Kühlwasser herum. Experten halten das für gefährlich. Sorgen werden laut, dass dies nun auch bei Beznau I geplant sein könnte.

Es sind besorgniserregende Fakten, die die «Süddeutsche Zeitung» und der «Westdeutsche Rundfunk» (WDR) vergangene Woche ans Licht brachten: In mindestens 18 europäischen Atomkraftwerken wird das Not-Kühlwasser vorgewärmt, weil der spröde gewordene Stahl des Reaktordruckbehälters im Notfall den Einsatz der Kühlung möglicherweise nicht überstehen würde. Dies, weil der jahrzehntelange Neutronenbeschuss der Brennstäbe dem Stahl die Zähigkeit genommen hat. Der Druckbehälter würde dem Temperaturunterschied zwischen dem rund 300 Grad Celsius heissen Betrieb und dem mit fünf bis zehn Grad einschiessenden Kühlwasser nicht standhalten. Im schlimmsten Fall könnte der Druckbehälter, das Herz eines jeden AKW, bersten. Die grösstmögliche Katastrophe in einem Atomkraftwerk.

Um den Temperaturunterschied zu verringern, wärmen nun einige Betreiber in Europa das Not-Kühlwasser an. Angesichts der Tatsache, dass die Axpo daran ist, mit Beznau I das dienstälteste AKW der Welt wieder in Betrieb zu nehmen, stellt sich die Frage: Ist der gefährliche Trick mit dem Not-Kühlwasser in der Schweiz möglich?

Der Grünen-Politiker Bastien Girod, Mitglied der Energiekommission (Urek) des Nationalrates, befürchtet, dass genau dieser hochumstrittene Weg des angewärmten Not-Kühlwassers beim AKW Beznau I geplant ist. «Die Sprödheit des Druckbehälters ist ein Problem», sagt der Zürcher. Beznau I sei bereits «ganz nah an der Grenze des Zulässigen». Das Vorwärmen des Kühlwassers sei daher «die einzige Option, um Beznau I wieder ans Netz zu bringen». Die sicherere Alternative wäre laut Girod das Ausglühen des Druckbehälters, was die Sprödheit reduzieren würde. «Doch dafür fehlt der Axpo wohl das Geld.»

Atom-Experten warnen

Für den ehemaligen Leiter des Bereiches Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen im deutschen Bundesumweltministerium, Dieter Majer, ist das Anwärmen des Not-Kühlwassers «etwas, das man nicht machen darf, um die zu starke Versprödung und Beschädigung
des Reaktordruckbehälters zu kompensieren», wie er zur «Nordwestschweiz» sagt. Und Wolfgang Renneberg, bis 2009 oberster Atomaufseher Deutschlands, sagte zur «Süddeutschen» mit Blick aufs Anwärmen: «Bei solch einer Massnahme sträubt sich wirklich alles in mir.»

Seit Monaten steht Beznau I still, die Betreiberin Axpo will das Kraftwerk aber wieder ans Netz bringen. Dafür hat sie den geforderten Sicherheitsnachweis beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) eingebracht. Er wird derzeit geprüft. Weder Ensi noch Axpo wollen sich zur Frage nach dem Not-Kühlwasser äussern. Die Axpo verweist auf das Ensi und die Aufsichtsbehörde ihrerseits auf die laufende Prüfung.

Durch das Vorwärmen des Not-Kühlwassers entstehen Experten zufolge neue Risiken. «Die Temperatur zu erhöhen ist unter Umständen kontraproduktiv, da im Notfall die Wirksamkeit der Kühlung und damit die Sicherheit nicht gewährleistet ist», so Majer.

Für den ehemaligen Leiter des Bereiches Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen ist das Anwärmen des Not-Kühlwassers in etwa so sinnvoll, wie bei einem Auto die Bremskraft zu reduzieren aus Angst, die Bremsschläuche könnten bersten. Die Rolle des Ensi sieht er mit einiger Skepsis, übte auch schon Kritik. Doch dass die Behörde den Kühlwasser-Trick zulässt, traut er ihr letztlich nicht zu. «Hier wäre eine Linie überschritten», sagt er. Auch die Beznau-Betreiber hält er für seriös genug, diesen gefährlichen Weg nicht einzuschlagen. «Ausschliessen», sagt Majer, «kann ich es allerdings nicht.»

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