Klimaziele

Strom statt Sprit: Wo die Schweiz noch CO2-Emissionen sparen kann

Alleine die grössten europäischen Automobilunternehmen investieren bis 2020 gesamthaft über 60 Milliarden Euro in Elektromobilität.

Alleine die grössten europäischen Automobilunternehmen investieren bis 2020 gesamthaft über 60 Milliarden Euro in Elektromobilität.

CO2-Emissionen lassen sich laut einer UBS-Studie vor allem durch eine Zunahme der Elektromobilität senken. Der Klimawandel berge zudem Chancen für alle Sektoren der Schweizer Volkswirtschaft.

Fliegen und Autofahren sollen teurer werden, für Ölheizungen sollen neue CO2-Grenzwerte gelten. Nachdem die Revision des CO2-Gesetzes im Nationalrat gescheitert war, hat der Ständerat dieser Tage mehrere Klimamassnahmen im Transport- und Gebäudebereich beschlossen. Zeitgleich hat die Grossbank UBS eine Studie veröffentlicht, in welcher sie die Ursachen der CO2-Emissionen der Schweiz unter die Lupe nimmt.

Die Studie stützt grundsätzlich die Bestrebungen der Politik. Demnach kann ein geringerer Erdölkonsum den grössten Beitrag zur Senkung der Treibhausgase liefern. Dafür sollen Ölheizungen durch Fernwärme und Wärmepumpen ersetzt werden und Benzin- und Dieselfahrzeuge durch Elektroantriebe.

«Im internationalen Vergleich ist der CO2-Ausstoss der Schweiz sehr niedrig», sagt Carsten Schlufter, Verfasser der Studie und Leiter des UBS-Rechercheteams. Die energierelevanten Emissionen würden mit knapp 37 Millionen Tonnen pro Jahr nur 0,1 Prozent des weltweiten Volumens ausmachen. In diesen Zahlen nicht inbegriffen ist die internationale Luft- und Schifffahrt. Weil sich ihre Emissionen keinem Land zuordnen lassen, sind sie vom Pariser Klimaabkommen ausgenommen.

Am meisten CO2 verursachen die USA, China und Indien, zusammen sind sie wegen ihres hohen Kohle- und Erdölverbrauchs für 50 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. «Auch Deutschland produziert mit 726 Millionen Tonnen etwa zwanzigmal mehr CO2-Emissionen als die Schweiz, obwohl die Bevölkerung nur zehnmal so gross ist», sagt Schlufter. Dennoch ist auch die Schweiz verpflichtet, ihre jährlichen CO2-Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 um 50 Prozent zu reduzieren. Der Ständerat will nun überdies das Ziel «netto null» bis 2050 ins Gesetz schreiben.

Bis 2020 investiert Autobranche 60 Milliarden in Elektromobilität

Strom wird in der Schweiz schon relativ nachhaltig produziert. 55 Prozent stammen von der Wasserkraft, weitere 4 Prozent von anderen erneuerbaren Energien. Da aktuell noch 36 Prozent von der Kernkraft stammen, werden rund 95 Prozent des Stroms CO2-frei hergestellt – in der Stromerzeugung kann die Schweiz also kaum mehr CO2 einsparen. «Senkungspotenzial haben wir hingegen bei Erdölprodukten wie Benzin, Diesel und Heizöl, deren Verbrennung heute etwa die Hälfte der Emissionen ausmacht», sagt Schlufter. Besonders im Transportwesen gelte es den Konsum von Erdöl zu reduzieren und durch CO2-armen Strom zu ersetzen.

In der Studie rechnet die UBS vor, dass der CO2-Ausstoss von Personenwagen um rund 48 Prozent fallen würde, wenn jedes zweite Benzin- und Dieselauto durch ein Elektroauto ersetzt würde. In einem Szenario mit einer 100-prozentigen Substitution wären es sogar 97 Prozent. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik. 2019 hatten die Elektro- und Hybridmodelle bislang einen Verkaufsanteil von 3,6 und 7,1 Prozent. «Alternativen zum Verbrennungsmotor müssen noch konkurrenzfähiger werden. Ebenfalls wichtig ist ein Ausbau der Infrastruktur wie zum Beispiel Ladestationen», sagt Schlufter. «Die Produktauswahl wird aber sicher zunehmen. Alleine die grössten europäischen Automobilunternehmen investieren bis 2020 gesamthaft über 60 Milliarden Euro in Elektromobilität.»

Wasserkraft dank stabilen Strompreisen wieder profitabel

Fahren auf den Strassen zukünftig mehr Elektroautos, braucht es dafür folglich mehr Strom. Wie kann die Schweiz einen höheren Bedarf decken, ohne beispielsweise Atomstrom aus Frankreich importieren zu müssen, wie sie es in den Wintermonaten heute schon tut? Laut Schlufter wird dies eine Herausforderung sein, zumal der CO2-neutrale Atomstrom schrittweise wegfallen wird und die Schweiz aus geologischen Gründen wenig Möglichkeiten zur Produktion von Windenergie hat. «Zum Glück haben sich die Strompreise nach dem Tiefpunkt vor drei Jahren zuletzt wieder stabilisiert. Dadurch ist die Wasserkraft heute wieder sehr lukrativ, was essenziell ist, wenn deren Ausbau teilweise die Lücke der Kernkraft füllen soll.»

Grosses Potenzial hat auch die Solarkraft, die unter den erneuerbaren Energien am schnellsten wächst. Heute liegt ihr Beitrag zur Stromproduktion erst bei 2,9 Prozent, die fallenden Produktionskosten versprechen für Investoren attraktive Margen, heisst es in der UBS-Studie. «Da erneuerbare Energie wie Solar- und Windkraft von Produktionsschwankungen geprägt sind, braucht es noch mehr Forschung im Bereich Energiespeicher», sagt Schlufter.

Mit einem Szenario hat die UBS in der Studie nicht gerechnet: Die Herausforderungen beim Senken der Treibhausgase schienen die CO2-freie Atomkraft auf politischer Ebene zuletzt wieder salonfähiger gemacht zu haben. Schlufter beurteilt ein Revival der Atomkraft jedoch als unwahrscheinlich. Eine fehlende Unterstützung in der Bevölkerung sowie mangelnde Wirtschaftlichkeit und Investitionsbereitschaft würden gegen Neubauten sprechen.

«Chancen für Unternehmen aller Sektoren»

Hingegen biete der Wandel in Richtung Nachhaltigkeit grosse Chancen. «Unternehmen aller Sektoren können sich die Trendwende zu Nutze machen», sagt Schlufter. Werden erneuerbare Energien wettbewerbsfähiger, ergeben sich für Unternehmen Anreize, in diesen Bereichen innovative Produkte und Technologien zu lancieren.

Profitieren können beispielsweise auch Hersteller von Konsumgütern – etwa durch ökologische Verpackungen – oder die Bau-, Immobilien-, Elektro- und Finanzbranche. Nach Ansicht von Daniel Kalt, UBS-Chefökonom Schweiz fokussiert sich die Klimadebatte ausserdem zu einseitig auf die Begrenzung des CO2-Ausstosses. «Genauso wichtig ist es, dass wir uns gegen die Erderwärmung widerstandsfähiger machen.» Auch Unternehmen, die mit Produkten auf die Abschwächung der Folgen zielen, könnten profitieren. Zum Beispiel gebe es in der Landwirtschaft neue Anforderungen an Dünger, ebenso seien im Gesundheitsbereich Innovationen gefragt.

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Autor

Gabriela Jordan

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