In der Plastikbranche tobt ein erbitterter Streit: Es geht um die Frage, wie der Schweizer Kunststoffmüll von 780 000 Tonnen pro Jahr sinnvoll wiederverwertet werden kann. Der Dachverband Swiss Recycling, die Organisation Kommunale Infrastruktur (OKI) – eine Fachorganisation des Städte- und Gemeindeverbands – und die Grossverteiler Migros und Coop stellen sich hinter das etablierte PET-System.

PET-Sammlung bewährt sich

«Es geht nicht darum, Neues zu verhindern, sondern sicherzustellen, dass bewährte Recycling-Systeme nicht kaputtgemacht werden», sagte Christine Wiederkehr von der Migros unlängst zur «Nordwestschweiz». PET gilt als Paradebeispiel für einen geschlossenen Abfallkreislauf: Die Rückgabequote der Getränkeflaschen liegt bei 80 Prozent. Aus den jährlich 40 000 Tonnen entstehen grösstenteils wieder neue Flaschen. So weit so gut, nur landen alle anderen Kunststoff-Verpackungen in der Müll-Tonne.

Wie stehts mit anderem Plastik?

Gemeinden und private Player, wie die Thurgauer Firma Innorecycling AG, sind deshalb dazu übergegangen, flächendeckend Plastik aus den Haushalten einzusammeln. Statt in normale Kehrichtsäcke wandern Shampooflaschen, Tetrapacks, Joghurtbecher und Co. in einen gebührenpflichtigen Kunststoff-Sammelsack.

Die neuen Initiativen stossen bei den Konsumenten durchaus auf Anklang. Innerhalb von vier Jahren habe man 309 Sammelstellen in 245 Gemeinden eingerichtet, sagt Markus Tonner, Geschäftsführer von Innorecycling. Das Problem: Der gemischte Sammelsack konkurrenziert das PET-System. «Die vielen Einzelinitiativen haben zu einer Verwirrung der Konsumenten geführt», sagt Stefan Weber von PET-Recycling. «Die Fehlwürfe haben zugenommen.» Sie führten zu Mehraufwand bei der Sortierung und minderten die Qualität. Zudem geraten PET-Flaschen in die Gemischtsäcke und entgehen so der wertvolleren Separatsammlung. Und die neuen Säcke haben weitere Nachteile: Sie werden im Ausland sortiert. Die Trennung ist aufwendig und teuer, ein Grossteil des Inhalts lässt sich nicht wiederverwerten und wird als normaler Müll verbrannt.

Hohe Kosten, geringer Nutzen

Ein Machtwort im Plastik-Knatsch gesprochen hat nun eine im Auftrag des Bundes, von acht Kantonen und verschiedenen Verbänden durchgeführte Studie: Demnach schneidet der gemischte Sammelsack deutlich schlechter ab als das PET-System. Der geringe zusätzliche ökologische Nutzen der Gemischtsammlung stehe hohen Kosten gegenüber, heisst es in der von der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) und der Basler Firma Carbotech durchgeführten Studie.

Es könne pro Person zwar jährlich 14 Kilo zusätzlicher Kunststoff eingesammelt werden. Der grösste Teil davon wird aber verbrannt. Nur gerade zwischen 25 und 35 Prozent des Sammelguts lasse sich für die Herstellung neuer Produkte verwenden. Der potenzielle Nutzen entspreche gerade mal der Einsparung einer Autofahrt von 30 Kilometer pro Person und Jahr. Zudem sei die Entsorgung im Kehrichtsack mit rund 250 Franken pro Tonne deutlich billiger als jene mit einer neuen Kunststoffsammlung und -verwertung, die auf rund 750 Franken pro Tonne zu stehen kommt. Das Fazit: «Mit dem Kunststoffrecycling wird ein vergleichsweise geringer Umweltnutzen ziemlich teuer erkauft.»

«Eine einseitige Studie»

Markus Tonner kritisiert die Untersuchung: «Die Studie wurde einseitig aus der Optik der Kantone und der Kehrichtverbrennungsanlagen erstellt – und nicht aus Sicht der Konsumenten.» Die Autoren hätten aus seiner Sicht zu einem anderen Schluss gelangen müssen: «Durch die landesweite Einführung einer Gemischtsammlung könnte der CO2-Ausstoss jährlich um bis zu 262  800 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden.» Dieses Sparpotenzial werde bewusst verschwiegen.