Michael Nittnaus

Herr Mäder, seit zwei Wochen protestiert die Studenten-Gruppierung «Unsere Uni» gegen die Bologna-Reform. Erst jetzt solidarisieren sich auch die Schweizer Lehrpersonen. Warum so spät?

Ueli Mäder: Kritische Äusserungen von Dozierenden gab es schon bei der Einführung der Bologna-Reform. Dann hat man versucht, sich mit den Neuerungen zu arrangieren. Bei den aktuellen Protesten bekamen wir Lehrpersonen aber immer mehr das Gefühl, dass die Anliegen der Studierenden in der Öffentlichkeit marginalisiert wurden. Unsere Unterschriftenaktion soll dem entgegenwirken.

Bis zum Wochenende haben 87 Dozentinnen und Dozenten unterschrieben, davon lediglich 15 der Universität Basel...

Mäder: Die Liste wird momentan herumgereicht. Ich bin also zuversichtlich, dass noch viele Lehrpersonen unterschreiben werden. Gleichzeitig muss man auch sehen, dass es einige gibt, die ihre Kritik lieber nicht öffentlich äussern wollen.

Teilen Sie also die Kritik der Studierenden an der Bologna-Reform?

Mäder: Generell möchte ich eigentlich nicht ins Lamento mit einstimmen, was für schreckliche Verhältnisse wir seit der Einführung an unserer Universität ertragen müssen. Es ist immer noch ein Privileg, studieren, und ein noch grösseres, dozieren zu können. Dennoch stelle auch ich eine zunehmende Bürokratisierung des Unibetriebs fest, die das wissenschaftliche Arbeiten beeinträchtigt.

Klingt nach Klagen auf hohem Niveau...

Mäder: Das mag sein, aber es ist berechtigt. Das System muss verbessert werden.

Wo sehen Sie die grössten Probleme?

Mäder: Der Betreuungsschlüssel hat sich verschlechtert. Ich leite dieses Semester ein Soziologie-Seminar mit rund 150 Studenten. Früher waren es vielleicht 30. Auch kam es zu einer Vervielfachung der Leistungsnachweise. Der Administrativaufwand stieg und konzentriert sich weniger auf vertiefende Arbeiten.

Die Protestbewegung kritisiert vor allem auch das Kreditpunkte-System. Wie geht es den Dozierenden dabei?

Mäder: Ich halte das Punktesystem für etwas Kleinkrämerisches. Es lenkt teilweise von den Inhalten ab. Alles muss buchhalterisch aufgerechnet werden. Aber es geht beim Studium doch auch darum, das eigene Denken und die Selbstmotivation zu fördern.

Sind denn diese Verhältnisse auch für Lehrpersonen noch zumutbar?

Mäder: Ich freue mich jeden Morgen wieder darauf, arbeiten zu gehen. Die starke Zunahme der Studierendenzahlen hat auch etwas Belebendes. Ausserdem sehe ich die Proteste immer im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft. Für mich geht es nicht nur um Bologna, sondern um die Verbesserung der Ausbildungschancen aller Jugendlichen, auch abseits der Uni.

Relativieren Sie damit nicht die Proteste?

Mäder: Keinesfalls. Ich unterstütze das Engagement der protestierenden Studenten, denn es braucht eine weitere Demokratisierung der Universität. Und dabei ist der kritische Dialog ein wichtiges Instrument. Unipolitik hat für mich als Soziologen aber nicht die gleiche Bedeutung wie mein Engagement für sozial Benachteiligte und «working poor».

Dann sollte Sie die Kritik an den Arbeitsbedingungen des Uni-Reinigungspersonals besonders gefreut haben...

Mäder: Ja, die Bedingungen haben sich teilweise verschlechtert, seit das Personal nicht mehr direkt bei der Uni, sondern bei Drittunternehmen angestellt ist. Dieses Outsourcing beeinträchtigt auch die berufliche Sicherheit der Betroffenen.

Ist der Unirat ein Hindernis auf dem Weg zu stärkerer Demokratisierung?

Mäder: Der Unirat ist demokratisch legitimiert. Daher akzeptiere ich ihn als Gremium und respektiere das Engagement. Ich halte ihn aber gleichzeitig für kein geschicktes Konstrukt. Der Unirat sollte einen stärkeren, öffentlich-rechtlichen Charakter haben.

Sie teilen inhaltlich viele der Kritikpunkte, die «Unsere Uni» mit der Besetzung der Aula anbringen wollte. Finden Sie auch deren Mittel die richtigen?

Mäder: Die Umsetzung des Protestes ist gewiss verbesserungsfähig. Aber die Aula-Besetzung hat ihnen zumindest die nötige Aufmerksamkeit gebracht, um Anliegen einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Nun muss der Protest in konkrete Verhandlungen münden und ansprechender kommuniziert werden.

In einem Raum, den die Universität der externen Gruppierung gratis und unbefristet zur Verfügung stellt?

Mäder: Es sind ja immerhin Studenten. Und weiterhin eine Plattform zu haben, um die Anliegen genauer auszuarbeiten, finde ich konstruktiv und wichtig.