Schweiz

Task Force-Präsident: «Wir brauchen jetzt zusätzliche Massnahmen»

Martin Ackermann, der Präsident der wissenschaftlichen Task Force des Bundes, am Freitag vor den Medien in Bern.

Martin Ackermann, der Präsident der wissenschaftlichen Task Force des Bundes, am Freitag vor den Medien in Bern.

Bis in zwei Wochen drohen 12'000 Coronafälle. Nun ruft die Task Force des Bundes die Behörden eindringlich auf, ihre Schutzmassnahmen rasch zu verschärfen. «Jeder Tag zählt», warnt Präsident Martin Ackermann.

(sat) Nach den stark gestiegenen Coronafallzahlen in den vergangenen Tagen fordert die wissenschaftliche Task Force des Bundes die Behörden rasch zum Handeln auf. «Wir brauchen jetzt zusätzliche Massnahmen», sagte Martin Ackermann am Freitag in Bern vor den Medien. «Jeder Tag zählt.» Er stellte dazu ein Rechenbeispiel an: Passiere nichts, rechnen die Wissenschafter mit einer Verdoppelungszeit von einer Woche. Dann gebe es in zwei Wochen in der Schweiz bereits 12'000 Neuinfektionen. «Je früher wir also eingreifen, umso besser für uns alle», so Ackermann. Bis Massnahmen sich in stabilisierenden oder gar sinkenden Fallzahlen niederschlagen dauere es eine Woche.

Laut Ackermann sind nun in einem ersten Schritt die Empfehlungen zum Tragen von Hygienemasken auch auf Innenräume auszuweiten. Zudem sei das Homeoffice wieder offiziell zu empfehlen. «Nach der ersten Welle hatte die Schweiz die Schutzmassnahmen sehr früh und rasch gelockert», sagte Ackermann. Darum sei die hiesige Situation nun auch besonders fragil. Im Vergleich zum Ausland sei die Situation in der Schweiz derzeit jedoch vergleichbar. Es gelte von anderen Ländern wie etwa den Niederlanden zu lernen. Dort haben die Behörden diese Woche einen halben Lockdown verfügt.

«Versagt ist ein hartes Wort»

Laut Ackermann haben zwei Faktoren zur aktuellen Verschärfung geführt: Erstens das kühle Wetter – weil sich nun viel mehr Leute drinnen aufhalten komme es zu mehr Übertragungen. Zweitens sei es generell schwieriger, bei grösseren Fallzahlen eine Epidemie unter Kontrolle zu halten. Dass die bisherige Coronastrategie des Bundes und der Kantone damit versagt habe, wollte er nicht kommentieren. «Versagt ist ein hartes Wort», sagte dafür Rudolf Hauri, der Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, auf entsprechende Nachfrage. «Das Contact Tracing funktioniert in der Tat nicht mehr überall in geordneten Bahnen, aber noch vielenorts.» Und es sei sehr wichtig, dieses möglichst aufrecht zu erhalten.

«Wir sind immer noch in der gleichen Situation wie vor einer Woche», sagte dagegen Virginie Masserey vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Auf Nachfrage wollte sie noch immer nicht von einer zweiten Welle sprechen. Und die BAG-Frau wiederholte: «Die Situation ist ernst.»

«Man kann die Kurven vergleichen mit dem Frühling»

Die Ansteckungen hätten in den letzten zwei Wochen stark zugenommen. «Man kann die Kurven vergleichen mit dem Frühling», sagte Masserey. Nun stiegen auch die Hospitalisierungen und die Todesfälle in Zusammenhang mit einer Coronainfektion wieder an. Besorgniserregend sei insbesondere, dass nun auch wieder vermehrt ältere Personen hospitalisiert werden müssten.

Am Freitag hat das BAG 3105 Neuansteckungen mit dem Coronavirus gemeldet. Das ist ein neuer Tagesrekord. Vor einer Woche wurden noch 1487 Neuansteckungen gemeldet. Die Positivitätsrate diesen Freitag lag bei 14,3 Prozent und steigt damit ebenfalls weiter an. Der Tageshöchstwert bei der ersten Coronawelle im Frühling lag bei 1464 Neuansteckungen.

Die aktuellen Rekordwerte sind allerdings etwas zu relativieren. Denn heute wird breiter und intensiver getestet, womit diese nicht direkt vergleichbar sind mit jenen vom Frühling, als Coronatests knapp waren und nur eingeschränkt getestet wurde. Erste Studien gehen nämlich davon aus, dass im Frühjahr lediglich etwa zehn Prozent der effektiven Ansteckungen mit Tests bestätigt werden konnten. Heute dagegen würde etwa die Hälfte der Coronafälle erfasst, so Schätzungen.

Meistgesehen

Artboard 1