Schweiz

Tausende Lehrstellen bleiben dieses Jahr unbesetzt

Für Handwerksbetriebe ist die Nachwuchssuche schwieriger geworden.

Für Handwerksbetriebe ist die Nachwuchssuche schwieriger geworden.

In diesen Tagen beginnt das neue Lehrjahr, und wieder sind viele Lehrstellen offen geblieben. Bald könnte sich das aber ändern.

Eigentlich sollten im Betrieb von Markus Bär heute zwei neue Lehrlinge anfangen. Doch so weit kommt es nicht. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Haustechnikfirma mit 40 Angestellten konnte nur eine seiner zwei Lehrstellen besetzen. Er hat zwar einen Sanitärlehrling gefunden. Aber keinen Heizungsmonteur. Und das, obwohl die Stelle über ein Jahr ausgeschrieben war.

Markus Bär führt die Firma im aargauischen Aarburg seit bald 30 Jahren, er hat sie einst von seinem Vater übernommen und schon über 100 Lehrlinge ausgebildet. Die Suche nach passendem Nachwuchs, sagt Bär, ist in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Für seine Firma ist das aus verschiedenen Gründen ein Problem: Bär kann sein Team nicht so zusammensetzen, wie ihm das vorschwebt. Und dann ist da noch der Blick in die Zukunft. Die unbesetzte Lehrstelle wird sich dann noch einmal auswirken, weil ein ausgebildeter Fachmann fehlt, denn es eigentlich bräuchte.

Es wird mit allen Mitteln um Lehrlinge gekämpft

Geschäftsführer Bär ist mit seinen Sorgen nicht allein. Im ganzen Land sind auch in diesem Jahr wieder Tausende Lehrstellen offen geblieben. Laut berufsberatung.ch, dem Lehrstellenportal der Kantone, sind derzeit noch rund 8500 unbesetzt, wobei es tatsächlich noch deutlich mehr sein sind. Denn gewisse Firmen dürften ihre Angebote bereits wieder entfernt haben. Besonders zu kämpfen hat der Detailhandel, auch an Coiffeusen fehlt es. Weiter sind viele handwerkliche Lehrstellen noch frei.

Verstaubte und beliebte Berufsbilder: So entwickelt sich die Zahl der Lehrabschlüsse seit 2000

Die Schweizer Firmen kämpfen heute mit allen Mitteln um die Lehrlinge. Sie bauen an Berufsmessen grosse Stände auf, stellen bunte Websites ins Internet, lassen sich Werbesprüche einfallen und vieles andere, um ihren Beruf im besten Licht darzustellen. Für die Schulabgänger, die eine Berufslehre absolvieren wollen, ist die Situation komfortabel. Doch das dürfte sich schon bald ändern. Der Bildungsexperte Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, sagt: «Für die nächsten Generationen sind die Aussichten nicht so rosig wie für jene, die jetzt eine Lehre antreten.»
Für den Lehrstellenmarkt gibt es zwei wesentliche Grössen. Die eine ist die Konjunktur, die andere die demografische Entwicklung. In den letzten Jahren ist das Lehrstellenangebot dank der guten wirtschaftlichen Lage stabil geblieben, während die Schülerzahl – und damit das Angebot an potenziellen Lehrlingen – rückläufig war. Nun verschieben sich die Gewichte aber, und zwar deutlich. Stefan Wolter spricht von einem «spektakulärem Babyboom» ab Mitte der 2000er-Jahre. Der hat zur Folge, dass die Zahl der Lernenden auf der Sekundarstufe I in den nächsten Jahren stark ansteigt. 2017 betrug sie rund 238'000; für das Jahr 2021 rechnet das Bundesamt für Statistik in seinem Referenzszenario bereits mit 252'000 Schülern. Und für 2027 gar mit 275'000 - ein einsamer Rekord im langjährigen Vergleich.

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Droht schon bald ein Lehrstellenmangel?

Das sind rosige Aussichten für die Schweizer Lehrbetriebe. Markus Bär hofft, dass sein Unternehmen von der demografischen Entwicklung profitieren kann. «Das ist auf jeden Fall eine Chance für uns», sagt Bär. Ähnlich sieht man das auch beim Arbeitgeberverband. Nicole Meier, die dort für die Berufsbildung verantwortlich ist, sagt: «Die Firmen wollen von der Entwicklung profitieren, gerade auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels.

Der Lehrstellenmarkt wird also in Bewegung geraten - zuungunsten derjenigen, die eine Lehrstelle suchen. «Wir gehen davon aus, dass das Angebot knapper wird», sagt Katrin Frei, Leiterin Berufsbildungspolitik beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. Droht bald gar wieder eine Situation wie Ende der 1990er-Jahre, als Lehrstellen rar waren, so sehr, dass Jugendorganisationen eine Initiative einreichten, um das Problem anzugehen? Frei glaubt nicht, dass es so weit kommt. «Die Entwicklung wird uns nicht mehr so überraschend treffen wie damals», sagt sie. Zudem stünden in den Kantonen heute Instrumente bereit, die man jederzeit aktivieren könne – eine Lehrstellenförderung etwa oder Coaching- und Mentoring-Angebote.

Bildungsforscher Stefan Wolter sagt, er gehe davon aus, dass die Zeiten des Lehrstellenüberhangs bald der Vergangenheit angehören. Doch auch er sieht wenige Anzeichen, dass der Markt in eine ähnliche Schieflage wie vor 20 Jahren gerät. Als Grund führt er unter anderem den Trend zur Matura an. Wenn sich dieser fortsetzt, werden dem Lehrstellenmarkt auch mehr potenzielle Interessenten entzogen. «Für die Jugendlichen wird sich die Situation aber verschärfen, weil die Konkurrenz grösser wird – und damit die Aussichten auf die gewünschte Stelle kleiner», sagt Wolter.

Profitieren wird davon auch die Bär Haustechnik AG in Aarburg. Denn wenn der Wettbewerb um die Lehrstellen sich intensiviert, löst das einen Dominoeffekt aus, der letztlich allen Firmen nützt.

Autor

Dominic Wirth

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