Wegen Stereotypen

Tausende Schweizer mit Wurzeln in Kosovo, Serbien und Kroatien vor den Kopf gestossen - Migros: «Uns wurde gesagt, die Sache sei erledigt»

Die Migros hat es gut gemeint, langte aber kräftig daneben. Das Migros-Magazin widmete Menschen aus dem Balkan eine Serie von Beiträgen und bediente darin veraltete Stereotypen. Dafür erntete das Magazin heftige Kritik – eine öffentliche Stellungnahme der Detailhändlerin blieb aber bisher aus.

Dembah Fofanah ist enttäuscht. Dies ist spürbar, wenn er von den Ereignissen der letzten Wochen erzählt: «Ende Juni wandten wir uns in einem Offenen Brief an die Migros. Keine einzige der darin gestellten Fragen schien wichtig genug, um sie zu beantworten.» Der Mitgründer des anti-rassistischen Kollektivs «VO DA» veröffentlichte diese Worte auch auf der Facebook-Seite. Doch worum geht es?

Am 15. Juni erschien im Magazin des Schweizer Detailriesen Migros ein Bericht mit dem Titel «From Balkan with Love». Dazu gehörte ein Beitrag «Das haben sie uns gebracht». Mit dem «sie» sind Menschen mit Wurzeln in Balkanstaaten gemeint, die in der Schweiz leben. Also hauptsächlich Kosovaren, Serben und Kroaten. Aufgezählt und mit Illustrationen unterstrichen, werden hier fünf Dinge, welche – laut Autorenschaft – in der Schweiz lebende Menschen mit Balkan-Wurzeln ins schweizerische Leben eingebracht haben: nette Taxifahrer, talentierte Fussballer (mit Bild des Nationalspielers Xherdan Shaqiri), bunte Flaggen in den Schrebergärten, Trainerhosen-Mode und teure geleaste Autos.

Hier finden Sie die zitierte Ausgabe als PDF:

«Eine Entschuldigung bei einzelnen Personen reicht nicht»

Diese Aufzählung von veralteten Stereotypen löste wütende und enttäuschte Posts in den Sozialen Medien aus, die schnell unzählige Male geteilt wurden und in einem Shitstorm für die Migros endete. Vor allem junge Menschen, deren Eltern in die Schweiz eingewandert waren, fühlten sich diskriminiert. Sie sind hier aufgewachsen und fühlen sich als Schweizerinnen und Schweizer. Sie sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Dieser Post einer Zürcherin löste die Lawine aus:

FacebookPost

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Das Social-Media-Team der Migros sah sich angesichts der Empörung gezwungen, zu reagieren: «Dieses Special ist uns überhaupt nicht so gelungen, wie wir das wollten. Da hatten wir etwas gut gemeint, aber schlecht umgesetzt. Es tut uns leid, wenn wir Leute damit verletzt haben», so eine der Antworten auf Facebook.

Das Team bot an, dass Verantwortliche für den Magazin-Artikel Stellung beziehen würden. Auch nahmen diese telefonisch mit der Urheberin eines Facebook-Posts Kontakt auf, so etwa Isla Buslevic. Für Dembah Fofanah vom anti-rassistischen Kollektiv «VO DA» reichen diese Reaktionen seitens der Migros aber nicht aus: «Das Migros-Magazin hat eine Reichweite von 2’291’000 Lesenden. Da ist der Schaden nicht behoben, wenn man sich nur bei einzelnen entschuldigt. Es braucht ein öffentliches Statement.»

Facebook-Userin Iva Buslevic, die vom Chefredaktor des Migros-Magazins telefonisch kontaktiert wurde, zeigte sich zwar erfreut über die umgehenden Reaktionen seitens der Detailhändlerin. Gleichzeitig äussert sie aber Bedenken: «Was bleibt, ist die Einsicht, dass so ein „Faux Pas“ nicht passiert wäre, wäre die Redaktion sensibilisiert auf Themen wie Diskriminierung und Rassismus.»

Dieselbe Userin macht auch klar, was diese Berichterstattung bei ihr auslöste: «Mein Kind trägt Migros-Windeln, das Vertrauen in die Marke ist riesig. Wenn dann also ihr hauseigenes Blatt, das die halbe Schweiz als Leserschaft hat, mich und meine Landsleute auf trainerhosentragende Taxifahrer marginalisiert, in aller Öffentlichkeit sozusagen, dann fühlt man sich verraten. Das tut weh.»

Dembah Fofanah, Mitinitiant der Kollektivs «VO DA».

Dembah Fofanah, Mitinitiant der Kollektivs «VO DA».

Deshalb forderte das Kollektiv «VO DA» die Migros am 30. Juni in einem offenen Brief dazu auf, auf eine Reihe von Fragen zu reagieren und die Antworten in ihrem Magazin zu veröffentlichen:

  • Was genau hat dazu geführt, dass das Special mit dieser Text- und Bildsprache so publiziert wurde?
  • Wie gedenkt das Migros-Magazin die Publikation stereotypisierender sowie implizit rassistischer Artikel in Zukunft zu vermeiden?
  • Wie möchte das Migros Magazin seine Mitarbeiter*innen in Zukunft für Rassismus sensibilisieren, um diesen zu erkennen und entsprechende Handlungen dagegen vorzunehmen?
  • Welche expliziten Lehren zieht die Migros aus diesem Vorfall?
  • Welche Änderungen/Verbesserungen werden umgesetzt, um einen Wiederholungsfall zu vermeiden?

Laut Fofanah blieb eine Reaktion der Detailhändlerin aus: «Es geht uns nicht darum, die Migros schlechtzumachen, sondern um eine Richtigstellung mit der gleichen Reichweite, wie es der verletzende Beitrag erfuhr. Das wäre gerecht und wertschätzend und unserer Meinung nach nicht zu viel verlangt.»

Deshalb verschickte das Kollektiv am Dienstagnachmittag ein weiteres Schreiben, dieses Mal adressiert an die Präsidentin der Migros, Ursula Nold. Diese habe den Verhaltenskodex der Migros unterschrieben, worin stehe, dass die Migros und ihre Präsidentin für «die Gleichbehandlung der Menschen mit unterschiedlicher Herkunft oder unterschiedlichem Hintergrund» einstehen.

Die Migros verteidigt sich: «Uns wurde gesagt, das Thema sei erledigt»

Bei der Migros stösst das Vorgehen des Kollektivs auf Unverständnis. «Wir haben mit mehreren Userinnen und Usern persönlich gesprochen, die sich auf Social Media kritisch geäussert haben. Diese zeigten viel Verständnis, und für sie sei das Thema damit erledigt gewesen», sagt Sprecher Patrick Stöpper. Auch mit dem Kollektiv hatte die Redaktion des Migros-Magazins den Kontakt gesucht. «Wir haben aber leider auf unsere Anfrage keine Antwort erhalten», so Stöpper. «Unsere Redaktion hätte gerne mit den Mitgliedern des Kollektivs persönlich gesprochen.» Dass das Kollektiv nun einen erneuten Brief schrieb, sei unnötig. «Wir verstehen, dass das Thememdossier nicht optimal war und würden dies so nicht mehr umsetzen», sagt Stöpper. Dies habe die Redaktion bereits vor drei Wochen öffentlich so gesagt.

Das Kollektiv «VO DA» wiederum weiss nichts von einer Kontaktaufnahme seitens der Migros und hofft weiterhin auf ein gross aufgemachtes Statement zu ihren wiederholt gestellten Fragen. Ob die Detailhändlerin dem nachkommt, werden die nächsten Ausgaben des Magazins zeigen.

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