Unfälle

Tausende verletzen sich beim Schlitteln: So kommen Sie sicher den Berg runter

Ein Vater schlittelt mit seinem Kind in Richtung Talstation der Kronbergbahn. Im Vordergrund eine Absperrung, die Schlittler zwingt, abzusteigen.

Ein Vater schlittelt mit seinem Kind in Richtung Talstation der Kronbergbahn. Im Vordergrund eine Absperrung, die Schlittler zwingt, abzusteigen.

Dieses Wochenende haben in St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden und im Thurgau die Sportferien begonnen. Wer plant, schlitteln zu gehen, sollte dabei einiges beachten. Denn jährlich passieren rund 6700 Schlittelunfälle – auch schwere.

Schlitteln ist so simpel wie gefährlich. Vor einer Woche traf es in Wangs einen 25-jährigen Mann, der über das freie Gelände zum unteren Parkplatz der Pizolbahn schlittelte. Auf der Fahrt verlor er die Kontrolle über den Bob, fuhr über eine steile Böschung und stürzte auf den Parkplatz rund acht Meter tiefer. Dabei verletzte er sich gemäss Kantonspolizei St.Gallen schwer und war nicht mehr ansprechbar.

6700 Schlittlerinnen und Schlittler verunfallen jährlich in der Schweiz, dies zeigt eine Hochrechnung der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU). Jedoch hatte der 25-Jährige alles falsch gemacht, was man falsch machen kann: Die Unfallstelle befand sich weder auf der Ski- noch auf der Schlittelpiste, die ab der Mittelstation gesperrt war. Die Pizolbahnen hatten dies so signalisiert und auf der Website kommuniziert. Zudem war gemäss Kantonspolizei der Bob defekt: Weder die Lenkung noch die Bremsen funktionierten.

«Unfälle sind meistens auf eine falsche Pistenwahl oder das falsche Material zurückzuführen und geschehen bei Stürzen oder Kollisionen», sagt Nicolas Kessler, Pressesprecher der BFU. Am häufigsten verletzen sich Schlittler am Knie, Unterschenkel oder Rumpf. Verstauchungen, Prellungen und Zerrungen sind typisch. Dabei verunfallen durchschnittlich mehr Männer als Frauen. «Männer überschätzen sich eher und ihre Risikobereitschaft ist grösser», sagt Kessler. Um die Gefahr zu mindern, listet die BFU in einer Broschüre Verhaltensregeln auf (siehe Kasten unten am Text).

Schlitteln lernt man doch schon als «Goof»

Braucht es also eine Anleitung zum Schlitteln? Mehrere Wintersportler am Kronberg finden nicht. «Das lernt man doch schon als Goof», sagt etwa Gabriela Eugster. Auch ein Helm sei unnötig. «Schlitteln und Skifahren habe ich auch ohne gelernt.» Genau gleich sieht dies ein Grossvater aus Weinfelden und fügt an: «Anderes ist auch gefährlich. Und einen Helm habe ich sowieso nicht.»

Mit dieser Einstellung könnte er bei Peter Koller gewisse Schlittenarten gar nicht erst mieten. Koller betreibt Bahn und Berggasthaus Gamplüt, präpariert mehrere Schlittel- und Winterwanderwege, und hat viel Erfahrung im Metier.

Vor rund 30 Jahren ist er ins Geschäft eingestiegen. Entsprechend hat er schon einige Unfälle miterlebt. So kam einmal ein Deutscher mit einem modernen Rodel, dessen Kufen extrem scharf und nach innen gedreht waren. «Ich warnte ihn, damit nicht runter zu fahren», erzählt Koller. Doch der Mann hörte nicht.

Auch Davoser seien nicht zu unterschätzen. Das musste eine Frau auf schmerzhafte Art lernen. «Sie und ihr Mann kamen mit einem ziemlich langen Exemplar», sagt Koller. Sie sass vorne, er hinten. «Auf der Fahrt drückte der Mann seine Frau nach vorne und sie verletze sich an den aufstehenden Hörnern das Schambein.»

Deshalb hat Koller auf diese Saison hin einen Schlitten konstruiert, der unfallsicher sein soll. Den «Gamplüt-Familienracer», auf dem zwei bis drei Personen Platz haben, auf dem man nicht nach vorne rutscht, der gut lenkbar ist, eine niedrige Fallhöhe hat und dank breiten Kufen im weichen Schnee nicht einsinkt, wie Koller sagt.

Schweizer schlitteln in Jeans nach Jakobsbad hinunter

Am Kronberg schlitteln pro Saison mehrere Tausend den sieben Kilometer langen Schlittelweg runter. Die Ausrüstung sei sehr unterschiedlich, sagt Markus Koster, Geschäftsführer der Kronbergbahn. «Da sieht man alles. Leute, die top ausgerüstet sind und Leute, die in Jeans und Sneakers kommen – auch Schweizer.» Als Bahnbetreiber habe man jedoch keine Weisungsbefugnis. «Wir können Gäste nicht dazu verknurren, Helm und Skikleidung zu tragen, sondern nur freundlich darauf hinweisen.»

Auch am Kronberg haben sich schon Schlittler verletzt. «Das ist wie im Skisport, wo es fast an der Tagesordnung ist, dass die Rettung ausrücken muss», sagt Koster. «Zum Glück gingen die Unfälle bisher immer glimpflich aus.» Ihm sei deswegen auch wichtig, dass der Schlittelweg von der BFU geprüft ist. Wo nötig sind Auffangnetze, Warntafeln und Absperrungen installiert; mehrmals täglich kontrolliert eine Patrouille die Strecke und ein eigener Rettungsdienst steht bereit.

Tafeln warnen Schlitler in Jakobsbad, dass hier eine Strasse die Piste quert.

Tafeln warnen Schlitler in Jakobsbad, dass hier eine Strasse die Piste quert.

Der erste Schlittel-Lernparcours der Schweiz hat eröffnet

Netze oder Matten helfen aber wenig, wenn Schlittler die Grundregeln nicht beachten oder weder lenken noch bremsen können. Die Sportbahnen Melchsee-Frutt in Obwalden haben deshalb diese Saison einen Schlittel-Lernparcours eröffnet, der erste in der Schweiz. Ein solcher sei bei der Kronbergbahn bisher kein Thema gewesen, sagt Geschäftsführer Koster. «Mangels Schnee könnte eine fixe Installation auch schwierig sein.» Am Pizol hingegen wird das Projekt mit Interesse verfolgt. Vorab sei zwar kein Lernparcours geplant, teilt CEO Klaus Nussbaumer mit. «Sollten die Erfahrungen in Melchsee-Frutt aber zeigen, dass es einen Bedarf gibt, werden wir darüber nachdenken.»

Zum Unfall vom Sonntag sagt Nussbaumer, dieser habe mit dem Angebot am Pizol nichts zu tun, da er abseits von Schlittelpiste und Talabfahrt passierte. Am Pizol verunfallen gemäss Nussbaumer sehr wenige Schlittler. Schwere Unfälle seien länger nicht geschehen.

Doch liegt auch im Flachland viel Schnee, wird an jedem Hang geschlittelt, nicht nur auf offiziellen Pisten. «Das heisst, dass sich mehr Unfälle ausserhalb der signalisierten Pisten ereignen», sagt BFU-Sprecher Kessler. Die grosse Mehrheit der tödlichen Schlittelunfälle passiert laut Kessler auf nicht offiziellen oder geschlossenen Schlittelwegen. Tödlich sind zumeist Kollisionen, oft mit Fahrzeugen. Gemäss der aktuellsten Statistik verstarben in der Schweiz zwischen 2007 und 2016 acht Personen bei einem Schlittelunfall.

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