Ecopop
Umfragen: Echte Konkurrenz für Claude Longchamp

Lange waren die Abstimmungsumfragen von GFS Bern unbestritten. Nun mischelt auch «20 Minuten» mit einer eigenen, gewichteten Online-Umfrage im Geschäft mit. Nicht ohne Erfolg: Bei über der Hälfte der diesjährigen Abstimmungen war sie präziser.

Antonio Fumagalli
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Claude Longchamps Politumfragen haben Konkurrenz erhalten

Claude Longchamps Politumfragen haben Konkurrenz erhalten

Keystone

Gut fünf Wochen vor dem Urnengang wird der Ecopop-Abstimmungskampf dank neuem Zahlenmaterial zusätzlich befeuert. Das Forschungsinstitut GFS Bern hat die erste SRG-Trendumfrage veröffentlicht: 35 Prozent der Stimmbürger hätten letzte Woche ein Ja in die Urne gelegt. Ein ganz anderes Bild zeigt die gewichtete Online-Umfrage, die «20 Minuten» am Dienstag publiziert hat: Dort gaben 53 Prozent der Befragten an, Ecopop zu befürworten – ein frappierender Unterschied.

Welches Umfrageergebnis dem effektiven Resultat näher kommt, wissen wir am Abend des 30. November. Ein Blick auf die diesjährigen Abstimmungsergebnisse fördert aber Erstaunliches zutage: In fünf von neun Fällen war die letzte Online-Umfrage von «20 Minuten» präziser als die repräsentative zweite SRG-Trendumfrage. Bei drei Vorlagen hatte gfs.bern die Nase vorn, einmal gab es ein Unentschieden. Beide Umfragen wurden ungefähr zum gleichen Zeitpunkt publiziert. Spektakulärster, weil gewichtigster Fall: Die Masseneinwanderungsinitiative der SVP, bei der die Online-Umfrage dem Ergebnis bedeutend näher kam.

Frauen und Ältere untervertreten

Der Rückschluss, Internetbefragungen machten die vorwiegend auf Telefonanrufen basierenden GFS-Umfragen obsolet, wäre falsch. Dennoch ist dem Team rund um Politikwissenschaftler Claude Longchamp in jüngster Zeit damit eine ernstzunehmende Alternative erwachsen. Der Vorteil der Online-Umfragen liegt auf der Hand: Die Teilnehmeranzahl ist um ein Vielfaches höher, bis zu 30’000 Personen beteiligten sich in der Vergangenheit. Zudem spielen Störfaktoren wie die sogenannte soziale Erwünschtheit – also die Tatsache, dass jemand seine Antwort aufgrund von sozialen Befürchtungen absichtlich verfälscht – eine geringere Rolle.

Dafür sind bei politischen Internetbefragungen gewisse Bevölkerungsgruppen, beispielsweise Frauen oder ältere Bürger, erfahrungsgemäss untervertreten. Aus diesem Grund lässt «20 Minuten» seine Umfragen von den Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen gewichten, damit die Stichprobe möglichst genau der Struktur der Stimmbevölkerung entspricht.

Naturgemäss ist die Manipulationsgefahr im Internet höher als bei einer telefonischen Befragung. Wie sie gegen solche Versuche genau vorgehen, wollen die Macher des Onlinetools nicht verraten. Eine Manipulation sei allerdings «nur sehr schwer möglich», sagt Leemann. Zudem sei man aufgrund der hohen Teilnehmerzahlen «in der luxuriösen Situation, lieber eine auffällige Antwort zu viel als zu wenig zu streichen».

Beeinflussung durch Artikel?

GFS Bern wollte sich auf Anfrage der «Nordwestschweiz» nicht zur neuen Konkurrenz äussern. Gegenüber der «NZZ» sagte Projektleiter Urs Bieri aber kürzlich, dass bei Umfragen im redaktionellen Umfeld die Gefahr bestehe, dass sich Teilnehmer durch Artikel beeinflussen liessen. Politologe Leemann hält den Einwand für «prinzipiell denkbar». Dann müsse man sich aber fragen, warum die Online-Umfragen bei mehreren Abstimmungen präziser gewesen seien als die Telefonbefragungen.

Welche Umfragemethode bei politischen Fragen mittelfristig als Standard gelten wird, kann der Verband der Schweizer Markt- und Sozialforschung nicht voraussagen. Für dessen Präsident Roland Rosset wäre eine Mischung aller Methoden «die ideale Lösung». Man ermuntere die Mitglieder, «die positiven Aspekte der neuen Technologien aufzunehmen».

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