Schweizer Jetbeschaffung

Ungenaue Kanone und 872 weitere Mängel – grosse Probleme beim US-Kampfjet F-35

Die Schweiz prüft derzeit den Kauf des Kampfjets F-35. Doch bei US-Tests schneidet er schlecht ab.

Den Kauf des F-35 will Lockheed-Martin uns unter anderem so schmackhaft machen: «Die Verteidigung einer friedlichen Nation ist zu wichtig, um dafür etwas anderes einzusetzen, als die beste verfügbare Ausrüstung. Die F-35 wird der Schweiz die Überlegenheit verschaffen, die zum Schutz ihrer Neutralität auch in der Zukunft unabdingbar ist.» So heisst es auf der eingeschweizerten Webseite des US-Rüstungsriesen Lockheed Martin.

In einigem Kontrast dazu stehen derzeit Schlagzeilen, wie sie Ende Januar die US-Agentur Bloomberg setzte: «Die Kanone des F-35, die nicht gerade schiessen kann, kommt zur Mängelliste dazu». Die auf Technologie spezialisierte Webseite «Ars Technica» schrieb: «Der F-35 ist immer noch eine Enttäuschung: Ungenaue Waffe, Cybersecurity-Probleme, mangelhafte Zuverlässigkeit.»

Auslöser solcher Schlagzeilen ist der neueste Prüfbericht des US-Verteidigungsministeriums zum F-35-Programm. Laut dem Pentagon-Report, den Chef-Prüfer Robert Behler in seinem Jahresbericht 2019 veröffentlichte, hat die 25-Milimeter-Kanone beim Air Force-Modell des F-35 «inakzeptable» Treffergenauigkeit. Die vertraglich vereinbarten Spezifikationen würden nicht eingehalten. Die Halterungen des F-35A zeigten Fehlausrichtungen. So ist nicht klar, wohin die Bordkanone genau schiesst.

Zudem sei sie einem Gehäuse montiert, das Risse aufweise. Im Pentagon-Bericht steht: «Einheiten, die neuere F-35A-Jets flogen, entdeckten in der Nähe der Kanonenmündung Risse, nachdem die Flugzeuge die Waffen eingesetzt hatten.» Und an anderer Stelle im Report halten die Chef-Tester fest: «Der F-35A hat auf die Waffe bezogene, strukturelle Probleme, und die F-35A/C haben Risse im Holm (strukturelle Komponente). Die Auswirkungen auf die Lebensdauer und die Notwendigkeit zusätzlicher Inspektionen müssen noch ermittelt werden.»

Grosse Attraktion: «Planespotter» beobachten den F35 auf dem Flugplatz Payerne. (Bild: Keystone)

Grosse Attraktion: «Planespotter» beobachten den F35 auf dem Flugplatz Payerne. (Bild: Keystone)

Der F-35A startet und landet konventionell. Er ist die Version, die Lockheed Martin der Schweiz verkaufen will. Der F-35C ist die Flugzeugträger-Variante. Der F-35B ist für kurze Startpisten ausgelegt und kann senkrecht landen. Der F-35A hat im Unterschied zu den beiden anderen Versionen eine interne Kanone.

Offenbar grosse Probleme bereitet auch die Cybersecurity der Jets. Verwundbarkeiten, die in früheren Testperioden festgestellt wurden, seien immer noch nicht behoben worden, so der Prüfbericht. «Es sind mehr Tests nötig, um die Cybersecurity des Luftfahrzeugs zu bewerten.» Bis heute seien in mehreren zentralen Bereichen Verwundbarkeiten festgestellt worden, die behoben werden müssten, um den sicheren Betrieb zu gewährleisten.

Derzeit 873 Mängel vorhanden

Schonungslos hält der Pentagon-Bericht fest: «Obwohl das Programm an Beheben von Fehler arbeitet, werden immer noch neue Unzulänglichkeiten entdeckt, so dass die Gesamtzahl der Probleme nur minim abnimmt.» Denn die US-Prüfer haben beim Kampfjet mit Stand 4. November 2019 insgesamt «ungelöste 873 Mängel» gezählt, wie sie im Bericht schreiben. 13 davon gehören zur «Kategorie 1», das heisst sie müssen unbedingt behoben werden, weil sie die Sicherheit oder die Kampffähigkeit beeinträchtigen.

Lockheed Martin will der Schweiz seinen Kampfjet verkaufen, dessen Entwicklung bisher 428 Milliarden US Dollar gekostet hat. Der US-Hersteller ist mit einer sehr aktiven Kampagne am Werk. Diskreter geht der zweite US-Anbieter vor, Boeing, der mit dem F/A-18 Super Hornet im Schweizer Rennen ist. Die beiden weiteren Bewerber stammen aus Europa: Der Rafale von Dassault (Frankreich) und der Eurofighter von des europäischen Airbus-Konzerns. Der Bundesrat will maximal sechs Milliarden für neue Kampfjets ausgeben. Als Favoriten gelten bei Insidern der Rafale und der Super Hornet. Im Herbst dürfte das Volk über den Planungsbeschluss befinden, der Grundlage für den Kauf. Welcher Kampfjet ausgewählt wird, will der Bundesrat unter Federführung von Viola Amherd (CVP) aber erst nach der Abstimmung entscheiden.

«Fehleranfälliger Trump-Jet»

Die Resultate der knallharten US-Tester zum F-35 sind Wasser auf die Mühlen der Kampfjet-Gegner. Etwa die Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA), die zusammen mit SP und Grünen Unterschriften für das Referendum zum Planungsbeschluss sammelt. GSoA-Sekretär Lewin Lempert sagt: «Das VBS ist wieder drauf und dran, einen Kampfjet zu kaufen, der an unzählige Kinderkrankheiten leidet.»

Das ist eine Anspielung auf das Debakel um den Gripen, den der VBS und Bundesrat kaufen wollten, obwohl er noch nicht fertig entwickelt war. Aber das Stimmvolk sagte 2014 Nein. Lempert: «Es wäre an der Zeit, dass die Rüstungsbeschaffer alle Informationen auf den Tisch legen, und die Stimmbevölkerung nicht die Katze im Sack kaufen muss. Es darf doch nicht sein, dass am Schluss ein fehleranfälliger Trump-Jet gekauft wird, nur weil einige VBS-Leute immer das neuste Spielzeugwollen.»

Einfach werden es die Kampfjet-Gegner diesmal nicht haben. Die jetzigen Schweizer Jets, die F/A-18, sind extrem pannenanfällig geworden, bleiben zunehmend wegen Rissen am Boden. Und die vorab bürgerlichen Befürworter treten im Unterschied zum letzten Mal bisher geschlossen auf. Mit Viola Amherd steht dem Verteidigungsdepartement zudem eine Bundesrätin vor, die beim Volk sehr grosse Glaubwürdigkeit geniesst.

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