Bildungsqualität

Vielen Kantonen sind die Abschluss-Quoten der Gymnasien egal

Eine Kantonsschülerin in Glarus.

Eine Kantonsschülerin in Glarus.

Der Bund will keinen Qualitätsvergleich von Gymnasien in der Öffentlichkeit. Diese Daten seien bei den Kantonen besser aufgehoben, argumentiert er. Allerdings: Zwei Drittel der Kantone schauen sich die Zahlen nicht mal an.

Der Verdacht ist weit verbreitet, doch kein Bildungsverantwortlicher würde ihn öffentlich äussern: Nicht alle Gymnasien in der Schweiz haben dieselbe Qualität. Es gibt Schulen, welche ihre Gymnasiasten deutlich schlechter auf ein Studium vorbereiten als andere.

Der Bund könnte für Aufklärung sorgen, denn das Bundesamt für Statistik verfügt über langjährige Daten zum Studienerfolg sämtlicher Gymnasiasten der Schweiz. Die Daten sind allerdings unter Verschluss. Einzig Kantone erhalten die Hochschulabschlussquote der Gymnasien auf Anfrage.

Unverständlich findet dies der Nationalrat. Er hat vergangenen Herbst einen Vorstoss der Luzerner CVP-Nationalrätin Andrea Gmür zur Offenlegung der Daten gutgeheissen. Dagegen stellen sich Bundesrat und Kantonsvertreter. Ihr Argument: Werden die unterschiedlichen Studienerfolge der Gymnasien publik, drohten Rankings nach US-amerikanischem Muster ohne jeglichen Informationswert.

Die Publikation ist in ihren Augen unnötig. Vielmehr seien die Daten bei den Kantonen in den richtigen, verantwortungsbewussten Händen. Die Kantone, die ja für die Gymnasien verantwortlich sind, wüssten am besten damit umzugehen.

Economiesuisse fordert Offenlegung

Nur: Die Mehrheit der Kantone scheint sich nicht für den Studienerfolg ihrer Gymnasiasten zu interessieren. Wie das Bundesamt für Statistik auf Anfrage bekanntgibt, haben lediglich 9 der 26 Kantone überhaupt Interesse an den Daten angemeldet. Es sind das die Kantone Aargau, Freiburg, Graubünden, Luzern, Solothurn, Thurgau, Waadt, Zug und Zürich. Alle anderen scheinen sich um die Studienerfolge ihrer Gymnasiasten zu foutieren – und das, obwohl Gmürs Vorstoss bereits zu einer vifen Debatte über den Wert dieser Zahlen geführt hatte.

Für den Chefökonomen des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, Rudolf Minsch, ist die Passivität der Kantone symptomatisch. Er setzt sich seit Jahren für eine nationale Debatte zur Qualität an den Gymnasien ein. Er sagt: «Einmal mehr zeigt sich, dass die Kantone ihre Schulen nicht hinterfragen wollen.»

Minsch wirft den Bildungsverantwortlichen vor, bewusst wegzuschauen, um ihre Illusionen der perfekten Schulen nicht aufgeben zu müssen. «Man glaubt, man sei über alle Zweifel erhaben, und ruht sich auf dem Erreichten aus», kritisiert er.

Minsch konstatiert auch Beisshemmungen. «Es fehlt im Schweizer Bildungswesen oftmals der Mut, eine echte Qualitätsdiskussion zu führen.» Der Schluss für ihn ist klar. «Es braucht eine Offenlegung und eine nationale Debatte zur Qualität an den Gymnasien.»

Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle

Wie kann es sein, dass die Kantone die vorliegenden Daten nicht nutzen, um ihre Schulen zu verbessern? Silvia Steiner als Präsidentin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren nimmt nur schriftlich Stellung. «Weshalb nicht mehr Kantone die Zahlen angefordert haben, kann ich nicht sagen», schreibt sie. «Es heisst aber nicht, dass, wenn ein Kanton die Zahlen nicht angefordert hat, er sich nicht für die Qualität seiner Gymnasien interessiert.»

Steiner ist Zürcher Bildungsdirektorin und vertritt damit einen Kanton, der die Studienerfolge seiner Gymnasiasten beim Bund eingeholt hat. Sie schreibt denn auch, dass die Studienverläufe für die Bildungspolitik durchaus relevant seien. Man dürfe daraus allerdings keine vorschnellen Schlüsse auf die Qualität der Schulen ziehen. Es gebe «verschiedene Faktoren», die ohne Einbettung schwierig zu interpretieren seien, wiederholt sie die Befürchtungen vor den Rankings.

CVP-Nationalrätin Gmür äussert sich überrascht, dass lediglich ein Drittel der Kantone die Daten zum Studienerfolg ihrer Gymnasien eingeholt haben. «Offenbar muss man die Kantone zu ihrem Glück zwingen», sagt sie.

Sie bekräftigt ihre Forderung nach der Offenlegung. «Es braucht den Druck, dass die Kantone diese Qualitätskontrolle durchführen und, falls angezeigt, Gegenmassnahmen ergreifen.»

Interesse an den Daten des Bundesamts für Statistik meldet auch die Schweizer Maturitätskommission an. Sie ist für die Maturitätsanerkennungen im Land zuständig. «Der Studienerfolg an den Hochschulen ist für uns ein wichtiger Gradmesser, ob die Gymnasien ihre Bildungsziele erreichen», sagt Kommissionspräsident Hans Ambühl. Der ehemalige Generalsekretär der Konferenz der Erziehungsdirektoren ist seit gut zwei Jahren im Amt und hat sich dafür eingesetzt, dass die Kommission Einblick in die Daten erhält.

Derzeit ist er mit einer Arbeitsgruppe daran, die Zahlen zu interpretieren. «Wenn wir Auffälligkeiten sehen, werden wir mit den betroffenen Kantonen und Gymnasien das Gespräch suchen», kündigt Ambühl an. Dann gehe es darum, zu klären, ob der mangelnde Studienerfolg auf die ungenügende Vorbereitung der Gymnasien zurückzuführen ist.

Nationalrätin Andrea Gmür und Rudolf Minsch von Economiesuisse begrüssen, dass die Maturitätskommission aktiv wird. Minsch weist auf die Schweizer Besonderheit hin, dass die Maturität automatisch zum Eintritt in eine Hochschule berechtige. Dies sei ein «unerhörtes Privileg» der Schweizer Gymnasien. Umso wichtiger sei es, dass diese an ihrer Qualität arbeiteten. «Sonst ist über kurz oder lang der prüfungsfreie Zugang zu den Hochschulen gefährdet», sagt Minsch.

Zur Forderung der Transparenz will sich Ambühl von der Maturitätskommission nicht äussern. Dies gehöre nicht zu seinem Auftrag. Für Gmür und Minsch ist es indes klar, dass es beides braucht. «Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu wissen, ob das Geld in der Bildung zielgerichtet eingesetzt wird», sagt Gmür. Und Minsch sagt: «Dass man im Jahr 2019 noch eine solche Transparenzdiskussion führen muss, ist beschämend.»

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