Schweizer Luftwaffe
Viola Amherd will mehr Kampfjets für weniger Geld – dafür braucht es so einige Abstriche

Bundesrätin Amherds Experte Claude Nicollier empfiehlt den Kauf von 40 Kampfflugzeugen. Seine Auftraggeberin will dafür aber nur 6 statt der nötigen 8 Milliarden Franken geben. Damit es dennoch reicht, braucht es Abstriche.

Eva Novak
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Ein Kampfjet des Modells Boeing F/A-18 Super Hornet nach einem Testflug auf dem Militärflugplatz Payerne.

Ein Kampfjet des Modells Boeing F/A-18 Super Hornet nach einem Testflug auf dem Militärflugplatz Payerne.

Keystone

Um eine klare Aussage hat sich die Verteidigungsministerin gedrückt. Sie werde dem Bundesrat eine Lösung vorschlagen, «die den Empfehlungen so weit wie möglich entgegenkommt», erklärte Bundesrätin Viola Amherd am Donnerstag bei der Präsentation der Zusatzberichte ihrer Experten zum Projekt «Air 2030».

Sie liess dabei durchblicken, dass sie nicht mehr als die geplanten 8 Milliarden Franken für neue Kampfjets sowie für Boden-Luft-Raketen samt Radars (Bodluv) zur Verfügung stellen will. Das sei «schon ein stolzer Betrag», sagte sie am Rand der Medienkonferenz.

Damit widerspricht Amherd den Empfehlungen ihres Experten Claude Nicollier. Der Ex-Astronaut plädiert für die Option 2 – also für jene Variante im Bericht der von Guy Parmelin eingesetzten «Expertengruppe Neues Kampfflugzeug», die den Kauf von 40 Kampfjets vorsieht (vergleiche Interview am Ende des Artikels). Danach würde die Beschaffung von so vielen Fliegern 8 Milliarden Franken kosten.

Limite liegt offiziell bei 6 Milliarden Franken

Doch Amherd will offenbar weniger investieren. Das zeigt der aktuelle Entwurf für einen Planungsbeschluss aus ihrem Departement, der unserer Zeitung vorliegt. Darin wird das Beschaffungsprojekt wie von Nicollier gefordert aufgeteilt und das Finanzvolumen für die Kampfflugzeuge auf «maximal 6 Milliarden Franken» festgelegt. Für Bodluv wird keine Zahl genannt, sondern lediglich festgeschrieben, dass die Beschaffung mit dem Kauf neuer Kampfflugzeuge «zeitlich und technisch koordiniert» werden soll.

Der ehemalige Astronaut und Kampfjetpilot Claude Nicollier.

Der ehemalige Astronaut und Kampfjetpilot Claude Nicollier.

KEYSTONE

Bei der Schweizerischen Offiziersgesellschaft (SOG) kommt dies gar nicht gut an. 6 Milliarden Franken seien nicht genug, sagt Präsident Stefan Holenstein: «Mit diesem strikten Preisschild wäre eine glaubwürdige Luftverteidigung in Frage gestellt.» Für diese Summe 40 Kampfjets kaufen zu wollen, sei «Wunschdenken» – ausser man schränke sich von vorneherein ein und wähle den billigsten. Damit ende man aber wohl wieder beim Gripen der schwedischen Firma Saab.

Für die übrigen vier Jets – Eurofighter (Airbus), Rafale (Dassault), F/A-18 Super Hornet (Boeing) sowie F-35 (Lockheed Martin) – dürfte der Systempreis bei 200 Millionen Franken pro Flugzeug liegen, wie schon Parmelins Experten ausgerechnet haben.

Dieser beinhaltet nicht nur die Ausgaben für das einzelne Flugzeug, sondern auch für Zubehör wie Zusatztanks, Sensoren, Waffen, Munition, Ersatzteile, Simulatoren sowie die Kosten für die Integration in die bestehenden Führungs- und Logistiksysteme. Bezieht man all das mit ein, kosten 40 Kampfjets gut und gerne 8 Milliarden Franken.

Rüstungsfachleute und Vertreter der Jetanbieter zählen jedoch eine ganze Reihe von Möglichkeiten auf, wie man für weniger Geld zu mehr Jets kommen kann.

Angefangen bei der Verhandlungstaktik. Wenn fünf Anbieter um einen Auftrag buhlen, lassen sich Dutzende von Millionen sparen, wenn man den Wettbewerb spielen lässt und den Preis aushandelt, bevor der Typenentscheid gefällt wird. Beim Gripen war es seinerzeit umgekehrt. «Diesen Kapitalfehler darf man nicht wiederholen», sagt Holenstein.

Zweitens kann der Anschaffungspreis durch eine Reduktion der Wunschliste gesenkt werden, namentlich durch den zumindest vorläufigen Verzicht auf den Kauf neuer Waffen. Es ist noch keine drei Jahre her, dass die amerikanische Mittelstrecken-Radar-Lenkwaffe AIM-120 C-7 Amraam in unser Land ausgeliefert und als «Modell der neusten Generation» angepriesen wurde.

Was für 180 Millionen Franken für die F/A-18 beschafft wurde, kann beim Nachfolger Super Hornet oder bei einem Konkurrenzprodukt angehängt statt entsorgt werden. Die europäische MBDA Meteor kann dann später folgen – die von der Luftwaffe gewünschte Hyperschall-Lenkwaffe der Superlative, die zwar viel weiter und schneller fliegt, aber auch viel mehr kostet.

Drittens können die neuen Jets zwar wohl wie gewünscht die Fähigkeit zur Aufklärung sowie zum Erdkampf haben, welche die Schweizer Luftwaffe mit der Ausmusterung der Mirage 2003 sowie der Hunter 1994 verloren hatte. Der Kauf der dazugehörenden Aufklärungsbehälter – die mit Kameras, Sensoren, Radars und sonstiger Elektronik vollgepackt sind – lässt sich aber ebenso aufschieben wie jener der Luft-Boden-Bewaffnung.

Dazu kommt die Frage der Menge: Manch einer wunderte sich bei der letzten Evaluation, warum die Schweiz beim französischen Hersteller Dassault eine Offerte für 7 Aufklärungsbehälter wünschte, wo doch Frankreich, die «Grande Nation», mit 4 auskommt.

Viertens stellt sich die Frage der Ersatzteile. Für den Tiger F-5 verfügt die Schweiz über enorme Vorräte, die ebenso wie die Tiger selbst bei der Ausserdienststellung für einen Spottpreis verscherbelt werden müssen. Allerdings ist ein kleines Ersatzteillager immer auch mit einem Risiko verbunden.

So gestand Ingo Stüer von der deutschen Luftwaffe kürzlich ein, dass die tiefe Einsatzbereitschaft des Eurofighters in Deutschland damit zusammenhänge, dass man vor einigen Jahren zu wenig Ersatzteile bestellt habe und die Lieferungen erst nach jahrelangen Vorlaufzeiten erfolgten.

Mit gemeinsamer Nutzung von Simulatoren in der Anfangsphase oder einer zumindest teilweisen Auslagerung der Pilotenausbildung in das Herstellerland liesse sich fünftens ebenfalls Geld sparen.

«Man muss nicht immer alles gleich sofort haben»

Alles Möglichkeiten, die Holenstein grundsätzlich befürwortet: «Man muss nicht immer alles gleich sofort haben», sagt der SOG-Präsident. Gegen die Nutzung länderübergreifender Synergien mit befreundeten Ländern sei ebenfalls nichts einzuwenden, und es sei auch nicht angebracht, übermässig viele Ersatzteile zu horten, die nur vor sich hin motten würden.

Nicht anfreunden kann sich der oberste Milizoffizier hingegen mit dem Vorschlag von Amherds Experte Kurt Grüter, die Kompensationsgeschäfte von 100 auf 60 Prozent zu reduzieren. Damit liessen sich zwar je nach Berechnung Dutzende oder Hunderte von Millionen sparen – wie viel genau, weiss auch Grüter nicht. Doch die Industrie wehrt sich dagegen, und die Offiziere mit ihr: «Wir gewichten die Stärkung der einheimischen Rüstungsindustrie viel höher als das Einsparpotenzial», formuliert es Holenstein.

Amherd scheint das ähnlich zu sehen: Im neusten Planungsbeschluss aus ihrem Departement wird jedenfalls weiterhin eine hundertprozentige Kompensation verlangt.

Freude herrscht da wohl keine?

Nachgefragt bei Claude Nicollier (74), ehemaliger Kampfjetpilot und ESA-Astronaut, der die Erde als bisher einziger Schweizer vom Weltraum aus gesehen hat.

Sie plädieren für die Variante mit 40 Kampfjets. Warum?

Claude Nicollier: Option 1* ist zu teuer, Option 4 reicht bei Weitem nicht aus, also bleiben aus meiner Sicht nur die Optionen 2 und 3 mit 40 beziehungsweise 30 Kampfflugzeugen. Für mich gab die Durchhaltefähigkeit im Fall von Spannungen den Ausschlag. Wir sehen ja jetzt mit unseren noch verbliebenen 30 F/A-18, wie schnell es zu Problemen kommen kann.

Inwiefern?

Die Arbeiten zur Verlängerung der Lebensdauer halten zwei Drittel der Flotte am Boden, nur ungefähr 10 Flugzeuge sind verfügbar. Weil es komplexe Flugzeuge sind, kann es immer zu solchen Schwierigkeiten kommen, die dazu führen, dass nur ein Bruchteil verfügbar ist. Mit 40 Flugzeugen ist die Manövriermasse grösser.

40 Kampfflugzeuge kosten aber 8 Milliarden Franken, sagen die Experten, deren Bericht Sie sehr loben. Ist es das wert?

Das zu beurteilen liegt nicht an mir. Extrem wichtig ist jedenfalls, dass der Kauf aus dem ordentlichen Armeebudget finanziert werden soll, welches ab 2021 um 1,4 Prozent pro Jahr erhöht wird. Das ist weniger, als man meint. Wir investieren damit in Friedenszeiten in die Aufrechterhaltung unserer Souveränität im Luftraum. Wir können uns diesbezüglich nicht auf unsere Nachbarn verlassen. Letztlich ist es auch eine Frage des Respekts, den andere Nationen der Schweiz entgegenbringen. Wir wollen kein verantwortungsloses Land sein, das sich nicht um seine eigene Sicherheit kümmert.

Es sieht danach aus, als ob es nicht mehr als 6 Milliarden für neue Kampfjets gäbe. Freude herrscht da wohl keine, Monsieur Nicollier?

Nein, denn es geht auch hier um eine Frage der Verantwortung. Wenn wir nur 30 Jets kaufen, sind wir an der Grenze. Das ist eine Entscheidung: Man kann entscheiden, an der Grenze zu sein oder eine Reserve zu haben. Mit 40 Flugzeugen haben wir eine Reserve. Mit nur 6 Milliarden haben wir eine begrenzte Luftwaffe. Das ist nicht inakzeptabel, aber sicher nicht vernünftig.

Ihr Bericht wird rundherum gelobt, da er angenehm zu lesen sei. Sie hatten nicht viel Zeit, ihn zu schreiben. Hatten Sie Hilfe beim Schreiben?

Entstanden ist er nach ausführlichen Gesprächen mit Christophe Keckeis. Einige Passagen sind sicher von seinen Ideen inspiriert, aber geschrieben habe ich den Bericht selbst. Für mich ist Christophe Keckeis ein persönlicher Freund, nicht nur der ehemalige Chef der Armee. Ich bringe ihm sehr viel Respekt und Vertrauen entgegen.

Es geht um viel Geld. Wurden Sie von irgendeiner Seite – etwa von Kampfjetherstellern oder Politikern – unter Druck gesetzt?

Ich hatte absolut keinen Kontakt, weder mit Kampfjetproduzenten noch mit Politikern. Mir geht es um eine Frage der Verantwortung. Bundesrätin Viola Amherd hat eine Verantwortung gegenüber dem Schweizer Volk, und sie nimmt diese sehr ernst. Dabei unterstütze ich sie voll und ganz. (eno)

*Option 1 sieht den Kauf von 55 bis 70 Kampfjets für 11 bis 14 Milliarden Franken sowie von bodengestützter Luftverteidigung für 4 Milliarden Franken vor. Option 4 begnügt sich mit 20 neuen Kampfjets und kostet insgesamt 5 Milliarden Franken.

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