Analyse

Von den Bundesbehörden brauchen wir in der Coronakrise vor allem eines: Klartext, bitte!

Der Bundesrat kündigt einen schrittweisen Ausstieg aus den Corona-Massnahmen an.

Der Bundesrat kündigt einen schrittweisen Ausstieg aus den Corona-Massnahmen an.

Analyse zur Coronakommunikation der Behörden.

Wenn in Bern einschneidende Entscheide getroffen werden, zeigt das Fernsehen keine Bilder mehr aus Parlament und Wandelhalle. Zum sichtbaren Machtzentrum der Schweiz ist ein fensterloser Raum im Untergeschoss eines Sandsteinbaus geworden: der Konferenzsaal im Medienzentrum des Bundes.

Ein nüchterner Raum, typisch helvetisch: Der Bundesrat muss die Strasse überqueren, um dorthin zu gelangen. Auf einen unterirdischen Gang hatte man aus Kostengründen verzichtet.

An diesem Ort verkünden Bundesräte und Spitzenbeamte Entscheide von grösster Tragweite. Auf Deutsch, Französisch und Italienisch schliessen sie Betriebe, verkünden Milliardenzahlungen, schränken die Grundrechte ein. Die Miene ist ernst, der Ton gravitätisch. Zehntausende verfolgen die Live-Übertragungen.

Zuerst werden magistral die Entscheide verkündet, dann heben Journalisten, an Holzpulten sitzend, die Hände und stellen Fragen. Männer machte diese Kommunikation zu Helden. Alain Berset und der Beamte Daniel Koch wurden zu Superstars stilisiert, über den vorher unbekannten Brigadier Raynald Droz schwärmte ein gestandener NZZ-Journalist: «Selten wurde die Armee schöner repräsentiert.»

Die Kommunikation: Sie wirkt transparent: Jeder Bürger kann per Livestream zuschauen. In Zeiten, in denen neue Gesetze verordnet und eine Gesellschaft innert Küre umgepflügt wird, werden vor laufender Kamera ohne Zeitdruck Details abgehandelt: Darf man bald wieder boxen? Oder doch lieber Fussball spielen? Doch in dieser Kommunikation gibt es Lücken.

Sind Kinder ansteckend oder nicht? Dazu lösten die Äusserungen von Experte Daniel Koch mehr Unsicherheit aus, als sie klärten. So transparent die bundesrätliche Kommunikation eben mündlich ist, schriftlich erfolgt nur wenig. Die Grundlagen, worauf der Bundesrat seine Entscheide stützt, sind nicht transparent.

Anders als in Deutschland: Dort gibt die Regierung mehr preis, auch über das Robert Koch-Institut, das auf seiner Website Dokumente veröffentlicht. Die Schweizer Expertengruppe, die den Bundesrat berät, hat auch eine Website: Kein einziges Dokument hat sie bisher veröffentlicht.

Das hat Folgen, am besten sichtbar bei der Maskentragpflicht: Schwarz auf weiss begründete die deutsche Regierung, warum diese Sinn macht, trotz offener Fragen zur Wirksamkeit. Ganz anders war es in der Schweiz. Tagelang stellten Journalisten die immer gleichen Fragen zu den Masken. Eine nachvollziehbare Antwort kam nicht.

Es schien: Weil man nicht genügend Masken hat, soll sie auch niemand tragen. Und bis dahin soll man dem Bundesrat seine Version glauben. Bis dieser dann selbst plötzlich umschwenkte. Intellektuell ernst genommen fühlt sich der aufgeklärte Bürger nicht. Und bevor der Bund die umstrittene Verfügung veröffentlichte, mit der Swisscom-Handydaten angezapft werden, musste erst der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte einschreiten.

Vorher galt: Zuhören und glauben reichen. Eine Kommunikation, die zu einer Exekutive passt, die mit umfassenden Rechten versehen ist.

Inzwischen zeigen sich die Schwächen dieser paternalistischen Kommunikation, die grossteils nur mündlich läuft, bei der man den Lippen der Protagonisten Glauben schenken muss. Die Zeit, als alle Parteien vorbehaltlos hinter dem Bundesrat standen, ist vorbei. Was Bundesrat und Verwaltung im fensterlosen Saal sagen, wird kritisch hinterfragt, und dies umso stärker je vager die Aussagen im Raum bleiben.

Inzwischen zeigt gar das geschlossene Auftreten des Bundesrates Risse: Von Ueli Maurer sickerte durch, dass er die Läden rascher öffnen möchte. Und Wirtschaftsminister Guy Parmelin kündigte nach Kritik an den ersten Ausstiegsplänen per Sonntagspresse an, nochmals mit der Gastronomie über frühere Öffnungen zu reden.

Was Kollege Berset im Kellerraum gesagt hatte, schien ihn nicht gross zu kümmern. Eigentlich ein beruhigendes Zeichen: Langsam kehrt die Normalität zurück.

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