Porträt

«Vorläufig Aufgenommener» nennt seinen Status «psychische Folter»

Mortaza Shahed in Bern: «Die Politik kratzt nur an der Oberfläche.» Sandra Ardizzone

Mortaza Shahed in Bern: «Die Politik kratzt nur an der Oberfläche.» Sandra Ardizzone

Mortaza Shahed, seit Kurzem anerkannter Flüchtling, lebte zwei Jahre lang als «vorläufig Aufgenommener». Der afghanische Kameramann nennt diesen Status eine «psychische Folter».

Definitiv aufgenommen fühlt sich der afghanische Filmemacher Mortaza Shahed im Berner Kulturzentrum Progr. Hier arbeitet er in seinem Atelier, hier grüssen ihn die Leute und er grüsst sie. Schlagartig verbessert hat sich seine Situation durch einen Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts im letzten Oktober: Es anerkannte den 30-jährigen Afghanen als Flüchtling und wandelte sein vorläufiges Bleiberecht in ein dauerhaftes um. B-Ausweis statt F-Ausweis, zwei quälende Jahre waren zu Ende.

Shahed floh 2014 mit Frau, Tochter und Bruder aus Kabul über Sri Lanka in die Schweiz. Im Verfahrenszentrum Kreuzlingen stellten sie ein Asylgesuch. Ein Jahr verging, dann folgte die grosse Enttäuschung: Asylgesuch abgelehnt, «vorläufig aufgenommen». Vorläufig Aufgenommene können nicht zurückgeschafft werden, weil in ihrer Heimat Bürgerkrieg herrscht. Verbessert sich aber die Lage, sollen sie wieder ausreisen. Damit sie in der Zwischenzeit nicht zu starke Wurzeln schlagen, werden ihnen bei der Integration Steine in den Weg gelegt, obwohl faktisch ein Grossteil von ihnen über Jahre hierbleibt.

«Psychische Folter»

«Flüchtlinge mit Status F leiden», sagt Shahed in fliessendem Deutsch. «Sie werden wie Menschen zweiter Klasse behandelt.» Die rund 40'000 vorläufig Aufgenommenen erhalten Sozialhilfe. Ihre Aussichten auf einen Job, eine Ausbildung oder einen Sprachkurs sind aber gering. Erst nach drei Jahren dürfen sie Kinder und Ehegatten zu sich holen – und auch das nur dann, wenn sie sich eine genügend grosse Wohnung leisten können. Ihre Reisefreiheit ist eingeschränkt, sie dürfen kein Handyabo abschliessen und haben kaum Chancen auf eine eigene Wohnung.

Um Geld zu verdienen, hatte Shahed fieberhaft nach einer Arbeit gesucht: Er bewarb sich im Detailhandel, als Übersetzer, Informatiker und Kameramann – er bekam überall Absagen. Offenbar schreckte der Status «vorläufig» die Arbeitgeber ab. Mit dem B-Ausweis in der Tasche fand Shahed schliesslich eine Anstellung als Kursleiter beim kantonalen Migrationsamt. Allerdings reicht dieses Pensum nirgends hin. Shahed bezieht weiterhin Sozialhilfe.

Die vorläufige Aufnahme war für ihn eine «psychische Folter». Untätiges Herumsitzen mache Menschen krank. Traumata aus der Heimat oder von der Flucht kämen wieder zum Vorschein. Shahed berichtet von mehreren Suiziden in der afghanischen Gemeinschaft.

Grosses Misstrauen

Das Leben als Flüchtling ist Shahed gewohnt. Er wuchs im Exil im Iran auf. Als die Amerikaner in Afghanistan einmarschierten, keimte neue Hoffnung auf. 16-jährig kehrte er 2003 zurück in seine Heimat. Anfangs sei es alles andere als einfach gewesen, sagte er. «Im Iran hatten wir Strom, in Kabul nicht.» Trotzdem gelang es ihm, sich eine neue Existenz aufzubauen. Als Kameramann drehte er für das Fernsehen, für die afghanische Armee und für das US-Militär. Doch die Lage wurde zunehmend instabil. Shahed geriet ins Fadenkreuz der Taliban. Er erhielt Drohanrufe, erlebte eine gescheiterte Entführung und vieles mehr, an das er sich nicht mehr gerne erinnert. Niemand war in der Lage, ihn zu beschützen.

Tägliches Grauen

Im Jahr 2016 zählte die UNO in Afghanistan fast 11'500 tote und verletzte Zivilisten, ein Drittel davon Kinder. In den ersten neun Monaten 2017 waren es 8000, und jüngste Anschläge lassen befürchten, dass das neue Jahr noch blutiger wird. Der Begriff Heimat ist für Shahed untrennbar verbunden mit Blut, Krieg und Explosion. Was das tägliche Grauen mit der Bevölkerung macht, schildert er so: «Die Angst flackert in den Augen der Menschen.» Das Misstrauen sei gross, jeder Nach- bar könne ein Taliban sein.

Dass die Flüchtlinge bald zurückkehren werden, hält Shahed für eine grosse Illusion. «Wir sind ja nicht zum Spass hier.» Es werde im Gegenteil täglich schlimmer. Seine Volksgruppe, die Hazara, wird wegen ihres schiitischen Glaubens verfolgt.

Das Schweizer Parlament berät derzeit über den Status der vorläufigen Aufnahme – nicht nur Flüchtlinge wie Shahed drängen auf eine Reform, sondern auch Kantone, Gemeinden und Städte: Die hohen Sozialhilfekosten sind für diese eine grosse Hypothek. «Die Erwartungen der Gesellschaft an uns sind gross», sagt Shahed. «Wir sollen selbstständig sein. Doch wie können wir eine Stelle finden?»

Im Sommer beschloss der Nationalrat, dass vorläufig Aufgenommene ihre Kinder und Ehegatten rascher in die Schweiz holen dürfen und dass sie rascher eine Garantie für ein Bleiberecht erhalten sollen. Im Ständerat droht die Reform nun aber zu scheitern: FDP und CVP wollen nur kleine Anpassungen vornehmen, aus Angst, mit einer zu grosszügigen Regelung neue Migranten anzulocken. Nur der Begriff soll angepasst und der Kantonswechsel soll erleichtert werden.

Diese Mini-Reform kritisiert Shahed scharf: «Die Politik kratzt nur an der Oberfläche.» Die Restriktionen beim Kantonswechsel beträfen nur wenige, viel wichtiger wäre es, den Familiennachzug zu erleichtern oder das Reiseverbot aufzuheben. Die Abschreckungspolitik hält er für unmenschlich: «Es ist doch zynisch, 40'000 Leuten in der Schweiz keine Rechte zu gewähren, nur um das Land unattraktiver zu machen.»

«my-life-in-switzerland»

Shahed betreibt die Facebook-Seite «my-life-in-switzerland», die 2000 Personen abonniert haben. Die Beiträge werden fleissig geteilt und kommentiert. Seine Aufgabe sieht Shahed da- rin, die Migranten über Aktualitäten aus dem Bundesparlament und den Kantonen zu informieren. Viele seien erst seit Kurzem hier und der Sprache noch nicht mächtig. Das Top-Thema sei der Status F: «Sie hoffen auf einen positiven Parlamentsentscheid!»

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