Patricia Danzi

Wegen Coronavirus – neue Chefin der Entwicklungshilfe warnt:  «Die Armutsquote droht wieder anzusteigen»

Patricia Danzi am 13. Dezember 2019 mit Aussenminister Ignazio Cassis.

Patricia Danzi am 13. Dezember 2019 mit Aussenminister Ignazio Cassis.

Nacht 100 Tagen im Amt spricht die neue Chefin der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) über das Coronavirus, die Armut und die umstrittene Rolle des Privatsektors in der neuen Strategie des Bundesrates für die Entwicklungshilfe.

Ihr Amtsanstritt am 1. Mai fiel mitten in die Corona-Pandemie. Wie war ihr Start?

Patricia Danzi: Sicherlich ungewohnt war die Tatsache, dass ich mein neues Büro in einer praktisch menschenleeren DEZA-Zentrale bezogen habe und die meisten neuen Kolleginnen und Kollegen nur über Telefon- und Videoschaltungen kennengelernt habe. Ich bin aber trotzdem herzlich aufgenommen worden und habe mich von Beginn weg wohlgefühlt. Das Coronavirus hat bisher einen Besuch unserer Vertretungen in den Partnerländern verhindert. Meine weiteste Dienstreise hat mich bisher nach Genf geführt. Doch aus meiner Zeit beim IKRK bin ich mir die Führung von Teams aus der Ferne gewohnt.

Wie funktioniert Entwicklungszusammenarbeit in einer Pandemie?

Es gibt praktische und strategische Herausforderungen. Zunächst einmal mussten wir auch in vielen unserer Vertretungen vor Ort auf Home Office umstellen. Dass die DEZA-Mitarbeitenden trotz teilweise der schwierigen epidemiologischen Lage und mangelhaften Gesundheitswesen weiter präsent bleiben, wird uns in den Partnerländern hoch angerechnet.

Welche Herausforderungen gibt es sonst noch?

Einige unserer Projekte, beispielsweise im Bildungsbereich, sind coronabedingt teilweise zurückgestellt worden. Nicht überall kann man auf Digitalunterricht umstellen. Und die Wirtschaft in unseren Partnerländern leidet unter der Pandemie. Viele im informellen Sektor, ohne reguläre Anstellung tätige Menschen verlieren ihr Tageseinkommen, Stellen werden abgebaut, Steuereinnahmen gehen verloren. Die Armutsquote droht wieder anzusteigen, das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele der Uno-Agenda 2030 ist vielerorts schwieriger geworden oder sogar gefährdet.

Der Bundesrat verabschiedete im Februar die Strategie der internationalen Zusammenarbeit 2021-2024. Sie müssen umsetzen, was Ihnen vorgesetzt wurde. Ein Frust?

Nein, denn ich stehe zu 100 Prozent hinter der Strategie. Sie schafft zeitgemässe Rahmenbedingungen für die Entwicklungszusammenarbeit und packt die grossen Herausforderungen wie Klimawandel, Migration oder Armut an. Gleichzeitig lässt ermöglicht sie genügend Flexibilität, um auf veränderte Herausforderungen zu reagieren, wie etwa jetzt das Coronavirus. Jetzt gilt es, die Ärmel hochzukrempeln, zu arbeiten und so die Strategie praktisch umzusetzen

In der Vernehmlassung besonders umstritten war – auch DEZA-intern - die vom Bundesrat angestrebte Stärkung der Zusammenarbeit mit dem Privatsektor. Was damit gemeint ist, blieb unklar.

Die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor ist in der Entwicklungszusammenarbeit prinzipiell nichts neues. Vor Ort arbeiten unsere Vertretungen schon lange mit dem Privatsektor zusammen, etwa bei der Beschaffung von Material oder indem wir die lokale Bevölkerung dabei unterstützen, unternehmerisch tätig zu werden. Ausserdem setzt sich die Schweiz für Rechtsstaatlichkeit ein ein, wovon Unternehmer ebenfalls profitieren. Doch wir wollen mehr Impact schaffen, um gute und nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen.

Das DEZA hat hier aber in der Zwischenzeit viel konzeptionelle Arbeit geleistet. Damit konnten Unsicherheiten und Fragen ausgeräumt werden. Doch entscheidend wird die Umsetzung vor Ort sein. Das braucht Zeit.

Wo liegen die roten Linien bei der Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft?

Für mich ist klar: Die Tätigkeit der DEZA erfüllt ihren gesetzlichen Auftrag und trägt zu einer nachhaltigen Entwicklung im Kampf gegen die Armut bei. Eine Zusammenarbeit mit Firmen, die auf ausbeuterische Praktiken oder Kinderarbeit setzen beispielsweise kommt nicht in Frage.

Im Gegensatz zu Ihren Amtsvorgängern kommen Sie nicht aus der Diplomatie und sind als Quersteigerin in die Bundesverwaltung gekommen. Wie gross war der Kulturschock?

Ich bin mir es gewohnt, mich rasch an neue Umgebungen und Gegebenheiten anzupassen. Das gehört zu meiner DNA. Ich habe vor dem Amtsantritt viele Gespräche geführt, um mir vorstellen zu können, wie meine neue Stelle aussehen könnte. Einen Schock habe ich deshalb nicht erlebt. Es war eine sanfte Landung.

Als IKRK-Regionaldirektorin für Afrika haben Sie mit Diktatoren und Warlords verhandelt. Hilft Ihnen das im Umgang mit dem Parlament, das derzeit die IZA berät?

(lacht) Es wäre sicher falsch, die Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier mit Diktatoren zu vergleichen. Ich war positiv überrascht, wie interessiert und engagiert über die Entwicklungszusammenarbeit diskutiert wird. Was mir aus meiner Erfahrung beim IRKR sicher geholfen hat: Immer zuzuhören, unvoreingenommen eine Meinung zu bilden, sich transparent zu erklären, gemeinsame Interessen finden und so Veränderungen anzustossen.

Meistgesehen

Artboard 1