Tabuthema

Wenn die Pflege alter Menschen zur Quälerei wird

Auch psychische Misshandlung ist eine Form von Gewalt gegen alte Menschen.

Auch psychische Misshandlung ist eine Form von Gewalt gegen alte Menschen.

Jeder 20. alte Mensch wird misshandelt. Was die wenigsten vermuten: Die Täter sind häufig pflegende Angehörige. Noch ist der Schutz vor Misshandlung zu wenig ausgebaut. Die Öffentlichkeit muss mehr sensibilisiert werden.

Bei Kindern ist es inzwischen selbstverständlich: Gibt es einen Verdacht auf Misshandlung, muss der Arzt dies der zuständigen Behörde melden. Jedem Verdacht wird nachgegangen, jeder Fall erfasst. Anders bei alten Menschen. «Es kommt vor, dass jemand mit blauen Flecken in einem Spital behandelt wird – und niemand reagiert», sagt Brigitta Bhend von der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA).

Fachleute und Bevölkerung seien heute für das Thema zu wenig sensibilisiert; es fehlten Kriseninterventionsstellen und Forschungsresultate. «Es muss ins öffentliche Bewusstsein dringen, dass alte Menschen – wie Kinder auch – Schutz vor Misshandlung brauchen», sagt Bhend.

Gewalt aus Hilflosigkeit

Doch das Thema ist tabuisiert. 2010 sorgte der Missbrauchsfall im Pflegezentrum Entlisberg für Aufsehen und Empörung. Doch der grösste Teil der Übergriffe geschieht zu Hause, in den eigenen vier Wänden: Der Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein hat Zahlen aus Irland, wo es seit 2007 eine Meldepflicht gibt, verwendet, um eine Hochrechnung für den Kanton Zürich zu erstellen.

Demnach geschehen 80 Prozent der Misshandlungen im eigenen Zuhause. «Im Pflegeteam spielt die Kontrolle, doch zu Hause ist ein mit der Pflege überforderter Angehöriger alleine», erklärt Brigitta Bhend. «Aus Hilflosigkeit und Überforderung resultiert dann die Gewalt.»

Demente Frauen sind gefährdet

Von Misshandlung im Alter sind Männer und Frauen aller Schichten betroffen. Es gibt aber Faktoren, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, Opfer von Gewalt zu werden: weiblich, über 74 Jahre alt, in hohem Grad physisch oder intellektuell abhängig von Betreuung, dement, depressiv und aggressiv. Die Kriterien stammen aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO, der Misshandlungen im Alter in Europa zum Thema hat.

Laut Schätzungen der WHO werden in Europa jedes Jahr 40 Millionen betagte Opfer verschiedener Formen von Gewalt. Für die Schweiz gibt es angesichts der fehlenden Meldepflicht keine Statistiken. Die UBA schätzt, Misshandlung betreffe hierzulande zirka einen von 20 alten Menschen. Gemäss den Berechnungen von Albert Wettstein gibt es allein im Kanton Zürich jährlich rund 660 Fälle von misshandelten Betagten. In 44 Prozent der Fälle ist das eigene Kind der Täter, in 17 Prozent ist es der Partner oder die Partnerin. Gemeldet wird die Gewalt am häufigsten durch die Spitex (34 Prozent), aber auch durch Arztpraxen und Spitäler (18 respektive 12 Prozent) sowie die Familien (13 Prozent). Nur 5 Prozent der Betroffenen holen selbst Hilfe.

Nicht unbedingt blaue Flecken

Das ist wenig verwunderlich: Alte Menschen können von pflegenden Angehörigen ebenso abhängig sein, wie es ein Kleinkind von seinen Eltern ist. Gegen Misshandlungen können sie sich nur schwer wehren, insbesondere wenn sie dement sind. Eine nahe Bindung macht es zusätzlich schwerer, über die Misshandlungen zu sprechen. Und für Aussenstehende offensichtlich ist die Misshandlung auch nicht immer: Ein Opfer von Gewalt hat nicht zwingend blaue Flecken. Eine Misshandlung liegt auch vor, wenn Alte von ihren Kindern finanziell ausgebeutet werden. Andere werden gedemütigt, bedroht, psychisch fertiggemacht. Wieder andere werden in der Pflege vernachlässigt, sie haben kein würdevolles Dasein.

«Keine heile Welt»

Geht es um Gewalt im häuslichen Bereich, ist die Schranke, darüber zu reden, sogar noch höher, als wenn die Misshandlung in einer Pflegeinstitution stattfindet. «Es braucht Zeit die Tatsache zu akzeptieren, dass es Gewalt gegen alte Menschen gibt», sagt Bhend. «Auch die Schweiz ist keine heile Welt.» Die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter setzt auf Sensibilisierung und Aufklärung. Eine im Juni lancierte Broschüre hat schon einiges bewegt, sagt Bhend. Anfragen an die Beschwerdestelle hätten zugenommen.

Die UBA arbeitet mit Fachleuten zusammen, die den Meldungen nachgehen. «Wir bieten den Betreuenden zunächst Entlastungsmöglichkeiten an. Manchmal entschärft sich die Situation schon, wenn Betreuende erkennen, dass sie nicht allein verantwortlich sind», sagt Bhend. Manchmal aber lehnen Betroffene jede Hilfe ab. «Gerade eingespielte Ehepaare erwecken den Eindruck gegen aussen, es sei gar nichts. Fachleute und Nachbarn jedoch sehen die Notwendigkeit, einzugreifen. Hier muss man ganz ‹süferli› vorgehen. Es gibt keine Rezepte für das Vorgehen und keine für Lösungen.»

In einem Beispiel beschreibt Stadtarzt Wettstein einen Fall von Betagtenmisshandlung: Es geht um ein dementes Ehepaar, bei dem eine Trennung in Form einer Heimeinweisung verfügt wurde. Mit fatalen Folgen: Beide starben wenige Wochen darauf. Die ständigen Streitereien hatten die Eheleute am Leben erhalten.

Die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (www.uba.ch) ist erreichbar unter 058 450 60 60.

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