AHV-Reform

Weshalb Pascal Couchepin ein höheres Rentenalter richtig findet - und wie er die SP provoziert

Trat mit 67 Jahren als Bundesrat zurück: Pascal Couchepin, hier 2018 am Treffen der Alt-Bundesräte in Luzern.

Trat mit 67 Jahren als Bundesrat zurück: Pascal Couchepin, hier 2018 am Treffen der Alt-Bundesräte in Luzern.

Er ist der «Erfinder» des Rentenalters 67: Alt-Bundesrat Pascal Couchepin, 77, findet es richtig, dass heute wieder Vorschläge für ein höheres Rentenalter auf dem Tisch liegen. Es brauche eine mehrheitsfähige Lösung für die AHV. Dafür seien drei Parteien nötig, die das gleiche Ziel verfolgen.

Als er am 13. Juni 2009 in einem «Blick»-Interview seinen Rücktritt als Bundesrat verkündete, kam Pascal Couchepin auf sein Alter zu sprechen. «Wissen Sie: Ich bin jetzt 67», sagte er. «Für mich war es fast Ehrensache, wenigstens bis 67 zu bleiben.» Er selbst habe ja den Vorschlag in die Diskussion gebracht, man solle bis 67 arbeiten. Sein Rücktritt mit 67 sei «ein kleines Augenzwinkern an die Leute», die ihn deswegen immer wieder aufgezogen hätten.

Selten wird ein Bundesrat so sehr mit einer politischen Idee in Verbindung gebracht wie Pascal Couchepin mit Rentenalter 67. Der Walliser FDP-Bundesrat hatte den Vorschlag vor 16 Jahren lanciert, bei einer seiner Wanderungen auf der St. Petersinsel im Bielersee. Das Rentenalter müsse, sagte er, bis 2025 auf 67 Jahre erhöht werden.

Bundespräsident Ueli Maurer hat nun 16 Jahre später die Idee in die Regierung eingebracht, das Rentenalter für Männer auf 66 Jahre zu erhöhen und jenes der Frauen auf 65. Das ist Pascal Couchepin, heute 77-jährig, natürlich nicht entgangen. Er sage aber nichts zu diesen Vorschlägen. «Sie sind nicht öffentlich.»

«Der Vorschlag des Jungfreisinns ist richtig»

Zwischen seiner Zeit als Bundesrat und heute habe sich bei der AHV fast nichts getan, sagt Couchepin. Schon vor 16 Jahren sei er vor der Frage gestanden, was er tun solle. «Der Vorschlag einer Rentenerhöhung kam nicht von mir», betont er. Das Bundesamt für Sozialversicherungen habe damals in einem Bericht zu den langfristigen Eckdaten drei Möglichkeiten aufgezeigt, wie die AHV saniert werden könne. Couchepin: «Erstens durch eine Erhöhung des Rentenalters, zweitens durch eine Erhöhung der Steuern und drittens durch eine Kürzung der Renten.»

Das gelte noch heute, sagt er. Deshalb unterstützt er auch den Jungfreisinn, der die Idee der Rentenalter-Erhöhung aufnimmt. Die Jungpartei lanciert nach den Sommerferien eine Initiative. Sie fordert, dass das Rentenalter schrittweise von 65 auf 66 Jahre steigt und danach an die Lebenserwartung gekoppelt wird. «Der Vorschlag des Jungfreisinns ist richtig», sagt Alt-Bundesrat Couchepin.

Schon der Vorschlag von Alain Berset, das Rentenalter der Frauen (64 Jahre) jenem der Männer (65 Jahre) anzugleichen, sei eine Rentenalter-Erhöhung. «Langsam erkennt man, dass man bei der AHV langfristig etwas tun muss.» Couchepin betont: «Die Parteien sollten nun versuchen, gemeinsam eine Lösung für die AHV zu finden. Es braucht dafür wenigstens drei Parteien.»

Nicht alle fünf Jahre 2 Milliarden in die AHV

Die entscheidende Frage sei, wie der Staat sein Geld einsetze, betont Couchepin. «Braucht man es für die Umwelt, für die Krankenkassen-Prämien, für verschiedene andere Probleme?», sagt er - und betont: «Der Staat kann ja nicht alle fünf bis 10 Jahre eine oder zwei Milliarden pro Jahr neu in die AHV stecken, wie er das mit der Steuer-AHV-Vorlage tat. Das ist Pflästerlipolitik.» Der Alt-Bundesrat hält aber fest, dass er Ja sagte zur Steuer-AHV-Vorlage. Das ist ihm wichtig.

Couchepin findet zudem, dass die Kompensationen, die bei der Angleichung des Frauen- an das Männer-Rentenalter für die Frauen vorgesehen sind, tief ausfallen sollten. Alain Berset beantragte letzte Woche 800 Millionen für Ausgleichszahlungen, fiel damit in der Regierung aber durch. Die kleinere Variante sieht 400 Millionen an Kompensationen vor. «Sind sie höher als die Einsparungen, die sich dank der Erhöhung des Rentenalters der Frauen ergeben, ist das ein Nullsummenspiel, das nichts bringt», sagt Couchepin. «Es erleichtert auf jeden Fall die Sanierung der AHV nicht.»

Pascal Couchepin (links) am 10. Dezember 2008: Er und die anderen Bundesräte gratulieren Ueli Maurer zur Wahl in den Bundesrat.

Pascal Couchepin (links) am 10. Dezember 2008: Er und die anderen Bundesräte gratulieren Ueli Maurer zur Wahl in den Bundesrat.

«Eine Beschimpfung normaler Menschen»

Couchepin wäre aber nicht Couchepin, wenn er nicht noch eine kleine Provokation in Richtung politischen Gegner lancieren würde. Er kann es nicht verstehen, dass SP-Präsident Christian Levrat die ganze Zeit von der verlorenen Legislatur 2015 bis 2019 spricht. «Das ist eine Beschimpfung normaler Menschen», betont der Alt-Bundesrat. «Sie lebten gut in dieser Zeit. Es gab sozialen Frieden und keine Arbeitslosigkeit. Es war besser für die Menschen, dass die Politik in dieser Zeit keine sozialistischen Vorschläge annahm.»

Seiner Partei, der FDP, erwies Pascal Couchepin im Wahlkampf 2003 mit dem Vorschlag zu Rentenalter 67 einen Bärendienst. Die Wähler straften den Freisinn im Oktober 2003 sehr schmerzhaft ab. Die FDP büsste 2,6 Wählerprozente ein und sackte von 19,9 (1999) auf 17,3 Prozent ab. Ein kleines Erdbeben für Schweizer Verhältnisse.

Wie hat Pascal Couchepin den Rummel um «sein» Rentenalter 67 damals erlebt? «Die meisten Leute sagten mir unter vier Augen: Natürlich hast Du Recht», erzählt er. Sie hätten aber jeweils im gleichen Atemzug hinzugefügt: «Politisch können wir das nicht öffentlich sagen.»

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