Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf bleibt sich treu bis zum letzten Tag. Am Mittwoch verlas sie ihre Rücktrittserklärung unaufgeregt und emotionslos, als ginge es um die Teilrevision eines Steuergesetzparagrafen. Die Schweiz verliert keine emotionale, jedoch eine sehr fähige Bundesrätin. Diese Feststellung wird mit Garantie erzürnte Leserreaktionen auslösen. Denn Widmer-Schlumpf polarisierte in den vergangenen acht Jahren wie kaum jemand sonst: SVP-Anhänger hassten sie, weil sie in ihr die Königsmörderin sahen, Mitte-links verteidigte sie, weil mit ihr der Coup von Blochers Abwahl gelungen war. Im Volk war sie beliebt, 2011 wurde sie «Schweizerin des Jahres». 

Acht Jahre Eveline Widmer-Schlumpf: Ein Rückblick.

Acht Jahre Eveline Widmer-Schlumpf: Ein Rückblick.

Fachlich gibt es an ihrer Arbeit nicht viel zu kritisieren, im Gegenteil: Sie war eines der kompetentesten Bundesratsmitglieder der jüngeren Geschichte. Von der UBS-Rettung über die Unternehmenssteuerreform bis zur Abschaffung des Bankgeheimnisses im Ausland hat sie vieles richtig gemacht. Sie hatte den Durchblick auch in hochkomplexen Dossiers. In der Finanzkrise konnte sich die Schweiz glücklich schätzen, dass sie das Steuer übernahm. Der «Tages-Anzeiger» zitierte kürzlich gar den Ausspruch, wonach damals der Herzinfarkt von Bundesrat Hans-Rudolf Merz die Schweizer Wirtschaft gerettet habe – weil Widmer-Schlumpf übernehmen musste. 

Niemand war so hart im Nehmen wie Widmer-Schlumpf

Eveline Widmer-Schlumpf ist eine unglaublich robuste Frau. Kaum ein anderer Politiker oder eine andere Politikerin würde so viel Anfeindung auf Dauer aushalten. In eigener Sache hat sie alles richtig gemacht: Vor acht Jahren war es richtig die Wahl anzunehmen – schliesslich ist die Vereinigte Bundesversammlung Wahlorgan und nicht eine Partei. Vor vier Jahren war es richtig wieder anzutreten – schliesslich hat die SVP ihre Bundesrätin aus der Partei geworfen und ohne Not auf einen Bundesratssitz verzichtet. Und jetzt ist es richtig zurückzutreten – das erspart dem Land eine Zerreissprobe und ermöglicht eine Normalisierung bei der Zusammensetzung des Bundesrats. 

Spannte ihr Publikum gehörig auf die Folter, war sichtlich nervös und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf gibt ihren Rücktritt bekannt.

Spannte ihr Publikum gehörig auf die Folter, war sichtlich nervös und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf gibt ihren Rücktritt bekannt.

Denn nun stehen die Zeichen anders als vor vier Jahren: Erstens verjährt das Argument irgendwann, die SVP sei selbst schuld an ihrer Untervertretung – acht Jahre Warten sind Strafe genug für den Rauswurf. Zweitens hat die SVP in den Wahlen klar zugelegt, und viele Wähler auch ausserhalb der SVP verstehen nicht, warum die stärkste Partei nur einen Bundesrat stellt. Verweigert das Parlament der SVP den zweiten Sitz, so gewinnt sie in vier Jahren wohl nochmals dazu.

Das hat Widmer-Schlumpf erkannt. Und sie hat erkannt, dass sie das Risiko einer Abwahl nicht eingehen darf. Ein Rücktritt erhobenen Hauptes öffnet Türen zu spannenden Ämtern – im Moment ist zum Beispiel das Präsidium der SRG vakant. Wer jedoch abgewählt wird, bringt das Verliererstigma nie wieder los – siehe Ruth Metzler.

Nur die SVP kann ihren Sitz noch vermasseln

Wie geht es weiter? Die BDP hat die Wahlen verloren und verliert jetzt auch noch ihre Existenzgrundlage. Sie sollte dringend Fusionsgespräche mit Mitteparteien suchen – sonst wird sie eines Tages sang- und klanglos verschwinden. Die SVP kann sich ihren zweiten Bundesrat nur noch selbst vermasseln, falls sie keinen fähigen Kandidaten präsentiert. Während sich bei anderen Parteien Jahre im Voraus abzeichnet, wer einmal Bundesrat werden könnte, herrscht bei der SVP sechs Wochen vor der Wahl grosses Rätselraten – als sei der Wahltag vom 9. Dezember eben erst vom Himmel gefallen.

Das braucht Widmer-Schlumpf nicht mehr zu kümmern. Unaufgeregt hat sie seit 2007 alle Anfeindungen überstanden. Unaufgeregt ist sie nun zurückgetreten. Unaufgeregt sorgt sie dafür, dass der Normalzustand im Bundesrat wieder hergestellt werden kann: die Sitzverteilung nach Parteienstärke.