Nach Putschversuch
Wie Türken in der Schweiz Erdogan fürchten – Betroffene erzählen

Erdogans Vorgehen gegen Akademiker beeinflusst auch Forscher in der Schweiz – zwei Betroffene erzählen.

Samuel Schumacher
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Anhänger der «Grauen Wölfe»machen auf dem Taksim Square in Istanbul ihr Handzeichen. Auch in der Schweiz sind sie schon an öffentlichen Veranstaltungen in Erscheinung getreten. SEDAT SUNA/EPA/Keystone

Anhänger der «Grauen Wölfe»machen auf dem Taksim Square in Istanbul ihr Handzeichen. Auch in der Schweiz sind sie schon an öffentlichen Veranstaltungen in Erscheinung getreten. SEDAT SUNA/EPA/Keystone

KEYSTONE

Andersdenkende sind gefährlich. Besonders dann, wenn sie ihre Gedanken nicht für sich behalten, sondern andere von ihren Ansichten überzeugen wollen. So mindestens sieht das die türkische Regierung. Seit dem Putschversuch Mitte Juli hat sie rund 30 000 Personen verhaftet, unter ihnen zahlreiche Journalisten und Akademiker. Mitte August haben Erdogans Staatsanwälte die hellen Köpfe im Land erneut ins Visier genommen und auf einen Schlag Haftbefehle gegen 84 Akademiker erlassen. Verhaftet werden nicht nur «Putschisten», sondern auch prokurdische und Erdogan-kritische Intellektuelle, die nicht am Putschversuch beteiligt waren.

Nun schaltet sich die türkeistämmige baselstädtische Nationalrätin Sibel Arslan (Grüne) ein. Sie möchte dem Bundesrat Fragen stellen zu seinem Engagement für die verfolgten türkeistämmigen Akademiker. «Die Schweiz hat sich bisher nämlich nicht offiziell zum Thema geäussert.»

Ein Problem in den Augen der Politikerin. Denn: Tangiert von Erdogans Massnahmen gegen die unliebsamen Akademiker sind auch Intellektuelle in der Schweiz. Ein Betroffener aus Zürich, der nicht namentlich genannt werden möchte, sagt: «Die politische Entwicklung in der Türkei setzt mich mental unter starken Druck. Ich bin sicher, dass die Forschung vieler türkeistämmiger Kollegen darunter leidet.» Ob er derzeit in die Türkei zurückreisen würde, weiss der Akademiker nicht. Um der Kampagne der türkischen Regierung gegen kritische Intellektuelle etwas entgegenzuhalten, hat er den Kontakt mit Studenten und Forschungskollegen in der Türkei intensiviert. «Das ist das Mindeste, was ich machen kann, um den negativen Effekt der Regierungskampagne auf die Forschungsmotivation zu lindern.»

Exodus trotz Ausreisesperren?

Auch die Sozialanthropologin Saadet Türkmen fühlt sich durch das Vorgehen der türkischen Regierung gegen Akademiker in ihrer Arbeit gehemmt. «Man kann nicht normal weitermachen, wenn Kolleginnen und Kollegen ihrer Ausdrucksmöglichkeit beraubt sind», sagt Türkmen gegenüber der «Nordwestschweiz».

Was in der Türkei seit dem Putschversuch Mitte Juli passiert, bezeichnet sie als «eine Art Hexenjagd gegen manchen Akademiker». Sie selber verzichtet deshalb momentan darauf, in die Türkei zu reisen, obwohl sie nicht glaubt, dass man sie dort festhalten würde. Im Gegenteil. In den Ausreisesperren, die der türkische Staat für Akademiker verhängt hat, sieht Türkmen viel mehr ein Mittel, um unliebsame Intellektuelle aus dem Land zu vertreiben. Tönt widersprüchlich, doch Türkmen erinnert an die Neunzigerjahre, als für Akademiker in der Türkei das Motto «ya sev ya terk et» («Entweder du bist zufrieden mit dem, was du hast, oder du musst gehen») galt. «Es ist denkbar, dass die Regierung mit den aktuellen ‹Ausreisesperren› eine Fluchtwelle von unliebsamen Akademikern veranlassen und sie auf diesem Weg aus dem Land vertreiben will», sagt Türkmen.

Doch Erdogans Umerziehungsmassnahmen machen keinen Halt an der Landesgrenze. Saadet Türkmen erzählt, dass die türkische Regierung seit ein paar Jahren versuche, türkeistämmige Akademiker auch in der Schweiz in ein Netzwerk einzubinden. Türkmen sieht die politisch unabhängige Forschung durch solche Vernetzungsbemühungen bedroht.

Schweiz anders als Deutschland

Die Vernetzungsbemühungen sind aber längst nicht die einzige Methode, mit denen der starke Mann am Bosporus die widerspenstigen Akademiker im Ausland auf die türkeifreundliche Bahn zurückholen will. Christoph Ramm vom Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Uni Bern weiss, dass etwa Anhänger der Extremistengruppe «Graue Wölfe» Veranstaltungen zum Thema Völkermord an den Armeniern aktiv störten. In den Uni-Hörsälen selber sei es bisher aber ruhig geblieben, anders als an gewissen deutschen Universitäten.

Ramm erklärt das so: «Die Stimmung unter den türkeistämmigen Menschen in der Schweiz ist nicht so zugespitzt wie in Deutschland. In der Schweiz leben viele Kurden und Aleviten, die eher mit der Opposition sympathisieren.» Anders gesagt: Die Türken in der Schweiz sind mehrheitlich politische Flüchtlinge, die Erdogans Jagd auf Andersdenkende ablehnen. Erdogans politischer Kurs erhält aus der Schweizer Diaspora weniger Unterstützung als aus Deutschland, wo mehr Erdogan-treue Wirtschaftsflüchtlinge leben.

Dennoch geht Ramm davon aus, dass sich Forscherkollegen, die zu vermeintlich «heiklen» Themen wie dem Genozid an den Armeniern forschten, in Zukunft vorsichtiger äussern werden. «Auch ich selber werde genauer hinschauen, wie sich die Dinge entwickeln.» Ein gutes Zeichen für Erdogan. Wenn Forscher abwägen, bevor sie losdenken, dann hat die anti-akademische Kampagne ihr Ziel erreicht.