Filippo Lombardi, heute Fraktionschef der CVP im Bundeshaus, lernte den deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl als junger Sekretär der Europäischen Volkspartei (EVP) kennen. Der Tessiner arbeitete ab 1981 sechs Jahre in Brüssel und begegnete Kohl gelegentlich im Politbüro und an Parteikongressen.

Herr Lombardi, wie haben Sie Helmut Kohl erlebt?

Filippo Lombardi: Wir haben uns gekannt, aber nicht so eng, dass wir uns geduzt hätten. Ich kann Ihnen aber eine Anekdote erzählen: Als junger EVP- Sekretär versuchte ich, die Ost-West- Zusammenarbeit zu stärken. Da sagte Kohl: «Kommen Sie nach Berlin, mein junger Freund, dann sehen Sie, dass man mit Kommunisten nicht reden kann.» Nach dem Mauerfall bin ich Kohl an einem Kongress der EVP in Budapest wieder begegnet. «Sehen Sie, es hat sich doch gelohnt, nach Osten zu schauen», sagte ich zu ihm. Daraufhin erwiderte er lachend: «Sie haben recht, aber ich habe es auf meine Weise getan.»

CVP-Ständerat Filippo Lombardi hat Helmut Kohl gekannt.

CVP-Ständerat Filippo Lombardi hat Helmut Kohl gekannt.

Was hat ihn als Kanzler ausgezeichnet?

Seine Ziele hat er mit grosser Entschlossenheit verfolgt. Er war klug genug, um sich anzupassen, und nicht dogmatisch. Er hatte die Zeichen der Zeit richtig gedeutet und die Chance auf eine Wiedervereinigung auch aus westlicher Sicht richtig eingeschätzt.

Kohl war ein überzeugter Europäer. Wie wichtig war er für die europäische Integration?

Er war eine Stimme, auf die man gehört hat. In Europa hatte er eine Position, wie sie heute Angela Merkel trägt. Mit Frankreichs Präsident François Mitterrand war er die treibende Kraft in Europa. Die Briten haben dagegen – seit sie EU-Mitglied sind – die Integration gebremst.

Die europäische Idee erhält Risse. Bräuchte es nicht wieder mehr Politiker vom Schlage Kohls?

Merkel hat versucht, seine Position zu übernehmen. Doch die heutigen Zeiten sind schwieriger. Kohl hatte für den Kommunismus kein Verständnis, aber er war flexibel genug, rasch zu reagieren. Die einmalige Chance auf eine Wiedervereinigung hat er erkannt und ging sie mit Weisheit und Entschlossenheit an. Dank Kohl ist Zentraleuropa wieder ins westliche Lager zurückgekehrt.

Und Kohls Verhältnis zur Schweiz?

Zu alt Aussenminister Flavio Cotti hatte er einen guten Draht. Kohl kam auf Einladung Cottis einige Male nach Locarno und Ascona. Er kannte die Region gut und verbrachte seine Ferien in der Villa der Konrad-Adenauer-Stiftung am Comersee.

Illegale Spendengelder warfen einen Schatten auf ihn. Trübt das seine Bilanz?

Die Spendenaffäre war sicher kein Ruhmesblatt. In Deutschland herrschte damals jedoch eine andere Mentalität als heute. Seine politischen Erfolge sind aber ungleich höher zu werten.

Helmut Kohl - ein Best Of des Kanzlers der Einheit

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