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Wieso sich die SBB doppelt verspäten

Wartende Passagiere im Bahnhof Lausanne: Neue Züge bekommen die SBB-Kunden auch später als erhofft. Jean-Christophe Bott/Keystone

Wartende Passagiere im Bahnhof Lausanne: Neue Züge bekommen die SBB-Kunden auch später als erhofft. Jean-Christophe Bott/Keystone

Die Verzögerung bei der letzten Rollmaterialbestellung macht die SBB vorsichtig – dieser asugedehnte Beschaffungsprozess ist teuer und kostet Zeit.

Jeder, der regelmässig Zug fährt, hat es schon erlebt: Kettenreaktionen. Kommt es auf einer Strecke zu Verspätungen, ist die Chance gross, dass kurze Zeit später auch Pendler in anderen Regionen länger auf ihre Züge warten müssen. Ein ähnliches Phänomen ist bei den SBB momentan auch eine Stufe höher zu beobachten: Weil sich die grösste Rollmaterialbestellung der Geschichte um mindestens zwei Jahre verspätet (siehe Box), zögern die Bundesbahnen beim Vergabeentscheid für die 29 Hochgeschwindigkeitszüge, die dereinst durch den neuen Gotthard-Basistunnel fahren sollen. Ursprünglich hätte der Entscheid zwischen Juli und September dieses Jahres gefällt werden sollen. Dann hiess es bis Ende Jahr. Mittlerweile ist vom ersten Quartal 2014 die Rede.

Brancheninsider berichten, die SBB hätten Angst, dass bei der neuen Bestellung erneut etwas schiefgehen könnte. Jedes noch so kleine Detail werde deshalb dreimal überprüft. Die Hersteller, die noch im Rennen sind, würden mit unzähligen Fragen gelöchert. Dieser ausgedehnte Beschaffungsprozess sei teuer und könne im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Züge nicht rechtzeitig auf die Eröffnung des Basistunnels fertiggestellt werden, warnen Experten.

Eine Verspätung bestreitet SBB-Personenchefin Jeannine Pilloud. Mitte November räumte sie gegenüber der «SonntagsZeitung» aber ein, dass bei der Vergabe des Grossauftrages an Bombardier auch aufseiten der SBB nicht alles rundgelaufen sei. «Darum schauen wir bei der Beschaffung des neuen Zuges nun genau darauf, dass sich unsere Wünsche wirklich umsetzen lassen», so Pilloud.

Pingeligkeit ärgert Zulieferer

Viele Anbieter haben sich gar nicht erst um den 800-Millionen-Auftrag beworben. Die (zu) hohen Ansprüche der SBB und das bescheidene Verhältnis von Aufwand und Ertrag sollen sie abgeschreckt haben.Neben Bombardier, die nach dem Fiasko mit den 59 Doppelstockzügen wohl ohnehin chancenlos gewesen wären, verzichteten auch die japanischen Hersteller. Siemens ist ebenfalls so gut wie aus dem Rennen. Die Deutschen haben ihr Angebot auf Nachfrage der SBB nicht mehr nachgebessert. Es bleiben also nur Stadler Rail von Peter Spuhler, Alstom und der spanische Konzern Talgo.

Von den betroffenen Firmen will sich verständlicherweise niemand öffentlich über die SBB beklagen. Klar ist aber: In der Zulieferindustrie brodelt es. Das Verhalten der SBB wird in der Industrie als selbstherrlich wahrgenommen. Kein anderer Anbieter lasse sich so viel Zeit – und verlange von den Lieferanten gleichzeitig so viel, heisst es.

Bestätigt wird dieser Eindruck, wenn man sich die Ausschreibung für die 29 Züge für den Gotthard-Basistunnel anschaut. In der Ausschreibung, die am 16. April 2012 publiziert wurde, heisst es, dass das Angebot bis zum 12. Oktober 2012 um 16.00 Uhr bei den SBB eintreffen müsse. Und weiter: «Wird das Angebot nicht direkt abgegeben, ist der Poststempel (Firmenfrankaturen gelten nicht als Poststempel) massgebend.»

Es ist diese Pingeligkeit gegenüber anderen – gepaart mit der unkritischen Haltung gegenüber sich selbst –, welche die Zulieferer ärgert.

«Kriegserklärung» an Industrie?

Das Fass zum Überlaufen bringen würde wohl, wenn sich die SBB dafür entscheiden würden, keinem Anbieter den Zuschlag zu geben – und stattdessen auf Bewährtes setzen: eine Bestellung von weiteren Zügen des Typs ETR 610 von Alstom. Dieses Gerücht hält sich in der Branche hartnäckig. Die SBB könnten das tun, wenn sie geltend machen können, dass keines der eingegangenen Angebote ihre Vorgaben erfüllt hat. Der Aufschrei wäre allerdings gross: «Das wäre eine Kriegserklärung an die Industrie», sagt ein Branchenkenner. Schliesslich hätten die Anbieter, die noch im Rennen sind, für das Angebot bereits mehr als
10 Millionen Franken aufgewendet.

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