Wolfgang Schäuble
Zweithöchster Politiker Deutschlands wünscht sich «mehr Schweiz in der EU» – und kritisiert den Corona-Egotrip

Der Präsident des deutschen Bundestags, Wolfgang Schäuble, schaltet sich in die Debatte ums Rahmenabkommen ein. Er lobt die Schweiz - und kritisiert zugleich ihren Sonderweg bei der Öffnung der Skigebiete im Corona-Winter.

Patrik Müller und Christoph Reichmuth
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Bundestagspräsident und Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Bundestagspräsident und Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Bild: Martin Meissner / AP

Er ist der zweithöchste Politiker Deutschlands – und seit fast 50 Jahren im Parlament, dem er zurzeit vorsteht. Jetzt äussert sich Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (78, CDU) zum Streit zwischen der Schweiz und der EU ums Rahmenabkommen.

Im Interview mit CH Media, das am Montag veröffentlicht wird, sagt Schäuble, in Brüssel begreife man «die Schweiz, dieses wunderbare Land mit seiner direkten Demokratie» nicht mehr ausreichend. Die EU sei komplizierter geworden, seit die Schweiz vor einem Vierteljahrhundert den bilateralen Weg beschritten hat:

«Es kann sein, dass die EU nicht mehr so viel Zeit und Gelegenheit hat, die Schweiz zu verstehen. Sie bekundet genug Mühe damit, sich selber zu verstehen, so kompliziert, wie sie mit 27 Mitgliedstaaten geworden ist.»

Es fehle aber auch seitens der Schweiz an Verständnis darüber, wie Brüssel ticke. Zudem, so Schäuble, mache es die Schweiz der EU auch nicht immer einfach, indem sie oft einen Sonderzug fahre – etwa in der Pandemie. «Da habe ich mir schon die Augen gerieben, als ich erfuhr, dass die Schweiz die Skigebiete offen lässt. Hat sie sich überlegt, wie das bei den europäischen Nachbarn angekommen ist?»

Der Bundestagspräsident sagt weiter, die Coronapolitik sei hochkomplex, aber «am Ende haben meist diejenigen recht behalten, die – wie unsere Bundeskanzlerin – einen vorsichtigen Weg eingeschlagen haben».

CDU-Machtduo: Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt im Herbst zurück, Wolfgang Schäuble kandidiert erneut für den Bundestag.

CDU-Machtduo: Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt im Herbst zurück, Wolfgang Schäuble kandidiert erneut für den Bundestag.

Michael Sohn / AP

Egoismus sei auch für ein kleines Land der falsche Weg, betont Schäuble. «Gerade die hochentwickelte Schweiz mit ihren Kenntnissen muss sich fragen: Was können wir zur Lösung der ganz grossen Probleme beitragen, damit die Welt nicht aus den Fugen gerät?»

Schäuble will sich nicht in die Innenpolitik einmischen und sagt, über die EU-Frage zu entscheiden, sei Sache der Schweizerinnen und Schweizer. Zugleich betont er aber:

«Wenn die Schweiz Mitglied werden will, werden in Europa die allermeisten sagen: Endlich. Und Gottseidank.»

Die Vielfalt der Schweiz täte Europa gut, ist der CDU-Politiker überzeugt: «Ich wünsche mir mehr Schweiz in der EU».

Das grosse Interview mit Wolfgang Schäuble, in dem er auch über Angela Merkel, die AfD und die deutschen Wahlen spricht, lesen Sie ab Montag 5 Uhr auf diesem Newsportal sowie in den CH-Media-Zeitungen.