Bergsturz

Zwei Jahre nach der Katastrophe: Der Piz Cengalo lässt Bondo nicht los

Anna Giacometti und die Wunde von Bondo: "Zur Normalität fehlt noch einiges".

Anna Giacometti und die Wunde von Bondo: "Zur Normalität fehlt noch einiges".

Zwei Jahre ist es her, dass der Piz Cengalo Schutt und Steine nach Bondo schickte. Dort ist das Unglück bis heute omnipräsent.

Er rückt immer weiter weg, dieser Sommertag, der die Geschichte Bondos in zwei Teile trennt, ein davor und ein danach. Zwei Jahre sind schon vergangen seit dem 23. August 2017, einem Mittwoch, an dem die Sonne hoch über dem Bergell stand. Doch Anna Giacometti begegnet ihm bis heute jeden Tag, sie kann ihm nicht entrinnen.

Gleich neben ihrem Pult im Gemeindehaus gibt es ein Fenster, und dahinter klafft immer noch die Wunde, die der Piz Cengalo ihrem Dorf zugefügt hat. Steine und Schutt breiten sich dort aus, Felsblöcke sind zu einem Schutzwall aufgetürmt. Ein graues Meer. Doch da und dort grünt es allmählich, wuchert Gras oder ein Busch. «Zur Normalität fehlt noch einiges», sagt Giacometti, die Präsidentin der Gemeinde Bregaglia, zu der Bondo gehört, «doch es wird besser, jeden Tag ein bisschen.»

3,1 Millionen Kubikmeter Fels donnerten am 23. August 2017 vom Piz Cengalo, der 3369 Meter hoch über Bondo thront, ins Val Bondasca. Man hatte den Berg im Bergell schon länger im Auge, er galt als Patient, der einige Aufmerksamkeit benötigt. Unten im Tal gab es ein Alarmsystem, auch ein Auffangbecken stand bereit, ein paar Jahre alt erst. Es sollte das Dorf beschützen. Doch auf den Bergsturz folgten Murgänge, deren Ausmass niemand vorausgesehen hatte. 500 000 Kubikmeter Schlamm, Stein und Geröll bahnten sich ihren Weg ins Tal. Zu viel für das Auffangbecken.

Schlamm und Geröll schieben sich beim Bündner Bergdorf Bondo durchs Tal (23. August 2017)

Schlamm und Geröll schieben sich beim Bündner Bergdorf Bondo durchs Tal (23. August 2017)

Der Bergsturz prägt bis heute viele Leben

Der Cengalo beschädigte 99 Gebäude, ein Drittel davon war nicht mehr zu retten. 147 Personen konnten wochenlang nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren; zehn gar nicht mehr. Weiter oben, im Val Bondasca, wurden acht Menschen von den Steinmassen begraben. Sie wanderten dort, als der Berg kam.

Die Frage, ob sich jemand vor Gericht verantworten muss, weil die Wege im Tal nicht geschlossen waren, ist noch nicht geklärt. Die Bündner Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren mit der Begründung eingestellt, das Ereignis sei nicht vorhersehbar gewesen. Der Anwalt der Angehörigen der Opfer hat diesen Entscheid angefochten.

Bilder aus Bondo nach dem verheerenden Bergsturz:

Am Tag, an dem es am Cengalo rumpelte wie nie zuvor, rannte Anna Giacometti durch die Gassen Bondos, um die Bewohner zu warnen. Später rief sie ihren Mann an, um ihm zu sagen, dass sie nicht zum Mittagessen kommen könne. Es sollten noch viele verpasste Essen folgen, der Garten von Giacometti litt, an freie Wochenenden war lange nicht zu denken, an Ferien erst recht nicht.

Stattdessen sass sie oft lange im Gemeindehaus, das damals «wie ein Ameisenhaufen» gewesen sei, voller Menschen, die der Bergsturz beschäftigte, Feuerwehrmänner, Zivilschützer, Experten. Und aus Anna Giacometti, der unbekannten Präsidentin einer Gemeinde am Rand der Schweiz, wurde eine Frau, über die Fernsehen und Zeitungen im ganzen Land berichteten.

Der Bergsturz von Bondo hat Leben genommen. Hat einige über den Haufen geworfen. Und viele prägt er bis heute.

Der gigantische Felssturz am Piz Cengalo in Bondo

Der gigantische Felssturz am Piz Cengalo in Bondo (23. August 2017)

Am 3369 Meter hohen Piz Cengalo in Bondo im Kanton Graubünden lösten sich am 23.8.2017 gigantische Gesteinsmassen, die zu Felslawinen, Muren und Überschwemmungen führten.

Zum Beispiel das von Martin Keiser, der beim Bündner Amt für Wald und Naturgefahren arbeitet. Keiser ist einer der Männer, die den Cengalo überwachen. Er muss nur ein paar Mal über sein Smartphone wischen, und schon ist er oben am Berg. Eine Kamera zeigt die steilen Flanken des Cengalo, ein Radar schickt alle 15 Sekunden neue Messdaten.

Seit dem Bergsturz ist der Cengalo einer der bestüberwachten Berge im Land, es gibt das Radar und seismische Sensoren, die jede Erschütterung registrieren. Auch die Pegelstände des Flusses Bondasca werden vermessen. Für den Notfall steht ein Alarmsystem bereit.

Der Cengalo war immer in Bewegung, und das bleibt auch so. Erst vor wenigen Tagen stürzten ein paar Felsen ins Tal. «Der Patient Cengalo ist nicht geheilt, es wird neue Sturzereignisse und Murgänge geben», sagt Keiser, «aber wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.» Und schiebt nach, dass es «kein Nullrisiko» gebe, die Natur macht, was sie will.

Ein Verein für die Zukunft von Bondo

Patrizia Guggenheim.

Patrizia Guggenheim.

Wen man auch fragt im Tal: Jeder weiss, wo er sich befand, als die Flanke des Cengalo abbrach. Patrizia Guggenheim war gerade nicht im Bergell, wo sie mit ihrem Mann in einem der alten Häuser im Dorfkern von Bondo lebt. Dicht stehen dort die Steinmauern beieinander, und zwischen ihnen zwängen sich gepflasterte Gassen. Guggenheim hat das Bergell einst verlassen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Doch irgendwann hat es sie zurückgezogen ins Tal ihrer Familie, wie viele seiner Söhne und Töchter.

Nach dem Bergsturz ist sie mit Sergio Salis zusammengesessen, dem Bruder des Dorfwirts. Gemeinsam haben sie beschlossen, das Unglück als Chance zu sehen. Am 3. August 2018 haben sie die Taufe ihres Vereins «Pro Bondo» gefeiert, sie mussten von der Dorfbeiz in die Kirche ausweichen, weil gegen 100 Leute kamen statt der erwarteten 30.

Sergio Salis.

Sergio Salis.

Heute ist ein grosser Teil der Bewohner Bondos Mitglied. Der Verein soll dem Dorf eine Stimme geben, und er soll als Ort dienen, in dem Ideen für die Zukunft entstehen. Denn es ist nicht so, dass Bondo vor dem Bergsturz keine Sorgen kannte. Es fehlte an Arbeitsplätzen und an jungen Leuten, wie überall im Bergell. «Vielleicht öffnet sich jetzt eine Türe, wir sollten das Alte bewahren, aber auch Neues zulassen», sagt Salis, der wochentags in Zürich lebt.

Bondo schaut nach vorne, ein wenig zumindest, doch Simona Rauch sagt, bis das wirklich möglich sei, werde noch viel Zeit vergehen. Rauch ist eine Frau mit herzlichem Lachen. Seit 12 Jahren kümmert sich die Pfarrerin um das Seelenheil im Tal, und der Bergsturz hat sie in den letzten zwei Jahren oft beansprucht. Sie war dabei, als die Leute in ihre Häuser zurückkehrten.

Hielt vor einem Jahr den Gedenkgottesdienst. Und sie spürt, dass die «Verletzungen bis heute da sind», weil niemand so schnell loswird, wie sich das anfühlt: die eigenen vier Wände zu verlieren, für ein paar Tage, für immer gar. Wenn die Wolken sich über das Tal drängen, Regen bringen, Gewitter, ist es besonders schlimm. Denn die Leute wissen, dass das Wasser die Dinge am Berg in Bewegung setzt. «Wenn es regnet, denkt man daran, was sein könnte», sagt sie.

Ein Jahr nach dem Bergsturz: Bondo bleibt unsicher

Ein Jahr nach dem Bergsturz: Bondo bleibt unsicher (Beitrag vom August 2018)

Ein Jahr nach dem Bergsturz von Bondo bleibt die Situation angespannt: Der Berg Piz Cengalo befindet sich wieder in Bewegung. Wie gehen die Dorfbewohner mit dieser Gefahr um?

Ein neues Gesicht für 23 Millionen Franken

Was war, ist noch sichtbar in Bondo, und Simona Rauch sagt, es sei wichtig für die Leute, dass bald ein neues Gesicht entsteht. «Sie kennen das alte Bondo und jenes, das ihnen der Cengalo aufgezwungen hat. Ohne den Wiederaufbau kann es nicht vorwärtsgehen.» Bondo braucht ein neues Gesicht, um weiterzukommen. Und es soll eines bekommen. Im November entscheidet eine Jury, wie es aussehen wird. Es geht um die definitiven Schutzbauten, um drei neue Brücken, einen Kreisel und erhöhte Strassen.

Das Bauvolumen: 23 Millionen Franken. «Eindrücklich», sagt Anna Giacometti, die Gemeindepräsidentin. Das Projekt ist ein Grund dafür, dass sie eine weitere Amtszeit anstrebt; sie will nach der Katastrophe auch den Wiederaufbau mitprägen. Am 1. September findet die Wahl statt, der einzige Gegenkandidat ist ihr Bruder Marco, ausgerechnet. Im Bergell und im ganzen Kanton hat das zu Stirnrunzeln geführt, ein Bruder, der gegen seine Schwester antritt. «Eine ärgerliche Sache», sagt Giacometti dazu und betont, dass es keinen Streit gebe in ihrer Familie.

Für Giacometti wird es ein stürmischer Herbst, das liegt an der Wahl in Bregaglia. Und es liegt auch an den Nationalratswahlen. Giacometti kandidiert auf der Liste der FDP. Als ihre Partei sie im letzten Dezember anfragte, war sie zuerst unsicher. Doch dann sagte sie zu, denn der Bergsturz hat sie etwas gelehrt: Dass sie viel mehr Energie hat, als sie dachte.

Das verwüstete Bondo aus der Luft

Das verwüstete Bondo aus der Luft (September 2017)

Drohnen-Aufnahmen aus der Luft zeigen das ganze Ausmass der Zerstörungen in Bondo GR. Nach einem Bergsturz am 23. August 2017 und den anschliessenden Murgängen wurde das Dorf in Mitleidenschaft gezogen. Acht Personen gelten seither als vermisst. Die Aufräumarbeiten sind weiterhin in vollem Gange.

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Autor

Dominic Wirth

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