Die letzte Veranstaltung des Forums Grenchen vor der Sommerpause im Saal des Feuerwehrgebäudes war trotz der heissen Temperaturen und des Nationleague-Spiels zwischen Portugal und der Schweiz recht gut besucht. Das eine Thema, das den meisten Gewerbetreibenden im Zentrum – ganz besonders den Direktbetroffenen am Marktplatz – heiss unter den Nägeln brennt, kristallisierte sich allerdings erst in der zweiten Hälfte der Veranstaltung heraus: Die Alki-Szene im nördlichen Teil des Marktplatzes. Randständige, die sich dort aufhalten, kommen mit ihren Hunden, lassen diese frei laufen, pöbeln Passanten an, urinieren in der Öffentlichkeit an Bäume oder Häuserfassaden, fahren ohne Helm mit Töffli herum, machen einen Heidenlärm und hinterlassen überall Müll.

Rolf Caviezel, Wirt des Restaurants «Station 1» in unmittelbarer Nachbarschaft, kämpft seit Jahren mit dem Problem. Weder er noch seine Frau hätten die Nerven, das noch länger zu erdulden. Seine Gäste würden angepöbelt und blieben seinem Restaurant zum Teil fern, er selber sei öfters von Randständigen bedroht worden. «Jetzt muss endlich etwas gehen, sonst gehen wir», so der Molekularkoch mit internationalem Renommee. Die Polizei sei untätig, und die Hoffnungen, das Problem werde durch den neuen Posten der Kantonspolizei im ehemaligen SWG-Hauptsitz entschärft und die Leute vertrieben, hätten sich zerschlagen. «Zuständig sei die Stadtpolizei, wurde mir gesagt, aber wenn ich am Mittag anrufe, wird das Telefonat zur Kapo umgeleitet, die dann nicht zuständig ist. Also passiert rein gar nichts.»

Auch Boutique-Besitzerin Gisella Toffanin, Besitzerin des einzigen Grenchner Geschäfts für Dessous, Wäsche und Miederwaren «Silhouette», musste schon mitansehen, wie Männer unmittelbar neben ihren ausgestellten Kleidern in eine Ecke pinkelten.

Kommunikation und Repression

Ein absolutes No go, da waren sich die Anwesenden einig. Aber wie Abhilfe schaffen? Wie kriegt man die Randständigen dazu, den Platz zu räumen und woanders hinzugehen? «Man müsste ihnen eine Alternative bieten», war ein Vorschlag. Nur wo? Ideen waren gefragt. Solche Leute gebe es in jeder Stadt, das Problem sei nicht einfach zu lösen. Kommunikation und Repression, das sei das probate Mittel, die Stadtpolizei müsse präsenter sein und härter durchgreifen.

In Biel beispielsweise hatte man der "Szene" einen ausgedienten Bauwagen zur Verfügung gestellt und beim Hintereingang des Bahnhofs platziert, solange, bis er der Velostation weichen musste. Die Alkis hätten sich dann weitgehend selber organisiert und sogar eine Art Hierarchie und Struktur innerhalb ihrer Gruppe geschaffen. Dort habe sich ein Verein um die Randständigen gekümmert. Das sei in Grenchen sicherlich auch möglich. Insbesondere müsse man mit der "Perspektive" zusammenarbeiten, um valable Lösungen zu finden. 

Stadtpräsident François Scheidegger, der zusammen mit Wirtschaftsförderin Karin Heimann am Forum teilnahm, schilderte einige Massnahmen, die man seitens der Stadt bereits ins Auge gefasst habe, beispielsweise dort einen Kinderspielplatz zu erstellen, der ein Alkoholverbot möglich machen würde. Aber grundsätzlich sei es halt schon so, dass jedermann sich im öffentlichen Raum dort aufhalten könne, wo er wolle, so Scheidegger. Es gebe zwar einen sog. Wegweisungsartikel im Kanton, nur komme der erst bei groben Verstössen zum Zug. Aber, so Scheidegger, das Problem sei erkannt.

Breites Interesse

Die Diskussion über das Thema «Stadtzentrum», die Probleme rund um den Marktplatz und die Innenstadt, interessierte nicht nur Gewerbetreibende und «gewöhnliche» Bürger: Nebst dem Stapi und der Wirtschaftsförderin kamen auch Stadtschreiberin Luzia Meister, die Gemeinderäte Marc Willemin und Daniel Hafner, GVG-Präsident Heinz Westreicher mit den GVG-Vorstandsmitgliedern Claudia Wälti, Roger Rossier und Nicole Allemann und weitere Interessierte.

Elias Meier leitete eine eher harzige Podiumsdiskussion zum Thema. Mit Philipp Schluep, Inhaber von Wirth Sport an der Marktstrasse, Philipp Egli, Inhaber des Egli Beck mit den zwei Standorten Bettlachstrasse und Südbahnhof und Vittorio Palazzo von McOptik am Marktplatz hatte man drei unmittelbar betroffene Gewerbetreibende eingeladen, Nicole Hirt, Gemeinde- und Kantonsrätin der GLP sollte im Gespräch die Position der Politik vertreten.

Harzig deswegen, weil rasch klar wurde, dass Meier mit seinen Fragen auf ein von ihm beabsichtigtes Resultat abzielte. Die Probleme, die von den Podiumsteilnehmern genannt wurden, waren im Vorfeld zu erahnen: die von den meisten bemängelte fehlende Attraktivität des Marktplatzes führe dazu, dass die Geschäfte zu wenig Laufkundschaft haben und sich auf die Stammkundschaft abstützen müssen. Die farbigen Stühle seien zwar cool, es fehle aber an Schatten, an Grün. Und wegen der Stühle komme niemand explizit nach Grenchen. Der Marktplatz lade nicht zum Verweilen ein, sei eine «Steinwüste» – Leute würden eher nach Solothurn, Biel oder Bern fahren, um zu «lädelen». Weitere Faktoren: Der Onlinehandel, der für viele Geschäfte ein zunehmendes Problem darstellt, leere Ladenflächen, die ungenügend vermarktet werden, ungenutzte Gebäude, wie die Alte Chäsi, die auch nicht unbedingt zur Attraktivität des Zentrums beitragen. Selbstverständlich wurde auch die Parkplatzproblematik thematisiert. Im Gegensatz zu anderen Städten gebe es durchaus genügend Parkplätze im Zentrum, Stichwort Coop-Parking – wobei man sich einig war, dass die Einfahrt in das grosse Parking eindeutig am falschen Ort und schlecht ausgeschrieben sei.

Auch die bereits in der Gemeinderatskommission und im Gemeinderat diskutierte Sperrung der Bettlachstrasse wurde diskutiert. Interessant die verschiedenen Wahrnehmungen bezüglich von Anlässen im Zentrum: Während die einen solche Aktivitäten begrüssen und als Bereicherung empfinden, verzeichnen manche Gewerbetreibende dadurch Einbussen. Einig war man sich darüber, dass der Marktplatz mit seiner Grösse ein idealer Veranstaltungsort sei, etwas, das man in Städten wie Solothurn oder Biel schlicht nicht mehr finde, schon gar nicht so zentral. 

Ein Forumsteilnehmer brachte es auf den Punkt: Grenchen werde immer Defizite aufweisen im Vergleich mit anderen Städten, die über eine attraktive Altstadt verfügen. Man solle sich nicht mit Solothurn vergleichen, sondern eher mit jungen Städten wie La Chaux-de-Fonds, das eine ähnliche Vergangenheit wie Grenchen habe und dort Ideen holen.

Einig war man sich darüber, dass der Marktplatz irgendeinen "Eyecatcher" gebrauchen könnte, eine Attraktion, die über die Stadtgrenzen hinaus Leute nach Grenchen locken könnte, wie beispielsweise eine grosse Uhr - man erinnerte sich an die Blumenuhr im nördlichen Teil des Marktplatzes - ein Wasserspiel oder beispielsweise die Öffnung des Stadtbachs, der unter dem Marktplatz in Röhren fliesst. Ideen gebe es zuhauf - man erinnerte sich auch an den von dieser Zeitung iniziierten Wettbewerb vor einigen Jahren, dessen Resultate bei der Stadtverwaltung in einer Schublade schlummern.