Simona Mutti
Erstmals wird eine Frau Leiterin des Grenchner Rettungsdienstes

Am kommenden 1. März wird Simona Mutti die Leitung des Rettungsdienstes Grenchen übernehmen. Die 47-jährige Bielerin ist die ersten Frau, welche die Leitung einer Blaulichtorganisation in Grenchen übernimmt.

Andreas Toggweiler
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Simona Mutti wird ab 1. März Leiterin des Rettungsdienstes Grenchen

Simona Mutti wird ab 1. März Leiterin des Rettungsdienstes Grenchen

Grenchner Tagblatt

Sie wird in dieser Eigenschaft ein 15-köpfiges Team anführen, welches rund um die Uhr für medizinische Notfälle in Grenchen und Umgebung zuständig ist. «Mit der Arbeit bei der professionellen Rettung ging für mich ein Berufswunsch in Erfüllung, den ich schon seit längerer Zeit gehegt habe», erklärt die ehemalige Lehrerin, die nach der pädagogischen Ausbildung am Bieler Lehrerseminar Sport studierte und als Klassen- und Sportlehrerin in Täuffelen unterrichtete. Danach wurde sie Unternehmerin mit eigener Firma im Bereich Personal Training. Ein Nachdiplomstudium im Bereich Sportmanagement und ein Diplom des American College of Sport Medicine brachten ihr weiteres Rüstzeug für den beruflichen Umstieg, den sie als Mutter von drei Kindern erst in Angriff nehmen konnte, als diese das Teenageralter erreicht hatten. Schichtarbeit und Kinderkrippe, das geht auch heute noch nicht zusammen. Eine erste Stufe des Umstiegs war, als sie Leiterin der Betriebssanität der ETH Zürich wurde. Dort hat sie die Betriebssanitäter der ETH rekrutiert und Weiterbildungen organisiert und war für die Qualitätssicherung, die Materialverwaltung und die Belange der Betriebssanität bei Neubauten zuständig.

Belastbar sollte man sein, und resilient

Beim Rettungsdienst Grenchen liess sich Simona Mutti zuerst zur Transportsanitäterin ausbilden und arbeitete ein Jahr auf dem Job. Danach wechselte sie zum Rettungsdienst Aarberg, wo sie als Rettungssanitäterin ausgebildet wurde (Diplomabschluss ist im Februar). Der Aarberger Rettungsdienst ist rund 50 Prozent grösser als der Grenchner Rettungsdienst und gehört zur Insel-Gruppe. Einblick hatte Mutti bereits in sieben verschiedene Rettungsdienste.

Was muss eine Person mitbringen, um im Rettungsdienst arbeiten zu können? - Simona Mutti muss nicht lange überlegen. «Eine relativ grosse psychische und physische Belastbarkeit», meint sie.

Dazu Flexibilität (Arbeitszeit), Kommunikationsfähigkeit und Selbstreflexion. Und nicht zuletzt brauche es die richtige Mischung von Kaltblütigkeit und Mitgefühl. Etwas, was man heute mit dem Begriff Resilienz zusammenfasst: die Fähigkeit zu Empathie [A1] - in jenem Ausmass aber, dass die eigene Psyche nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen wird.

Denn als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter des Rettungsdienstes bekommt man schon allerhand zu sehen. Mutti möchte nicht ins Detail gehen, doch was man bisweilen bei Einsätzen in verwahrlosten Haushalten zu sehen bekomme, brauche schon starke Nerven. «Insbesondere wenn man feststellt, dass es da auch noch ein Kinderzimmer gibt...»

Den Ausgleich sucht sie beim Sport

Belastende Situationen würden oft in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen thematisiert. Dies sei eine bewährte Strategie der Verarbeitung erklärt Mutti. Sie persönlich versuche auch mit viel Bewegung (Sport) für ein «Durchlüften» der Gedanken zu sorgen. «Ich fuhr oft mit dem Velo von Biel nach Aarberg zur Arbeit und von Grenchen joggte ich nach Hause», erzählt sie schmunzelnd.

Wenn sie als Chefin den Laptop dabei haben muss, dürfte das nur noch eingeschränkt möglich sein. Als Rettungsdienst-Leiterin wird sie stark mit organisatorischen Fragen beschäftigt sein, als Verantwortliche für die 24-stündige Einsatzbereitschaft von stets genügend Personal. Zunehmend rücken auch Fragen des Qualitätsmanagements ins Zentrum.

Die Rettungsdienste müssen heute für die regelmässige Rezertifizierung ein stets steigendes Ausmass an Dokumentationen bereitstellen; die Ausrüstung muss Anfor-
derungen erfüllen , das Personal sich ständig weiterbilden. «Beispielsweise bekommen wir es immer öfter mit Menschen zu tun mit einoperierten Herzschrittmachern oder sogar Defibrillatoren, da braucht es bei Nothilfeleistung spezielles Wissen.»

1650 Rettungseinsätze pro Jahr

Ein grosser Teil der heute rund 1650 Rettungseinsätze pro Jahr sind ältere Menschen, die aufgrund eines plötzlich sich verschlechternden Allgemeinzustandes sich in Spitalpflege begeben müssen. Ebenfalls häufig sind Herz- oder Lungenprobleme. Unfälle (z. B. im Verkehr) mit Verletzten kommen dagegen vergleichsweise selten vor.

Dennoch muss der Rettungsdienst für ein breites Spektrum von Einsätzen gewappnet, bzw. vorbereitet sein. Auch wenn kein Arzt im Rettungswagen mitfährt, was heute die Regel ist, kann rasch die Hilfe eines Notarztes bzw. der Rega (Luftrettung) angefordert werden, wenn die Situation es erfordert. Grundsätzlich arbeitet das Rettungspersonal auf ärztliche Delegation mit einem wachsenden Spektrum an medizinischen Massnahmen selbständig. Bei Verkehrsunfällen ist gelegentlich auch die Hilfe der Feuerwehr nötig, wenn die Bergung von Verletzten schwierig ist.

Und wie steht es bei der Sicherheit des Rettungspersonals selber. «Da halten wir uns an unsere Algorithmen zur Sicherheit und Situationsanalyse». Ein Zacken des «Star of Life» symbolisiert die Situationsanalyse am Einsatzort. Jeder «Zacken» des blauen Sterns, seit 1973 das internationale Logo der Rettungsdienste, steht für einen Aspekt der Tätigkeit. Dort wo die Einsatzkräfte selber gefährdet sind, sei dies durch einen gewalttätigen «Patienten» oder ein entsprechendes Milieu, muss die Polizei für einen Einsatz beigezogen werden. Sie schätzt die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen sehr. "Auch im Einsatz im Rettungsdienst sind wir immer ein Team", betont Mutti,

Erschwerend wirkt sich zurzeit auch Corona auf die Tätigkeit des Rettungsdienstes aus, sei dies durch das Tragen von zusätzlicher Schutzausrüstung oder durch die Desinfektion der Rettungsfahrzeuge nach jedem Einsatz.

Die Arbeit bereite ihr sehr grosse Freude, so Mutti. Die steigenden Einsatzzahlen zeigen, dass die Ambulanz leider immer häufiger benötigt wird.