Frauenstreiktag

Harter Kampf gegen alte Rollenmuster

Die Grüne Nationalrätin Brigit Wyss

Brigit Wyss war am Frauenstreiktag vor 20 Jahren aktiv mit dabei. Im Interview spricht die 51-jährige Grünen-Nationalrätin über Eindrücke und Folgen dieses Tages und wie sie heute für die Gleichstellung kämpft.

Welche Erinnerungen haben Sie an den 14. Juni 1991?

Brigit Wyss: Mein Sohn Dimitri war damals gut ein Jahr alt und ich habe mit ihm zusammen am Frauenstreiktag teilgenommen. Viele Frauen, aber auch viele Kinder trafen sich auf dem Klosterplatz in Solothurn. Es gab Reden und Musik; die Stimmung war ausgezeichnet.

Was hat Sie dazu bewogen, am Frauenstreiktag mitzukämpfen?

Seit meiner Kindheit habe ich mich dagegen gewehrt, in eine Rolle gezwängt zu werden. Durch die Mutterschaft war ich nun aber in einer Situation, in welcher ich das Thema Gleichstellung neu einordnen musste. Familie und Beruf liessen sich nicht ohne weiteres vereinbaren.

Welche Folgen hatte aus Ihrer Sicht der Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991 in den Jahren danach?

Durch den Frauenstreiktag ist das Bewusstsein nicht nur bei den Frauen gewachsen, dass mit der Verankerung der Gleichberechtigung in der Verfassung und in den Gesetzen zwar die nötigen Voraussetzungen geschaffen wurden, dass es aber für die tatsächliche Gleichstellung noch weitere Anstrengungen braucht.

Wo drückt Sie heute, 20 Jahre später, am meisten der Schuh?

Eigentlich sind es immer noch die gleichen Anliegen wie vor 20 Jahren: gleicher Lohn für gleiche Arbeit und die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die tatsächliche Gleichstellung im Beruf und in der Familie ist bis heute noch nicht Realität.

Kämpfen Sie heute weiterhin für Gleichstellungsfragen?

Aktuell habe ich eine Motion eingereicht mit dem Ziel, dass beim Bund auch Personen in Führungsfunktionen Teilzeit arbeiten können. Frauen sind in Führungspositionen stark untervertreten; nicht zuletzt auch deshalb, weil über die Hälfte der Frauen Teilzeit arbeitet. Unter anderem müssen also die Strukturen angepasst werden, damit es mehr Frauen in Führungspositionen gibt.

Täuscht der Eindruck oder ist der Elan vieler Frauen von damals, weiterhin für Gleichstellungsfragen einzustehen, etwas erlahmt?

Der Frauenstreiktag von 1991 war - auch zur Überraschung vieler Frauen - ein grosser Erfolg. Seither haben sich viele Frauen auf unterschiedlichen Ebenen für die Gleichstellung engagiert. Das ist zwar weniger medienwirksam aber nicht weniger wirkungsvoll. Es gab erfolgreiche Lohnklagen und die familienergänzenden Strukturen wurde ausgebaut.

Vermissen Sie bei jüngeren Frauen manchmal das Bewusstsein dafür, dass in Gleichstellungsfragen noch nicht alles erreicht ist?

Frauen haben in verschiedenen Bereichen neues Terrain erobert. Gleichzeitig aber erledigen sie immer noch den grössten Teil der Hausarbeit, der Kinderbetreuung und der Freiwilligenarbeit. Diese Doppelbelastungen werden dazu führen, dass auch die jüngere Generation Gleichstellungsfragen erneut diskutieren wird.

Meistgesehen

Artboard 1