Bellach

«Altes Schnauzen-Postauto ohne Fenster, das geht doch nicht»: Carrosserie Hess macht neue Busse für Indien

CEO Alex Naef: «Nachhaltigkeit ist uns wichtig».

CEO Alex Naef: «Nachhaltigkeit ist uns wichtig».

Es ist ein Coup, der Alex Naef da gelungen ist. Bis 2025 kann die Bellacher Carrosserie Hess AG 3000 Busse nach Indien liefern. Und es könnten noch weit mehr werden. Ein Gespräch mit dem Hess-Geschäftsführer über neue Märkte, alte Busse und das Rekrutieren von Fachkräften in Indien.

Alex Naef hat hektische Tage und Wochen hinter sich. Erst Anfang Jahr war er in Indien, wo die Carrosserie Hess AG einen der grössten Aufträge der Firmengeschichte an Land gezogen hat. Schon bald reist er wieder nach Südostasien. Jetzt aber sitzt er vor uns, um über dieses Abenteuer zu sprechen.

Schon bald sollen in Kerala Busse von Hess herumfahren. Hört man Bus und Indien, assoziieren das viele mit reich verzierten Gefährten, überladen mit Menschen, ohne Fenster. Wie werden Ihre Busse ausschauen?

Alex Naef: (Schmunzelt) Sie werden klar als Hess-Busse erkennbar sein. Sie werden Fenster haben und sogar klimatisiert sein. Die Designs machen wir aber mit einem lokalen Carrossier. Der wird uns sagen, wie zum Beispiel die Front oder das Heck aussehen müssen, damit danach auch Dinge wie die lokale Beschaffung und Instandhaltung funktionieren und die Konkurrenzfähigkeit bei den Kosten gegeben ist.

Wie meinen Sie das?

Wir können nicht einfach einen Berner Elektrobus nehmen und copy paste machen. So könnten wir vielleicht ein oder zwei Projekte in Indien machen und dann wären wir weg vom Markt. Wir wollen unsere Technologie mit dem lokalen Know how kombinieren.

Was heisst das konkret?

Die Sitze wird zum Beispiel unser lokaler Partner selbst machen. Wir kaufen sie ein. Dasselbe bei den Türen. Wir haben hier in Europa hochsensible Türautomatiken. In indischen Bussen haben sie relativ einfache Türsysteme. Aber es wäre falsch, wenn wir jetzt kämen und ihnen unsere Lösungen aus der Schweiz aufschwatzen würden. Sie müssen das ja dann auch selbst unterhalten können.

Sie wollen die Busse in Kerala zusammenstellen. 70 Arbeitsplätze sollen dort entstehen. Exportieren Sie Arbeitskräfte, rekrutieren Sie die vor Ort?

Das werden Leute aus Indien sein, die von einer lokalen Gesellschaft angestellt werden. Hier werden fünf Stellen geschaffen, vielleicht auch ein paar mehr. Denn wir werden die Leute aus Indien sicher hierher holen, um sie zu schulen. Im Gegenzug werden auch Leute von uns nach Kerala gehen und dort Schulungen machen. Die Idee ist ganz klar, dass es eine lokale Wertschöpfung gibt.

Alex Naef, CEO der Carosserie Hess AG: «Im Verlaufe des Jahres wollen wir den ersten Prototypen für Indien produzieren»

Alex Naef, CEO der Carosserie Hess AG: «Im Verlaufe des Jahres wollen wir den ersten Prototypen für Indien produzieren»

Finden Sie denn überhaupt die Leute vor Ort, die es braucht?

Es gibt eine gute Industriebasis für uns in Indien. Es gibt im Land rund 200 Carrosserie-Unternehmen, die Buscarrosserien auf Chassis von Ashok Leyland, Tata, Scania und wie sie alle heissen machen. Wenn man die Werkstätten besucht, dann sieht man zwar, dass sie unter einfachen Verhältnissen arbeiten. Aber das Verständnis ist da, es gibt gute Berufsleute.

Sie betreten mit der Expansion nach Indien Neuland.

Das ist so. Wir haben den indischen Markt zuvor noch nicht bearbeitet. Dank Kantonsrätin Susan von Sury ist der Kontakt vor rund anderthalb Jahren zu Stande gekommen. Ich war seither drei Mal dort, werde im Februar noch einmal runterfliegen. Es ist mit Sicherheit ein Markt, in dem wir noch viel lernen müssen. Vor allem Geduld zu haben, um das Kind beim Namen zu nennen (lacht).

Der erste Kontakt: Alex Naef besucht begleitet von Kantonsrätin Susan von Sury indische Carrosseriebauer.

Der erste Kontakt: Alex Naef besucht begleitet von Kantonsrätin Susan von Sury indische Carrosseriebauer.

Warum denn?

Jeder Markt hat seine Gegebenheiten. Und in Indien nehmen die Geschäfte bürokratische Wege, wie wir es uns nicht gewohnt sind. 

Sonst klagen Unternehmer doch immer, die Schweiz sei viel zu bürokratisch.

Es gibt durchaus noch schlechtere Beispiele (lacht). Nichtsdestotrotz, es ist ein sehr spannendes Projekt für uns. Wir setzen grosse Hoffnungen darauf – ohne allerdings Zeitdruck zu haben.

Dafür haben Sie aber ein ambitiöses Ziel kommuniziert: Sie wollen bis in fünf Jahren 3000 Busse geliefert haben.

Das ist eine grobe Richtlinie. Es kann mehr geben oder weniger. Alles hängt davon ab, wie schnell die örtlichen Autoritäten grünes Licht geben.

Wie muss man sich eigentlich Ihr erstes Treffen vor Ort vor anderthalb Jahren vorstellen?

Das war alles bestens organisiert. Alle zuständigen Leute aus der Provinz Kerala sassen damals an einem grossen, runden Tisch. Verkehrsbetriebe, Zulieferanten, die Verwaltungen – es waren rund 25 Leute aus Indien und eine kleine Hess-Delegation. Schon nach dem ersten Treffen war klar: Wir finden uns.

Warum?

Ihnen war es wichtig, einen möglichst grossen Teil der Wertschöpfung in Indien zu haben. Das ist auch für uns ideal. Die kompletten Chassis werden in einer ersten Phase aus Europa geliefert. Schrittweise wird dann die lokale Montage gestartet. Von Anfang an werden die Carrosserien von unserem indischen Partner gebaut – unter Verwendung unseres Baukastensystems. Sobald die Verträge unterzeichnet sind und die Finanzierung sichergestellt ist, kann es losgehen. Nach etwa einem Jahr würde vor Ort montiert. Dazu werden sie uns eine Montagehalle zur Verfügung stellen, so ist es abgemacht.

Sie exportieren also eigentlich Ihr Knowhow.

Das ist genauso. Wir haben kein grosses Werk mit tausenden von Mitarbeitern wie andere Busbauer, das wir bei Laune halten müssen. Das macht uns für die Inder interessant. Dann können die lokalen Regierungen vorweisen, sie hätten Arbeitsplätze geschaffen. Und wir haben zusätzliche Märkte. Unser Asset ist die Technologie, den Vorsprung, den wir immer wieder haben.

Woher rührt der?

Unser Heimmarkt ist sehr fordernd. Das treibt uns an. Der öffentliche Verkehr hat eigentlich nirgendwo einen so hohen Stellenwert wie in der Schweiz. Das kommt nicht von Ungefähr. Fast alle Parlamentarier fahren mit der SBB zu den Sessionen. Die können sich nichts erlauben. Und diese Haltung färbt auf die regionalen Anbieter ab.

Sie profitieren vom anspruchsvollen Heimmarkt, sehen sich aber mit neuen klimatischen Herausforderungen in Indien konfrontiert, oder nicht?

Es gibt Herausforderungen. Aber neu sind sie für uns eigentlich nicht. Wie haben die Komponenten zusammen, müssen sie einfach richtig kombinieren.

Woher denn?

Wir konnten schon in Australien und Singapur Erfahrungen mit ähnlichen Bedingungen sammeln. Auch waren wir mit unseren Bussen in Klimakabinen. In Kerala ist es grundsätzlich zwischen 30 und 35 Grad heiss, die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Deshalb sind für uns zwei Dinge zentral: Die Fahrgasträume müssen, wie schon erwähnt, klimatisiert sein und die Batterien sowie die Antriebe müssen wir mit Flüssigkeit kühlen.

Wie sieht denn eigentlich die Konkurrenz vor Ort aus?

Ich hatte nach dem Treffen mit allen Involvierten die Gelegenheit, drei Tage umher zu reisen und mir alles anzuschauen. Da ist man schon auch mit der örtlichen Realität konfrontiert.

Wie meinen Sie das?

Manchmal war es schon eine Herausforderung zum Beispiel zu einem Lieferanten zu kommen. Für eine Distanz von hier bis Neuenburg, für die wir hier in der Schweiz eine Stunde brauchen, brauchten wir drei Stunden. Da tuckert man mit 50 Km/h durch die Dörfer.

Weil die Strassen so schlecht sind?

Nein, die sind erstaunlich gut. Ich habe ihnen auch gesagt: Ich bin beeindruckt von der Qualität der Strassen. Auch der Gebäude und der Privatwagen. Man sieht neuste Hyundais und Toyotas, wie hier. Bloss die Busse lassen zu wünschen übrig.

Das müssen Sie ja sagen.

Sie sehen wirklich aus wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Da will niemand rein, der nicht muss. Das ist nachteilig für das Stadtbild und Attraktivität der ganzen Region. Da kommt irgendein altes Schnauzen-Postauto aus den 50er-Jahren, ohne Fenster, nur mit Gittern. Das geht doch nicht.

Hat man zu wenig in den ÖV investiert?

Nicht zu wenig, aber falsch, würde ich sagen. Man hat Fahrzeuge nach den gleichen Plänen gebaut wie vor 40 Jahren. Dreckschleudern, Hochbodenfahrzeuge, nicht klimatisiert. Aber Indien hat die Zeichen der Zeit erkannt. Es ist ein enormer Wille da, die Herausforderungen Verkehr und Klimawandel anzugehen.

Sie haben schon angetönt, dass Sie enormes Potenzial sehen in diesem Land.

Dem ist so. Anfang Januar habe ich den Verkehrsminister der indischen Zentralregierung getroffen. Indien hat gewaltige Transportbedürfnisse. Schienenprojekte dauern meist zu lange und kosten zu viel. Darum sind sie an Pneulösungen interessiert.

Und?

Kerala ist sehr konkret, aber Parallel dazu haben wir die Fühler auch schon in den Norden ausgestreckt. Das war der Grund für das Treffen. Während es in Kerala um 12-Meter-Elektrobusse geht, stehen im Norden 25-Meter-Doppelgelenk-Trolleybusse zur Debatte. Es waren auch schon indische Delegationen in Lausanne und Zürich, um sich diese in Aktion anzuschauen.

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