Gertrud Pinkus

«Frauen sind eine Fundgrube für Filmstoffe»: Die Nennigkofer Regisseurin über «Anna Göldin»

Gertrud Pinkus widmet sich als Regisseurin stets Frauenthemen; heute vermehrt in der Sparte Experimentalfilm.

Gertrud Pinkus widmet sich als Regisseurin stets Frauenthemen; heute vermehrt in der Sparte Experimentalfilm.

Gertrud Pinkus (75) ist eine der bekanntesten Regisseurinnen der Schweiz. Die geborene Nennigkoferin freut sich auf die diesjährigen Filmtage, weil ihr Spielfilm «Anna Göldin - letzte Hexe» aus dem Jahr 1991 nach den modernsten Methoden digital aufbereitet wurde und im Filmtage-Programm wieder zu sehen ist. Wir sprachen mit ihr über den Film und ihre Arbeit.

Gertrud Pinkus, was ist Ihnen wichtig bei Ihrer Arbeit als Filmemacherin?
Gertrud Pinkus: Mein Grundsatz als Filmemacherin lautet: Ich muss das Leben der Zuschauer kennen, um sie für meinen Film «abholen» zu können. Ich stelle mir das Publikum meiner Filme genau vor und beschäftige mich mit den Leuten: Wie leben sie? Was kann ich ihnen zumuten? Wie weit gehen sie mit? Und dann gehe ich bis zur äussersten Grenze, denn man darf das Publikum niemals unterschätzen. Es kann gut abstrahieren. Ich spiele ihnen ein Bild, einen Gedanken zu und sie spinnen ihn weiter; es ist wie ein Zusammenspiel zwischen uns.

Ich kann mir vorstellen, dass nicht jedes Publikum gleich reagiert.
Sicher, und das ist auch oft für mich selbst überraschend und ich möchte noch betonen, dass ich nicht nur eine Geschichte erzählen will, sondern immer auch etwas zwischen den Zeilen sagen will. Wenn das gelingt, dann kann das von vielen verstanden werden, nicht nur von einem bestimmten Publikum.

Wie kam es dazu, die Geschichte der Anna Göldin zu verfilmen?
Die historische Figur, ihr Prozess wurde schon im 19. Jahrhundert beschrieben, doch immer nur aus Männersicht. Eveline Hasler war die erste Frau, die sich mit dem Stoff beschäftigte und gleich nach der Veröffentlichung des Buches im Jahr 1982 gab es Pläne, dieses zu verfilmen. Ein Produzent legte mir das Buch auf den Tisch und sagte: Das wird dein nächster Film sein. Doch bis es soweit war, vergingen Jahre. Insgesamt haben zwölf Autoren Drehbücher geschrieben, die sich auf den Anna-Göldin-Stoff bezogen. Auch ich habe mich damit befasst und mich an Eveline Hasler gewandt, welche die Filmrechte bei sich behielt – normalerweise sind die beim Verlag. Als Reaktion kam von ihr: Endlich meldet sich eine Frau. Um die Verfilmungsrechte zu bekommen, verlangte Eveline Hasler von jedem Drehbuchautoren eine persönliche Beschreibung der «Frau» Anna Göldin. Sie verlangte das auch von mir. Noch am selben Tag habe ich ihr meine Beschreibung geschickt. Am Abend kam ihr Anruf mit dem Okay.

Was im Film besonders heraussticht ist die Hauptdarstellerin Cornelia Kempers. Sie ist eine so ganz andere «Heldin».
Mir war wichtig, Anna Göldin als eine intelligente Frau darzustellen. Eine, die als ältere Magd bei einer reicheren Familie arbeiten wollte, um einen warmen Arbeitsplatz haben zu können. So etwas war damals wichtig. Sie sollte also kein Huscheli sein. Ich habe lange und sehr intensiv nach der richtigen Hauptdarstellerin gesucht. Generell ist die Darstellersuche und das richtige Besetzen der Rollen einer der wichtigsten Aufgaben beim Spielfilm. Meine Hauptdarstellerin sollte authentisch wirken. Ich suchte nach einer Frau, der man die schwere Arbeit als Magd abnimmt. Eine, die zupacken kann, aber dennoch über eine sinnliche Ausstrahlung verfügt. Doch ich hatte einige Schwierigkeiten, meine Wunschkandidatin durchzusetzen, denn die Produzenten damals meinten, nur mit einem bekannten Gesicht bestehe der Film beim Publikum. So habe ich sicher 50 bis 60 Castings in ganz Europa durchgeführt, um die richtige Darstellerin zu finden. Sie sollte faszinierend und dennoch gewöhnlich sein, die Hände mussten passen, das Alter, der Körper, das Gesicht. Schliesslich konnte ich mich durchsetzen - Drehtag für Drehtag. Filmen heisst eben auch, Zoff aushalten. Wichtig war insbesondere auch, dass die Beziehung zwischen dem verhexten Kind (Luca Kurt) und der Anna Göldin (Cornelia Kempers) funktionierte. Die beiden verstanden sich hervorragend. Das war ein grosses Glück für den Film.

Es ist also eine weibliche Sicht auf den Fall von Anna Göldin.
Für einmal steht nicht der Mann im Mittelpunkt, sondern eine starke Frau und deren Beziehung zu einem Kind. Männliche Kritiker, die den Film nach der Veröffentlichung beschrieben, haben das nicht begriffen und mir vorgeworfen, die Geschichte «vergeben» zu haben, weil ich nicht die – historisch unbewiesene – Liebes-Beziehung zwischen Dienstherr und Magd vertieft habe. Doch ich bin heute noch stolz, dass ich das so durchgezogen habe.

Das Kind hat Nadeln gespuckt – eine seltsame Sache.
Zu jeder Zeit gibt es bestimmte Methoden mit denen man sich wehrt, wenn man sich eigentlich nicht wehren kann. Als Anna Göldin in der Schweiz im Jahr 1782 als Hexe hingerichtet wurde, war die Aufklärung bereits in aller Munde. Die Welt war im Umbruch. Das Bürgertum erstarkte, der Adel verlor an Macht. Die Ehe, wie wir sie immer noch kennen, mit dem Mann als Oberhaupt und Ernährer der Familie – die Frau als seine Unterstützerin, wurde damals institutionalisiert. Es gibt weitere Geschichten mit nadelspuckenden Kindern aus jener Zeit. Man weiss aus der Hysterie-Forschung, dass die Nadeln im Mund, die ja die Zunge beschädigen, ein Symbol für das Nicht-sprechen-können sind. Heute würde man analysieren, dass Anne-Miggeli nicht so werden wollte, wie seine Mutter, dies aber nicht äussern konnte. Es hegte Bewunderung für die Magd, die innerlich frei, zu jedem Schabernack bereit war und sich bewegte wie sie wollte, während seine Mutter im Korsett steckte. Und es wusste, dass dies auch sein Schicksal sein wird. Darüber kam es in Konflikt und fing an, sich zu wehren. Auf diese aus unserer Sicht unbegreifliche Art.

Nun ist der Film aus dem Jahr 1991 als erster Schweizer Film nach der 4K HDR Dolby Vision digital überarbeitet worden. Wie denken Sie darüber? Hat er nicht an Charme verloren?
Als ich von Filmo angefragt wurde, ob ich einverstanden sei, «Anna Göldin – Letzte Hexe» so zu bearbeiten, war ich begeistert. Ich bin zu den wichtigsten technischen Schritten beigezogen worden. Der Film hat sehr gewonnen. Zum Beispiel bei der Licht- und Farbgestaltung. Jetzt kommt bei den Nahaufnahmen die Haut der Anna Göldin viel besser zur Geltung. Schliesslich verfügte Schauspielerin Cornelia Kempers über das Können, je nach Szene während der Aufnahme zu erröten, und das sieht man jetzt auch. Es ist ein anderes Schauen, obwohl die Machart, das Tempo des Films immer noch darauf hinweisen, dass er 1991 entstanden ist. Heute würde man einiges anders machen. Dennoch: ich bin noch immer überzeugt, dass die chronologische Erzählweise die Richtige für den Stoff ist.

Trailer des neu überarbeiteten Films «Anna Göldin – Letzte Hexe»

Einige Szenen wurden doch auch in Solothurn gedreht?
Ja, es waren vorwiegend die Winterszenen, die wir im Februar drehten. Zu unserem Entsetzen gab es in jenem Winter kein Schnee – wie dieses Jahr auch. Ich war verzweifelt. Die Stadtverwaltung Solothurn hat dann kurzerhand mit zwei Lastwagen auf dem Weissenstein Schnee holen lassen und dieser wurde für uns gratis beim Set deponiert. Mir kommen immer noch Freudentränen, wenn ich daran denke. Die Szenen im Gefängnis sind im Mutti-Turm, wie Anna gefesselt durch die Stadt geführt wird und die Szenen im Höfli sind in der Schmiedegasse und vor dem Zeughaus gedreht worden. Dabei spielten viele Statisten aus Solothurn mit. Zudem stammt die Filmmusik von der Gruppe «Sine Nomine» deren Musiker alle aus der Umgebung von Solothurn kommen. Eine besondere und sehr wirkungsvolle Film-Musik. Auch diese wurde für die Digitalisierung neu abgemischt. Das war nicht einfach, hat sich aber gelohnt.

1993 wanderten Sie mit ihrem Mann Stephan Portmann nach Mittelamerika aus und kamen 2005, zwei Jahre nach seinem Tod, wieder zurück in die Schweiz. Was hat sich in dieser Zeit in der Filmbranche verändert?
Alles. Als ich zurückkam, waren Komödien à la «Hoppla Charlie, bum!» Trumpf. Es ist nicht mein Genre. Ich schrieb etliche Drehbücher, aber sie wurden nicht genügend gefördert, denn in der Zeit von Nicolas Bideau im BAK wurden fast keine Filme von Frauen gefördert. So wandte ich mich wieder dem Experimentalfilm zu, wie zu Beginn meiner Arbeit, wo ich selbst Kamera führte und meine Filme selber schnitt. Die neuen technischen Möglichkeiten geben mir viel Freiheit. Heute arbeite ich oft mit Künstlern und Künstlerinnen aus dem Bereich Bildende Kunst zusammen, oder bin an interdisziplinären Projekten für Museen, Galerien, Festivals mit dabei. Ich interessiere mich auch stark für Tanz.

Und noch immer sind Sie dem feministischen Ansatz verpflichtet.
Ja, klar. Frauen sind eine Fundgrube für Filmstoffe. Mein Augenmerk gilt den guten, aber auch den üblen Seiten der Frauen. Erst wenn wir erkennen, dass wir Frauen ebenfalls aktiver Teil unserer Unterdrückung sind, ist der Schritt zur Gleichberechtigung frei. Eben gerade wurde ein Filmprojekt von mir gefördert. Im tieferen Sinne geht es dabei um Gewalt an Frauen. Aber es geht auch um den Anteil der Frauen daran, vor allem der Mütter. In der filmischen Umsetzung ist es ein Experimentalfilm, der sehr leichtfüssig daherkommt.

Und Ihre heutige Beziehung zu den Solothurner Filmtagen?
Als stolze Solothurnerin bin ich immer mit dabei und ich muss sagen: Solothurn hat mir als Filmerin alles gegeben. Auch dem Kanton Solothurn bin ich dankbar. Er glaubt an seine «Kunstkinder» und unterstützt sie. Das gibt Stärke.

Hinweis:
«Anna Göldin – Letzte Hexe» am Sa 25.1. 17.45 Uhr im Canva und am Mi 29.1. 14.45 Uhr im Palace.

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