Fall William W.

«Kein Behördenversagen»: Warum der Kinderschänder trotzdem rückfällig werden konnte

Ein betroffener Landamman äussert «Betroffenheit» über die Rückfälle – wobei sich Roland Fürst (links) von Anfang an hinter die Behörden stellte. Joe Keel (2. v. l.) erklärt den Bericht über das Vorgehen dieser Behörden.

Ein betroffener Landamman äussert «Betroffenheit» über die Rückfälle – wobei sich Roland Fürst (links) von Anfang an hinter die Behörden stellte. Joe Keel (2. v. l.) erklärt den Bericht über das Vorgehen dieser Behörden.

Ein vorbestrafter Kinderschänder bewegt sich frei im Raum Olten – und wird rückfällig. Mehrfach, wie nun klar ist. Wie konnte das passieren? Ein Bericht sollte Klarheit über den Fall William W. schaffen. Dieser liegt nun vor. Das Ergebnis: Kein Behördenversagen, dafür ein lückenhaftes System.

Wie konnte das passieren? Der Fall William W. schlägt Wellen in der ganzen Schweiz. Obwohl wegen sexueller Handlungen mit Kindern mehrfach vorbestraft, trotz bekanntem Rückfallrisiko, kommt er 2016 auf freien Fuss. 2018 wird er erneut festgenommen – er soll einem Knaben im Raum Olten in die Hosen gefasst haben. Jetzt ist zudem bei der Staatsanwaltschaft zu erfahren: Es gibt noch weitere Anzeigen, die sich auf diesen Zeitraum beziehen. In zwei Fällen geht es um die sexuelle Belästigung von Teenagern, in dreien um sexuelle Handlungen mit Kindern, wie bei der Staatsanwaltschaft nun ebenfalls zu erfahren ist. Wie konnte das passieren?

Der Regierungsrat gab zur Beantwortung dieser Frage eine Untersuchung in Auftrag. Zwei Ostschweizer Experten haben nun einen Bericht erstellt. Gestern wurde er vorgestellt. Fazit: Kein Behördenversagen. Konkret heisst es, weder Mitarbeitende der Solothurner Staatsanwaltschaft, noch Mitarbeitende des Amtes für Justizvollzug, hätten Fehler gemacht. Oberstaatsanwalt Hansjürg Brodbeck: «Natürlich hat es mich gefreut zu lesen, dass auch nach der Analyse der Experten die Mitarbeitenden der Staatsanwaltschaft ihre Aufgabe engagiert und fundiert wahrgenommen haben.» Und auch Regierungsrätin Susanne Schaffner, Vorsteherin des Departements des Innern und verantwortlich für das Amt für Justizvollzug, sagt: «Der Bericht stellt eine Würdigung der Mitarbeitenden für ihren Einsatz für die öffentliche Sicherheit dar.»

Nach wie vor bleibt aber die Frage: Wie konnte das passieren?

Von der geschlossenen Anstalt auf freien Fuss

Joe Keel, Sekretär des Ostschweizer Strafvollzugskonkordat und Mitverfasser des Berichts, stellte diesen vor. Aus «Bürgersicht» könne er die kritischen Fragen verstehen: «Im Nachhinein kann man sich immer hintersinnen.» Laut Keel habe man im Fall William W. auch grossen Aufwand betrieben – da «irritiert das Ergebnis». Laut Bericht steht aber fest, dass die gesetzlichen Grundlagen eingehalten worden, Entscheide der Behörden vertretbar gewesen seien. Dafür gebe es aber Lücken im System.

Zusammengefasst geht es darum: Nach der Vergewaltigung einer Achtjährigen in Starrkirch befand sich William W. zehn Jahre lang in einer stationären Massnahme – in einer geschlossenen Anstalt, wo er therapiert wurde. Solch eine Massnahme kann alle fünf Jahre verlängert werden – aber nur, wenn auch Chancen auf Therapieerfolg bestehen. Laut einem Gutachten bestanden diese 2014, als die Behörden entscheiden mussten, ob sie die Massnahme verlängern wollen, noch. Die Massnahme wurde deshalb verlängert.

W. zog den Entscheid aber weiter, und als das Obergericht 2016 darüber befand, sah die Situation anders aus: W. galt zwar nicht als unmittelbar rückfallgefährdet – eine Chance auf Therapieerfolg sah man nun aber nicht mehr. Die Folge: Ohne Vorbereitung kam W. in eine ambulante Massnahme. Er lebte zuerst in einem Wohnheim, danach selbstständig, machte zwar Therapie und trug eine Fussfessel, durfte sich aber frei bewegen und eröffnete schliesslich in Olten ein Restaurant, wo es dann zu den Übergriffen gekommen sein soll. «Permanente Überwachung gibt es nicht», so Keel. Erst recht nicht in einem ambulanten Setting, welches in diesem Fall mehr als ausgereizt worden sei, so Keel.

Zwar sei klar gewesen, dass die Massnahme nicht zielführend ist. Erneut eine stationäre Massnahme anzufordern sei aber aussichtslos gewesen, eine lebenslange Verwahrung wollten die Behörden damals anfordern, dazu hätte man zuerst aber die ambulante Therapie aufheben müssen – wobei die Verwahrung danach auch erst noch bewilligt hätte werden müssen. Aufgrund dieser Unsicherheiten war damals die Devise: Die ambulante Massnahme ist besser als nichts. Und als die Behörden beschlossen, nun doch Antrag auf Verwahrung zu stellen, war es zu spät. W. war bereits rückfällig geworden. Die mutmasslichen Opfer habe William W. «zufällig ausgewählt», so Keel. «Es gab keine Warnsignale». Und laut Bericht eben auch kein Behördenversagen. Die Lücken im System sollen mit Gesetzesrevisionen auf Bundes- und Kantonsebene geschlossen werden, welche derzeit erarbeitet werden.

Was bleibt ist ein rückfälliger Kinderschänder und nicht nur eine, sondern mehrere offene Anzeigen. Aktuell sitzt W. voraussichtlich bis Ende November in Untersuchungshaft, so Jan Lindenpütz, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft. Ob dann nun die Verwahrung gefordert wird, sagt die Staatsanwaltschaft noch nicht.

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