Es ist Mittagszeit und im «Martinshof» in Zuchwil ist viel los. Christoph Eggimann, Berner und seit drei Jahren in der Gemeindeverwaltung Zuchwil beschäftigt, hat gerade Salat und Pizza bestellt, denn er weiss: Dieser Tag wird lang, es muss etwas Währschaftes in den Magen.

Christoph Eggimann (59) ist einer der fünf Protagonisten des Eröffnungsfilms der 54. Solothurner Filmtage «Tscharniblues II». Am Abend, wenn der Film von Aron Nick über die Leinwand der Reithalle flimmert, kann er sich selber zusehen. Er lacht, denn noch weiss er nicht so recht, wie es sich dann vor viel und prominentem Publikum anfühlen wird. Im Film geht es darum, dass sich vierzig Jahre nach dem Dreh von «Tscharniblues» die damals rund 20-jährigen Akteure neuerlich treffen. Der junge Regisseur geht dabei der Frage nach, was von den Idealen und Vorstellungen der Jungen anno 1979 geblieben ist. Welche Träume verwirklicht werden konnten, wohin das Leben die Freunde von damals geführt hat.

Eggimanns Leben ist das eines Sozialpädagogen, der heute im Flüchtlingsbereich in der Gemeindeverwaltung Zuchwil arbeitet. «Damals, bei ‹Tscharniblues› war ich eigentlich mehr Statist und Mädchen für alles und habe nur wenige Sätze gesprochen. Doch der Film und die Freunde haben mein Leben schon geprägt», sagt er nachdenklich.

Christoph Eggimann, Darsteller in «Tscharniblues II»: «Zuerst war ich sehr skeptisch»

Christoph Eggimann: «Zuerst war ich sehr skeptisch»

Im Interview spricht der Berner über seine Reaktion, die Filmtage und den Unterschied der Jugend von damals und heute. 

Bruno Nick hatte Mut

Er erzählt, wie alle Freunde – es waren damals deren sechs – im Tscharnergut Bern aufgewachsen sind. «Bruno, der den Film drehte, war zwei Jahre älter als ich und las damals schon philosophische Bücher. Schopenhauer und Nietzsche. Kein Wort habe ich davon verstanden, erzählt er. Doch als er seine Gedanken als Berner Troubadour in Worte fasste, kam ich draus und war fasziniert.»

Eggimann bewunderte diesen älteren Freund, der vor wenigen Jahren verstorben ist. «Er hat es damals geschafft, mit viel Mut und ohne Angst für unsere Vorstellungen und Ideale bei den Erwachsenen einzustehen. Sie seien eben die «Kalter-Krieg-Generation», sagt Eggimann. «Wenn man sich gegen etwas wehrte, hiess es: ‹gang doch uf Moskau›. Doch wir wollten gar nicht nach Moskau. Wir wollten hier leben.» Zunächst waren sie Schulfreunde: Die Brüder Bruno und Bernhard Nick, Stefan Kurt, Yves Progin, Stephan Ribi und Christoph Eggimann.

Ausschnitte aus dem Film Tscharniblues II von Aron Nick

Ausschnitte aus dem Film Tscharniblues II von Aron Nick

Aron Nick ist Sohn und Neffe – und drehte nun die Fortsetzung. «Ich war zunächst schon etwas skeptisch, ob es Sinn macht, einen neuen ‹Tscharniblues› zu drehen», gesteht Eggimann. Denn wie das Leben so spielt: Mit Film und Schauspielerei habe er heute gar nichts mehr am Hut - obwohl er auch mal eine Schauspieler-Ausbildung in Angriff nahm.

Die Reise nach Skandinavien

«Ich ging damals gerne mit meinen Freunden fischen, was ich auch heute noch mache», erzählt der Berner. «Da gab es immer gute Erfahrungen.» Doch eines der schönsten Erlebnisse mit den Freunden sei eine Interrail-Reise nach Skandinavien gewesen. Das war noch vor «Tscharniblues», im Jahr 1976. Was sie dort alles erlebten, vor allem im Kopenhagen, in der Hippiestadt Christiania und in den Dünen, davon schwärmt Eggimann heute noch. «Die Jungen können heute gar nicht mehr ermessen, was solche Erlebnisse für uns bedeuteten. Es gab noch kein Internet, kein Video, kein Facebook. Alles, was wir dort sahen, war für uns das erste Mal. So erschloss sich uns die Welt.» Erlebnisse, wie sie junge Leute heute nicht mehr auf diese Art erleben können, ist Eggimann überzeugt, denn: «Alles haben sie schon einmal im Internet gesehen. Fluch und Segen halt.»

Wie haben es die «Tscharniblues»-Darsteller  mit dem Schauspiel?

Wie haben es die «Tscharniblues»-Darsteller mit dem Schauspiel?

Drei Darsteller von «Tscharniblues II» im Gespräch über Schauspiel, die «easy» Dreharbeiten und die lustigste Szene.

Anders als vor 39 Jahren

Die Pizza wird kalt. So isst Eggimann schnell noch die letzten Stücke. Dann geht es weiter an diesem Tag: Das Treffen mit der Filmcrew und den Freunden im Hotel steht an. Dort findet ein Briefing und das Schminken für den Lauf über den roten Teppich um 17 Uhr statt.
«Es ist schon etwas anderes, an diesen 54. Filmtagen mit dabei zu sein, als damals 1980 bei den 15. Filmtagen. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich wenig Zeit hatte», sagt er. Die Schauspielschule war schuld.

Später brach er diese Ausbildung ab, im Gegensatz zu seinem Freund Stefan Kurt, der mittlerweile zu den arriviertesten Schweizer Darstellern gehört. «Ich bewundere ihn, wie er diesen Beruf schafft. Es ist nicht einfach», sagt Eggimann.

Er selbst habe sich dann zum Soziapädagogen ausbilden lassen und sich auf den Bereich Flüchtlinge spezialisiert. Die Freunde von damals haben sporadisch miteinander Kontakt gehalten. Und jetzt freut er sich über den jungen Regisseur Aron Nick, der mit «Tscharniblues II» einen Film über seine Vater-Generation macht. «Einfach toll, wie er das macht.»

Filmcrew von «Tscharniblues II» trifft an den Filmtagen ein – Regisseur Aron Nick: «Die Filmtage zu eröffnen, hätte ich mir nie erträumt»

Regisseur Aron Nick: «Die Filmtage zu eröffnen, hätte ich mir nie erträumt»