Abtreibungs-Frage
Wie gingen die Pfarrer aus der Region mit dem Heiligen Jahr um?

Eine Bilanz in der Region zum von Papst Franziskus kürzlich beendeten Heiligen Jahr: Jubiläum der Barmherzigkeit.

Urs Byland
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Vor einem Jahr, am 8. Dezember 2015, öffnete Papst Franziskus das Heilige Tor zum Beginn des katholischen Heiligen Jahres in der St. Petersbasilika.

Vor einem Jahr, am 8. Dezember 2015, öffnete Papst Franziskus das Heilige Tor zum Beginn des katholischen Heiligen Jahres in der St. Petersbasilika.

REUTERS

Papst Franziskus läutete vor einem Jahr ein Heiliges Jahr der katholischen Kirche ein. Damals ging die Meldung um die Welt, dass während dieses Jahres allen Priestern die Erlaubnis erteilt sei, betroffenen Frauen eine Abtreibung zu vergeben. Nach dem bisherigen katholischen Kirchenrecht zieht die Mitwirkung an einem Schwangerschaftsabbruch die Exkommunikation nach sich.

In den meisten Ländern waren bislang eine sakramentale Lossprechung und die Aufhebung der Exkommunikation nur durch bestimmte Beichtväter möglich. In Deutschland, Österreich und der Schweiz änderte sich durch die neue Praxis nichts; hier konnte schon vor dem Heiligen Jahr jeder Priester die Vergebung für eine Abtreibung erteilen, was aber wenig bekannt ist.

Vor einer Woche nun schloss Papst Franziskus zum Ende des Heiligen Jahres die schwere Bronzetüre bis 2025 wieder, die im Petersdom die Vorhalle vom Hauptschiff der Basilika trennt. Hat diese Vergebungsaktion des Papstes in der Region, obwohl in der Schweiz schon praktiziert, Auswirkungen gezeigt?

Barmherzigkeit leben

Das Jubeljahr oder Heilige Jahr

Das Jubeljahr oder Heilige Jahr von Papst Franziskus stand unter dem Motto: Jubiläum der Barmherzigkeit. Es ist ein ausserordentliches Heiliges Jahr und erinnert an den 50. Jahrestag des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils. Bonifatius VIII. rief 1300 erstmals ein Heiliges Jahr für Pilger aus, die nach Rom kamen. Das nächste Jubeljahr sollte ursprünglich erst nach 100 Jahren folgen, der Abstand wurde aber immer weiter verringert. Ab 1475 war jedes 25. Jahr ein Jubeljahr. 2025 wird das nächste ordentliche Jubeljahr begangen. Das letzte ordentliche war 2000 unter Johannes Paul II. mit dem Motto «Christus gestern, heute und in Ewigkeit».

Unabhängig von den offiziellen Jubeljahren verkündeten einige Päpste aus anderen Anlässen auch ausserordentliche Jubiläen mit der Verheissung eines vollständigen Ablasses aller Sündenstrafen. Diese mehren sich in den letzten Jahrzehnten. Das erste ausserordentliche war 1518. Das nächste 1826. Pius IX. rief vier ausserordentliche Heilige Jahre aus (1854, 1858, 1867, 1869). Papst Paul VI. rief 1966 und 1967 Heilige Jahre aus. Die letzten ausserordentlichen fanden 1983 und 1987 (beide Johannes Paul II.) und 2008 (Benedikt XVI.) statt. Damals war das 2000. Geburtsjahr von Paulus der Anlass. (

Beat Kaufmann, Pfarrer in Deitingen, weist auf die Geschichte des Heiligen Jahres hin, das in biblischer Tradition zuerst alle 100 Jahre, dann alle 50 Jahre, später alle 33 Jahre und jetzt alle 25 Jahre abgehalten wird. Im aktuell ausserordentlichen Heiligen Jahr (siehe Box links) werde an die Barmherzigkeit erinnert. Der Mensch sei fehlerhaft und nie vollkommen. «Zur Vergebung gehört die Reue, dass es einem leidtut, und der Vorsatz, in Zukunft so zu leben, wie Christus gelebt hat», erklärt Beat Kaufmann konkret den Ablauf, der die Vergebung der Abtreibungssünde ermöglichen kann. «Es ist eine heikle Frage, die einen sensiblen Bereich des Lebens berührt. Der Mann findet schnell und leicht einen Ausgang, aber die Frauen leiden oft lange wegen einer Abtreibung.» Er habe in diesem Jahr eine Beichte in diesem Zusammenhang empfangen. Dabei biete er wöchentlich eine Beichtgelegenheit an, auf die er immer auch hinweise. Am häufigsten werde aber an Wallfahrten oder ähnlichen Gelegenheiten gebeichtet.

Darauf weist auch Priester Rudolf Schmid hin, der in Kriegstetten die Pfarrei St. Mauritius betreut. «Das Heilige Jahr hat sicher einige dazu bewogen, in der Auseinandersetzung mit dem Thema an einer Wallfahrt teilzunehmen oder nach Rom zu reisen.» Er selber habe die Gelegenheit dazu genutzt, in der Verkündigung auf das Thema Abtreibung und Barmherzigkeit einzugehen. In persönlichen Gesprächen mit Gläubigen sei das Thema ebenfalls angesprochen worden. «Wenn da etwas ausgelöst wird, ist das eine persönliche Gestaltung des Lebens, beispielsweise im Sinne von: ich sollte für das Thema offen sein, oder bei Einordnungen von anderen Menschen vorsichtiger sein.» Bei vielen Leuten sei da eine Anregung gekommen, mit der Barmherzigkeit Gottes zu rechnen.

Furcht vor Polemik

«Eigentlich nichts» passierte bei Agnell Rickenmann im Zusammenhang mit dem Heiligen Jahr. Er ist Pfarrer in der Pfarrei und dem Wallfahrtsort Maria Oberdorf. «Vielleicht mehr Beichten schon.» Aber inhaltlich wolle er nicht preisgeben, was gebeichtet wurde. Auch in Zuchwil, bei Pfarrer Valentine Koledoye, ist das Heilige Jahr unbemerkt abgelaufen. «Ich habe deswegen nichts Besonderes in der Pfarrei gespürt», sagt er. Beichten würden ausschliesslich ältere Menschen, denen dieses Thema fern ist. «Das ist ein Manko hier in Zuchwil. Junge Menschen kommen nicht in die Beichte. Wir haben auch keine Jubla oder Blauring.» Was Branko Palic, Pfarrer in Gerlafingen, zu den Auswirkungen der päpstlichen Order zu sagen hätte, bleibt sein Geheimnis. Er wolle diese bewusst nicht kommentieren, erklärt er. Er befürchte eine Polemik.

«Die Barmherzigkeit ist eine Grundbotschaft. Dazu gehört auch die Versöhnung», umschifft Beat Kaufmann die Frage, ob er es begrüssen würde, wenn der Papst die Erlaubnis für die Priester verlängern würde (das Gespräch fand vor Ende des Heiligen Jahres statt). Er erinnert an den bisherigen und künftigen Weg. «Wenn der Wunsch da ist, dass Gott vergibt – aber es soll keine billige Vergebung sein –, kann immer mit dem Ordinariat in Solothurn Kontakt aufgenommen werden.»

Der Papst hat zum Abschluss des Heiligen Jahres die Vergebungspraxis «bis auf andere kirchliche Order» in die Ewigkeit verlängert. Frauen, die abgetrieben haben, darf weiterhin durch einen Priester vergeben werden, schreibt der Papst in seiner Bilanz «Misericordia et misera», und vergisst nicht zu erwähnen: «Abtreibung ist eine schwere Sünde.»

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