Kunstschaffende

Wohin mit den Werken nach dem Tod des Künstlers? Besser: Vorlass als Nachlass

Ein Teil von Jörg Mollets Arbeiten mit Dokumenten und Gegenständen, wie sie heute im Kunsthaus Grenchen zu finden sind.

Ein Teil von Jörg Mollets Arbeiten mit Dokumenten und Gegenständen, wie sie heute im Kunsthaus Grenchen zu finden sind.

In Olten diskutierten Kunstschaffende und Kunstvermittler über den Umgang mit künstlerischen Nachlässen.

Wohin mit all der Kunst? Das mag sich so mancher Kunstschaffende selbst fragen, wenn er nach einem produktiven Künstlerleben sein Archiv oder Atelier überschaut. Und die gleiche Frage stellen sich auch Angehörige eines Künstlers, wenn sie sich nach dessen Tod mit seinem oder ihrem Nachlass beschäftigen müssen. «Bei mir war es ganz klar», sagt der gebürtige Oltner Künstler Jörg Mollet. «Als ich meine Töchter mit der Frage konfrontierte, ob sie meinen Nachlass übernehmen wollten, meinten sie ganz klar: ‹Komm uns nicht damit. Das ist dein Problem.›»

«Vorsorgen - versorgen - entsorgen»

Dieser schonungslose Umgang scheint in der Familie von Jörg Mollet die richtige Vorgehensweise gewesen zu sein, denn es war der Anstoss für den Künstler, seine Arbeiten, die er seit den späten Sechziger Jahren kontinuierlich und ständig geschaffen hatte, zu sichten, zu ordnen und zu archivieren. Er habe vor zwanzig Jahren schon einmal eine Triage seiner Arbeiten anlässlich des Umzuges von Olten nach Solothurn vorgenommen, erzählte Mollet gestern im Parlamentssaal des Stadthauses in Olten. Dorthin war er als Gesprächsteilnehmer an die Tagung «vorsorgen - versorgen- entsorgen» eingeladen worden, welche Katja Herlach und Dorothee Messmer, Co-Leiterinnen des Kunstmuseums Olten initiiert hatten, und die vom Kunstverein Olten und der SIK Zürich unterstützt wurde.

Einen ganzen Tag lang diskutierten Kunstschaffende, Museumsleute, Kunstvermittler und Künstler-Angehörige über den Themenkreis: Wie soll mit künstlerischen Nachlässen umgegangen werden?
Über ihre Erfahrungen berichteten die Künstler Regula Syz (Uster), Verena Thürkauf (Basel), Otto Lehmann (Adligenswil), Franz Anatol Wyss (Fulenbach) und Christoph Schelbert (Olten). «Es wurde ganz offen gesprochen, und so manche ganz persönlich Haltung spürbar», fasste Katja Herlach zusammen. Während beispielsweise Verena Thürkauf ausser ihren Werken keine Skizzen oder Dokumente aufbewahrt, um immer genug «Raum» zu haben, sagt sich Franz Anatol Wyss, er sei schliesslich Maler und kein Archivar. Es zeigte sich, dass man sich als Künstler besser schon zu seinen Lebzeiten Klarheit über den Umgang mit seinem Nachlass verschaffen sollte; er diesbezüglich eine aktive Rolle einnehmen soll. Dafür sei ein gutes Netzwerk besonders wichtig. Auch müsse man immer wieder das Loslassen üben, und es sei wichtig, eine möglichst neutrale Haltung und einen Überblick über seine Arbeit beizubehalten.

Zum Beispiel das Werk von Jörg Mollet

Exemplarisch, wie mit einem künstlerischen Werk als Vorlass - und nicht als Nachlass - umzugehen sei, schilderte Jörg Mollet. Er habe zunächst nach Institutionen gesucht, die Interesse an seinem Werk haben könnten. Er wurde erst mal im Kunsthaus Grenchen fündig, wo man - aus die Sammlung von Grafik spezialisiert - seine Grafikarbeiten entgegennahm. «Doch so einfach geht es nicht. Man kann nicht einfach hingegen und ein Konvolut hinlegen», so Mollet. Zunächst habe er für sich ganz persönlich die wichtigsten Arbeiten aussortiert, danach dokumentiert und schliesslich digitalisiert und dan physisch übergeben. «Genauso lief es mit den Arbeiten ab, die ich dem Kunstmuseum Olten übergeben konnte.» Mollet meinte, diese ganze Arbeit sei auch für ihn als Künstler von unschätzbarem Wert gewesen.
Für die Museumsfachleute war dieses aussergewöhnliche Vorgehen von Mollet sowie seine intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit weltweit und regional entscheidend für die Entgegennahme seiner Arbeiten ins Kunstmuseum Olten, so Messmer.

Regina Graber (Olten) stellte den Anwesenden ihr selbst konzipiertes digitales Tool vor, welches Informationen über Kunstschaffende in einer Stadt bereitstellt und Andreas Chiquet (Basel) berichtete von seiner Arbeit im Archiv Regionale KünstlerInnen-Nachlässe ARK. Er riet den Künstlern, besser auch mal was zu verkaufen, vielleicht auch zu einem tieferen Preis, wenn sie die Problematik «wohin damit?» quält.

Dorothee Messmer meinte resümierend, ein überquellendes Künstleratelier und -Archiv sei auch ein Generationenthema. «Die jüngeren Künstler arbeiten immer mehr auch an Computer und Laptop und archivieren damit fortlaufend ihre Arbeit. «Man arbeitet heute auch eher projektbezogen und nicht für sich selbst.»

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