Luterbach
Nach emotionaler Diskussion verzichtet die Gemeinde: Nach dem Umbau des Bahnhofs wird es kein Perrondach mehr geben

Der Bahnhof in Luterbach wird umgebaut und die SBB sehen neu kein Perrondach mehr vor. Die Gemeinde könnte auf eigene Kosten eines erstellen lassen. Darauf wird nun aber verzichtet.

Patric Schild
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Nach dem Umbau gibt es kein Perrondach mehr im Bahnhof Luterbach.

Nach dem Umbau gibt es kein Perrondach mehr im Bahnhof Luterbach.

Hanspeter Bärtschi

Ein aus staatspolitischer Sicht etwas aussergewöhnliches Traktandum habe er den Stimmberechtigten vorzulegen, erklärte Luterbachs Gemeindepräsident Michael Ochsenbein den rund 40 Stimmberechtigten an der Gemeindeversammlung.

Dies sei jedoch nicht dem Inhalt, sondern dem gewählten Vorgehen des Gemeinderates geschuldet. Denn dieser schlägt der Gemeindeversammlung vor, ein Geschäft abzulehnen.

Perrondächer sind faktisch abgeschafft

Wie kam es dazu? Die SBB muss zur Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes den Bahnhof Luterbach-Attisholz umbauen. Dabei wird die Höhe des Mittelperrons angepasst sowie ein neuer Zugang mittels Rampe und Lift geschaffen. Dabei kommt es auch zu einem Rückbau des Perrondaches.

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) hat die Dächer auf den Bahnsteigen bei neuen Bahnanlagen faktisch abgeschafft. Wegen der vorgesehenen Anpassungen und Erweiterung des Perrons, muss dieses komplett umgebaut werden. Im Zuge der Arbeiten werden zudem sämtliche Gleisanlagen verschoben. Infolge dieser weitreichenden Änderungen wird der umgestaltete Bahnhof als Neubau gelten, weshalb die SBB nicht verpflichtet ist, eine neue Überdachung zu erstellen.

Neu gibt es gläserne Wartebereiche

Stattdessen sollen, gemäss BAV, künftig gläserne Wartebereiche auf den Perrons zum Einsatz kommen. Als Beispiel nannte Jürg Nussbaumer, Ressortleiter Planung und Umwelt, den Bahnhof Bellach, der bereits nach den aktuellen Richtlinien erstellt wurde.

Für den Bahnhof Luterbach-Attisholz soll der Bereich jedoch grösser dimensioniert ausfallen und es soll auf beiden Seiten des Perrons ein solcher Wartebereich erstellt werden.

Kosten müsste die Gemeinde tragen

Besteht die Gemeinde nun aber weiterhin auf eine Bahnsteigüberdachung, so muss sie die Kosten dafür vollumfänglich selber tragen. Die Frage lautete nun also, ob die Gemeinde das Dach weiterverfolgen soll oder nicht. Für den Gemeinderat war die Sache klar: «Wir sind der Auffassung, dass der Nutzen eines Daches die Kosten nicht rechtfertigt», sagte Nussbaumer. Deshalb empfahl der Rat den Stimmberechtigten das Anliegen fast einstimmig zur Ablehnung.

Meinung der Bevölkerung einholen

Wobei der Gemeindepräsident anmerkte, dass die Thematik auch im Rat zu intensiven Diskussionen führte. Aus diesem Grund soll die Bevölkerung mit eingebunden und deren Meinung in dieser Angelegenheit abgeholt werden, um definitive Klarheit über das weitere Vorgehen zu erhalten. Entscheide sich die Mehrheit ebenfalls dafür, den Perrondach-Neubau zu verwerfen, sei bereits vor der Projektierung mit dem Dach Schluss.

Denn eine provisorische Aufnahme in die Projektierung ist für Nussbaumer, auf Nachfrage aus dem Saal, keine Option. Wegen der Statik der Dachkonstruktion, die einen grossen Einfluss auf das Projekt hat, müssten quasi zwei Projektierungen parallel geführt werden. Die Ausgaben für Projektierung und Erstellung könnten sich auf bis zu zusätzliche 1.5 Mio. Franken belaufen.

SBB bekäme eine Carte blanche

Zudem, so argumentierte Nussbaumer weiter, sei auch keine Ausschreibung für den Bau durch die Gemeinde möglich. Aufgrund von Fahrleitungsvorschriften laufe dies alleine über die SBB. Diese würde von Luterbach somit eine Carte blanche erhalten und der Gemeinde bliebe letztlich nichts anderes übrig als die Kosten zu bezahlen.

An der anschliessenden, emotional geführten, Debatte zeigte sich, dass nicht alle Stimmberechtigten die Ansicht des Gemeinderates teilten. So vermochten etwa die Wartebereiche als Alternative nicht zu überzeugen. Oft seien sie zugemüllt und Gestank mache sich breit. Nicht zuletzt seien sie auch mit Blick auf die COVID-Pandemie ein Unding, da sich bei schlechtem Wetter zu viele Menschen gleichzeitig darunter zwängen würden.

Mehrheit stützte den Gemeinderat

Zudem stelle ein Bahnhof auch die Visitenkarte einer Gemeinde dar. Mit Verweis auf die neuen Gestaltungsrichtlinien des BAV, sehe ein solcher Bahnhof alles andere als einladend aus. Obwohl sich mehrere Voten für den Erhalt des Daches, wenn nötig auch auf Gemeindekosten, aussprachen, folgte am Ende eine klare Mehrheit dem Antrag des Gemeinderates. Somit ist ein Dach-Neubau am Bahnhof Luterbach-Attisholz endgültig vom Tisch.

Kennzahlen zur Rechnung 2020 von Luterbach

Rechnung 2019 Rechnung 2020
Erfolgsrechnung
Gesamtaufwand 16’837 16’897
Gesamtertrag 19’970 20’289
Jahresergebnis 3’133 3’392
Steuereinnahmen nat. Pers. 11’056 11’461
Steuereinnahmen jur. Pers. 2’176 2’068
Übrige Steuereinnahmen 375 384
Gesamtabschreibungen (inklusive Spezialfinanzierung) 718 670
Investitionsrechnung
Investitionsausgaben 2’744 3’050
Investitionseinnahmen 1’045 331
Nettoinvestitionen 1’699 2’719
Weitere Kennzahlen
Steuerfuss nat. Pers.
Steuerfuss jur. Pers.
Selbstfinanzierungsgrad
Eigenkapitaldeckungsgrad
Netto-Vermögen pro Kopf
Netto-Schulden pro Kopf 483 5