Serie
«Seit ich ihre Hand wieder halten darf, reagiert sie auf meinen Besuch»: So erlebte 92-Jähriger aus Kyburg-Buchegg die Pandemie mit seiner demenzkranken Frau

Der 92-jährige Otto Sterchi aus Kyburg-Buchegg durfte seine Frau während der Coronapandemie nur durch die Glasscheibe sehen. Angst hat ihm das Virus aber nicht gemacht.

Vanessa Simili
Drucken
Teilen
Otto Sterchi erzählt aus dem Leben und von der Coronazeit.

Otto Sterchi erzählt aus dem Leben und von der Coronazeit.

Hansjörg Sahli

Otto Sterchi hat dreimal pro Woche seine demenzkranke Frau Meta im Altersheim besucht. Bis das Coronavirus kam – und kurz danach der Lockdown. Im Altersheim seien daraufhin, so berichtet Sterchi, zwei nebeneinanderliegende Büros freigeräumt worden, einen Teil der Wand habe man durch eine Glasscheibe ersetzt. «Wir sassen dann einander gegenüber, wir konnten auch reden, aber Meta hat kaum reagiert», erinnert er sich.

Das war für Otto Sterchi eine schwierige Situation. Man wisse zwar nicht, wie viel die an Demenz erkrankten Menschen noch erreicht. Aber sichtbare Reaktion sei keine zu erkennen gewesen. Trotzdem besuchte Sterchi seine Frau von da an jeden Sonntag. «Seit ich wieder ihre Hand halten darf, reagiert Meta auf meinen Besuch.»

Mit 86 Jahren noch kochen gelernt

64 Jahre sind Meta und Otto Sterchi inzwischen verheiratet, seit sechs Jahren wird sie im Alters- und Pflegeheim betreut. Davor hat er sie fünf Jahre lang zu Hause in Kyburg-Buchegg begleitet und betreut. Bis es 2015 zu viel für den damals 86-Jährigen wurde. «In dieser Zeit habe ich kochen gelernt. Früher habe ich doch nie gekocht», konstatiert er. Heute besorge er den Haushalt selbst. Kochen, waschen, aufräumen, putzen. Und den Garten mit einigen Gemüsebeeten und drei Fruchtbäumen hält er ebenfalls in Schuss. Ein Spaziergang im nahegelegenen Wald ist für ihn tägliches Ritual.

Otto Sterchi aus Kyburg-Buchegg.

Otto Sterchi aus Kyburg-Buchegg.

Hansjörg Sahli

Seit 1980 wohnt Otto Sterchi in Kyburg-Buchegg, im Haus, das er und seine Frau gebaut haben. Die Töchter Verena (63) und Kathrin (59) waren damals bereits erwachsen. Fotos und Zinnbecher erinnern an die Familie, an die beiden Enkelkinder und an die Errungenschaften in den Sportvereinen. «Ich war 55 Jahre lang beim Schützenverein als Zähler tätig. Heute braucht es das nicht mehr, heute wird elektronisch gezählt.»

Auch schon eine Seuche erlebt

Veränderungen hat Otto Sterchi in seinem Leben viele miterlebt. Auch dass ein Virus den Alltag bestimmt, ist für Sterchi nicht neu. 1939, er war zehn Jahre alt, suchte die Maul-Klauen-Seuche die Kuhställe heim. «Der Vater verbrachte drei Wochen im Stall und betreute die Kühe», erinnert er sich. Das war im Emmental, genauer in Aspi bei Lützelflüh. «Mit Kartoffelschnaps reinigte er Maul und Klauen der Tiere, bis sie wieder gesund waren.» Die Schulen seien geschlossen und die Kleider ausgeräuchert worden. «Viele mussten ihre Tiere töten, das hat einige Bauernfamilien hart getroffen.»

Was die Pandemie bedeutet

Wie haben Menschen über 80 das Virus und die Massnahmen zur Eindämmung der Ansteckungen erlebt? Welchen Einfluss hatte die Pandemie auf ihren Alltag, welche Einschränkungen haben sie erlebt und – nicht zuletzt – machte ihnen das Virus Angst? Seniorinnen und Senioren erzählen, wie sie mit der Pandemie, dem Lockdown und den Massnahmen zurecht gekommen sind. Die Serie startet mit dem 92-jährigen Otto Sterchi aus Kyburg-Buchegg.

Dann begann der Krieg, die Pferde wurden eingezogen und kamen im Militär zum Einsatz. «Mein älterer Bruder war damals 14. Für die Feldarbeit haben wir zusammen Gusti – Kühe, die noch nicht gekalbert haben – vor den Wagen gespannt, statt der Pferde», erzählt Sterchi. Den Umgang mit den Tieren habe er geschätzt; neben der Milchwirtschaft sei die Pferdezucht eine Einkommensquelle der Familie gewesen. «Deshalb habe ich auch die Lehre als Sattler gemacht.» Seine erste Anstellung fand er 1950 bei Willi Nussbaumer in Buchegg. Kurz darauf lernte er Meta Aebi kennen, 1957 heirateten sie. Seine letzte Anstellung hatte er bei Farner AG auf dem Flugplatz Grenchen, wo er als Sattler und Fallschirmwart tätig war. «37 Jahre lang.» Dazu gehörte, die Fallschirme nach einem Sprung zu prüfen, allenfalls zu reparieren und neu zu falten.

Otto Sterchi erzählt aus dem Leben und von Corona.

Otto Sterchi erzählt aus dem Leben und von Corona.

Hansjörg Sahli

Getragen von einem sozialen Netz

Vor einigen Tagen hat Sterchi seinen Fahrausweis abgegeben. Freiwillig, wie er betont. Sein Auto sei jetzt 29-jährig. Es sei an der Zeit, ohne auszukommen. Und wie wird er zu seiner Frau gelangen? Er sei gut vernetzt, kenne viele Leute in den Reihen der Schützenveteranen, in der Männerriege, im Turnverein, oder dank dem langjährigen Engagement in der Gemeinde. Jemand werde ihn vielleicht fahren. Unterkriegen lasse er sich auf jeden Fall dadurch nicht. Auch wenn es ihm nicht recht sei, dass er von jetzt an in dieser Hinsicht auf andere angewiesen ist.

Doch genau dieses soziale Netz hat ihn in diesem einschneidenden Jahr getragen. Seine beiden Töchter möchte er so wenig wie möglich beanspruchen. «Sie helfen und kommen regelmässig. Aber zu mir schauen, müssen sie mal nicht. Sollte ich es allein nicht mehr schaffen, gehe ich auch ins Heim.» Selbstbestimmung scheint ihm wichtig zu sein. Das Schönste wäre für ihn, so lange wie möglich in seinen eigenen vier Wänden bleiben zu dürfen.

Aktuelle Nachrichten