Die Störche sind weg: «Die meisten sind jetzt in Spanien oder Nordafrika», sagt Viktor Stüdeli, Betriebsleiter des Infozentrums Witi Altreu. Vor allem die jüngeren. Einige wenige ältere bleiben den Winter über in der Region um Altreu.

Viele der Storchennester sind somit unbewohnt. Diesen Umstand hat der Naturschutz-Verein «Für üsi Witi» genutzt, um an den Horsten der 34 Brutpaare die jährlichen Unterhaltsarbeiten durchzuführen. «Wir schneiden zum Beispiel die Äste in den Baumkronen zurück, damit die Störche wieder besseren Zugang zu ihren Nestern haben», erklärt Stüdeli.

Zudem werden die Nestbauten etwas abgetragen. So wird ihr Gewicht, das im Extremfall bis zu zwei Tonnen betragen kann, reduziert, und somit auch das von ihnen ausgehende Schadensrisiko. Horste, die die Störche an völlig ungeeigneten Orten erbaut haben, werden entfernt.

Schäden in vierstelliger Höhe

Nicht nur Baumkronen sind beliebte Nistplätze der Weissstörche. Viele Nester befinden sich auf Hausdächern – was nicht allen Hausbesitzern Freude bereitet. «Eine Frau, die ein Nest auf ihrem Dach hat, bezahlt etwa tausend Franken pro Jahr, um die Schäden zu beheben», so Stüdeli zu den wenig angenehmen Folgen. Wer die Vögel loswerden möchte, habe nur eine Möglichkeit: Während ihrer Abwesenheit im Winter müsste man auf seinem Dach Vorkehrungen treffen, um einen erneuten Nestbau zu verhindern.

Doch auch dies führt nicht immer zum Erfolg. Die genannte Frau habe durch einen Spengler eine Einrichtung erstellen lassen, die die Störche fernhalten sollte. Diese aber haben sich trotzdem dort wieder eingenistet. Ist der allenfalls ungebetene Mitbewohner aber dann da, lässt er sich nicht mehr vertreiben: «Der Storch ist ein geschützter Vogel», so Stüdeli.

Die Hausbesitzer mit tierischen Mitbewohnern werden vom Verein «Für üsi Witi» jedoch bei den Unterhaltsarbeiten an den Nestern unterstützt. Seit diesem Jahr kann dafür erstmals auf Geld aus dem Lotteriefonds zurückgegriffen werden. Daraus hat der Regierungsrat 12 500 Franken für das Projekt gesprochen. Hinzu kommen 1500 Franken von der Bürgergemeinde Selzach. Somit seien nun umfassende, gründliche Arbeiten möglich, freut sich Stüdeli. «Zuvor konnten wir jeweils nur das Nötigste erledigen.»

Verwendet werden die Gelder für die Miete eines Kranwagens, mit dessen Hebeplattformen die hoch gelegenen Nester auf Weidenbäumen, Tannen oder Hausdächern erst erreichbar sind. Zwei Forstarbeiter und ein Kranwagenlenker werden jeweils mit den Arbeiten beauftragt. Die übrigen Arbeiten des Vereins basieren auf freiwilliger Arbeit. In den vergangenen Jahren finanzierte man den Kran aus Eigenmitteln. Diese reichten aber nur für eine begrenzte Mietdauer aus.

Ausgestossenes Storchenbaby in Altreu wird der Natur überlassen. Der hilflose Jungvogel wurde von seiner Mutter aus dem Nest verstossen und muss hungrig auf einem Hausdach in Altreu ausharren. Das Storchenzentrum entschliesst sich gegen eine Rettung und hat das Tier einschläfern lassen.

Eine Altreuer Storchengeschichte aus dem Sommer 2015: Ausgestossenes Storchenbaby in Altreu wird der Natur überlassen

Der hilflose Jungvogel wurde von seiner Mutter aus dem Nest verstossen und muss hungrig auf einem Hausdach in Altreu ausharren. Das Storchenzentrum entschliesst sich gegen eine Rettung und hat das Tier einschläfern lassen.

Migranten aus dem Norden

Mitte Februar werden die Weissstörche wieder nach Altreu zurückkehren. Zuerst treffen die männlichen Störche ein, die sich auf die Suche nach einem geeigneten Horst machen oder einen solchen bauen. Zwei bis drei Wochen später stossen die Weibchen hinzu, um im gemachten Nest Platz zu nehmen. «Die Jungstörche bleiben aber mehrheitlich im Süden», so Stüdeli.

Nur etwa 10 Prozent der in Altreu geschlüpften Jungvögel kommen nach drei bis vier Jahren überhaupt zurück. Das reiche knapp, um die hiesige Population zu erhalten. Ein gewisses «Bevölkerungswachstum» finde gelegentlich auch dank Migranten statt. Störche aus dem Norden lassen sich hin und wieder in Altreu nieder. Die Anwesenheit ihrer Artgenossen wirke wohl einladend, vermutet Stüdeli. Einer der Zuzüger stellte sich als «Schwede» heraus.

Auch die Vorfahren der Altreuer Weissstörche stammen ursprünglich aus dem Ausland. Nachdem der Storch in der Schweiz rar geworden war, entschied sich der Solothurner Turnlehrer Max Blösch 1948 dazu, ihn in Altreu wieder anzusiedeln – was ihm mit Erfolg gelang. Hierfür liess er Störche aus dem Elsass und Algerien in die Schweiz umsiedeln.

Heute leben hierzulande rund 370 Brutpaare, 34 davon in und um Altreu. Die hier gelegenen Feuchtbiotope bieten ihnen einen idealen Lebensraum. Auch die benötigte Nahrung finden sie in der «Witi» – darunter Würmer, Insekten, Mäuse oder gar Hasen. Ersteres wird im kommenden Jahr übrigens genauer betrachtet werden können: Den Würmern wird im Infozentrum eine Ausstellung gewidmet.