Segnung

100-jähriger Koloss rast mit Volldampf in die museale Zukunft

Die weltweit einzige betriebsfähige Automobildampfspritze ist am Sonntagmorgen vor der Stadtkirche Olten eingesegnet worden.

Da ist erstens: ein Koloss, gut fünf Tonnen schwer, mehr als 100 Jahre alt. Da sind zweitens: Ein paar Herren, begabt in Geldmittelbeschaffung, interessiert an alter Technik an eben solchen Gerätschaften, begnadet in Neugierde und Handwerk. Das nämlich sind die Ingredienzien, die den gestrigen Anlass auf der Oltner Kirchgasse überhaupt erst möglich machten.

Dort segnete der Pfarrer der christkatholischen Kirchgemeinde, Kai Fehringer, die weltweit letzte und betriebsfähige erhaltene Automobildampfspritze ein. «Erhalt von technischem Kulturgut», nennt der Oltner Pascal Troller solche Missionen, für die er jeweils die finanziellen Mittel beschafft. Totalüberholung und Erhalt der Spritze nahmen 210'000 Franken in Anspruch. Private Donatoren und beide Basel hatten das Projekt namhaft unterstützt. Und auch der Verein Freunde der Automobildampfspritze der Feuerwehr Basel beteiligte sich mit Eigenleistungen am Projekt.

Dampfspritze Feuerwehr Basel 1905

Dampfspritze Feuerwehr Basel 1905

Gast aus der Stadt Basel mit Einsatz im Solothurnischen

Die Automobildampfspritze gehört dem Schweizerischen Feuerwehrmuseum in Basel und stammt ursprünglich aus den Beständen der dortigen Feuerwehr. In der Rheinstadt versah sie im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts ihren Dienst. Damals herrschte noch der Gedanke vor, mit einem solchen Ungetüm die bisherigen Pferdegespanne ablösen zu können. Stattliche 30 km/h schaffte der Koloss tatsächlich. Eine Fotografie aus dem frühesten 20. Jahrhundert zeigt stolz einen Löschzug der Feuerwehr Basel mit Automobildampfspritze und elektroautomobilem Mannschafts- und Gerätewagen. Aber letztlich erwies sich das Dampfgefährt als wenig praktisch. 1925 erlebte dieses sein letztes Dienstjahr, nachdem einer seiner Einsätze zuvor auch in den Kanton Solothurn geführt hatte. Beim Brand des Goetheanums in Dornach 1923 war die Spritze dabei, sank aber im Boden ein. «Nach ihrer Ausmusterung fand sie noch ein paar Jahre Verwendung als Pumpe zum Befüllen der Strassensprengwagen in Basel», sagt Pascal Troller.

Troller hat dafür gesorgt, dass die Segnung des Veteranen in seiner Heimat stattfindet. «Hier in Olten gab’s rund ums Feuerwehrmagazin genügend Platz für Probefahrten», sagt er. Und Kurt Lienhard, ehemals Kurator des Feuerwehrmuseums in Basel, meint: «Bei uns sind die räumlichen Verhältnisse doch sehr beengt; so etwas wie hier wäre bei uns gar nicht möglich gewesen.»

Zur Abteilung handwerkliche Geschick gehört etwa Kesselschmied Demian Soder. Der hat sich bei der Instandstellung des Gefährts an dessen Kessel nützlich gemacht. Die Firma Continental sorgte für die neue Vollgummibereifung ganz nach altem Vorbild. Hinzu kam eine Überholung der Holzräder. «Mit der Automobildampfspritze ist ein einzigartiger Zeitzeuge betriebsfähig erhalten geblieben» sagt Troller. Und nach der Segnung, als sich die anwesende «Feuerwehrfamilie» und andere Gäste am Boten des frühen 20. Jahrhunderts und seinen Sekundanten der Feuerwehren Olten, Wangen und Lörrach erfreuten, gab auch er sich zufrieden. «Ich glaube, das haben wir gut gemacht.» Diese Einschätzung galt übrigens auch für die gereichten Flammkuchen und Zopf. «Genau das richtige Apéroetikett», so einer aus der «Feuerwehrfamilie».

Nächste Woche kehrt die «alte Dame» wieder nach Basel ins Feuerwehrmuseum zurück. Allerdings nicht unter Dampf. «Das passiert dann per Lastwagen», sagt Troller. Den Weg aus eigener Kraft zu bewältigen, das wär für den Veteranen dann doch etwas zu viel.

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