Solothurn

Komponist Jost Meier: «Das Komponieren ist mein Leben»

Jost Meier kann am 15. März seinen 75. Geburtstag feiern.

Jost Meier kann am 15. März seinen 75. Geburtstag feiern.

Der Solothurner Komponist Jost Meier wird 75 Jahre alt. Er hat als Cellist, Dirigent und Komponist weltweit für Furore gesorgt. Kammermusikstücke, Opern, Chorwerke und Ballettkompositionen gehören zu seinen vielen Arbeiten.

Jost Meier ist ein hochgebildeter und sensibler Denker, zu Hause auch in der Literatur und den Bühnenstücken von Hansjörg Schneider, die ihn immer wieder für seine
Werke inspiriert haben. Mit einem Oeuvre, das ganz der Zeit, aber nicht zwingend dem Zeitgeist verhaftet ist, eroberte er sich alle Gattungen: von der Kammermusik bis zur Oper, von Chorwerken bis zum Ballett. In vorderster Linie aber stehen seine Bühnenwerke und Orchesterstücke.

Jost Meier, die sechs Sätze Ihres jüngsten Orchesterwerks tragen Bezeichnungen wie Adullam, Riss, Wolfsnacht, Verwirrspiele, Dove sono? und Marrakesch. Sind die Titel biografisch?

Jost Meier: Auf jeden Fall. Die Kompositionen sind im Nachgang der Stimmungen entstanden, als ich vor einem Jahr erkrankte und an der Schwelle des Todes stand. Eindrücke zwischen Traum und Albtraum. Adullam ist der Name einer im Alten Testament erwähnten Höhle, die Kranken Zuflucht bot. Adullam heisst auch ein Pflegeheim in Basel, wo ich nach dem Spitalaufenthalt gepflegt wurde. Dieses Schweben zwischen den Welten, das Wahrnehmen von immer wiederkehrenden Geräuschen und gesichtslosen Stimmen, die sich in meiner Fantasie zu einem Trauerzug formten – solche Eindrücke flossen in den Satz ein. Basler Trommel, Elektrobass, Posaune und Trompete führen das Geleit an, an dessen Schluss eine Sologeige erklingt, die in einer Kadenz verhaucht. Mehr möchte ich dazu nicht preisgeben.

Dann überspringen wir die Wolfsnacht und die Verwirrspiele?

Soviel kann ich verraten, die Wolfsnacht taucht in ein Wechselbad der Gefühle und das Verwirrspiel führt tatsächlich in die Irre: Die Musik erklingt vom Stil her anders als erwartet.

Der Satztitel Dove sono? (wo bin ich?) tönt nach existenziellen Fragen?

Ja, aber als Konsequenz der vorangegangenen Verwirrspiele. Dove sono repräsentiert einen archaischen Moment. Wo bin ich, wohin gehe ich. Irgendwann stellt sich jedem diese Frage.

In welchem Kontext stehen die Erinnerungen an Marrakesch?

Durch das Spitalfenster bot sich der Blick auf eine eintönige, weisse Hauswand. Die Sommerhitze liess die Luft flirren und plötzlich tauchten Bilder aus Marrakesch auf. Ein musikalisch sehr emotionaler Satz. Die Töne schwingen sich in die Höhe, sind physisch fast nicht auszuhalten, verdichten sich, erreichen eine ungeheure Suggestivwirkung, der sich weder die Interpreten noch die Zuhörenden entziehen können. Es geht an die Schmerzgrenze.

Weshalb haben Sie das Werk Adullam gerade mit diesem Satz beendet?

Von der Dramaturgie her ist es absolut schlüssig und gar nicht anders möglich. Der erste Satz kommt ohne Oboen und ohne Horn aus, im zweiten Satz vollzieht ein hoher Hornton den «Riss», während sich im dritten Satz erstmals die Oboe dazugesellt. Das Instrumentarium und der Klang steigern sich zu betörender und auch etwas verstörender Musik. Ein musikalischer Kosmos, der Zeit und Raum verschmelzen lässt.

Im Konzert wird auch Ihr Hornkonzert aufgeführt. Gibt es in unter Ihren Kompositionen eine Art «Herzenskind»?

Zuerst freue ich mich sehr, dass Bruno Schneider, einer der weltbesten Hornisten, der bereits an der Uraufführung dabei war, und dem das Werk gewidmet ist, den Solopart spielt. Natürlich gibt es Kompositionen, die einem besonders nahe stehen. Im Rückblick sind es die Opern «Augustin» sowie «Pilger und Fuchs». Beide nach einem Libretto von Hansjörg Schneider, den ich oft sehe. Ein Herzenskind ist auch das sehr früh entstandene Violinkonzert für Geige und Streichorchester, von dem eine Aufnahme unter der Leitung von Gregorz Nowak existiert.

Welches waren die Höhepunkte als Cellist, Dirigent und als Komponist?

Da gäbe es viele zu nennen. Eine Herausforderung war, als ich in Berlin 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn erfahren habe, dass ich meine Oper selbst dirigieren darf oder muss. Wichtig war sicher, dass gleich mein erstes Stück vom Orchestre de Chambre de Lausanne aufgeführt und so zum Erfolg wurde. Als Cellist durfte ich mit der Camerata Bern und dem Tonhallenorchester Zürich arbeiten und als Komponist erinnere ich mich besonders gerne an die Fête des Vignerons in Vevey.

Vom Sinfonieorchester Biel Solothurn werden Sie mit einem grossen Geburtstagskonzert geehrt. Haben Sie noch Kontakt mit einzelnen Musikern?

Das Orchester habe ich vor 45 Jahren, auch ein kleines Jubiläum, gemeinsam mit Eduard Benz gegründet, der den administrativen Part übernahm. Damals waren wir Pioniere. Ich habe immer gerne mit diesem Orchester gearbeitet, es lange geführt und ich kenne noch einige wenige Musiker. Viele von damals sind längst pensioniert. Dass das Stück Adullam von «meinen» Bielern aufgeführt und vom Radio übertragen wird, ehrt mich besonders.

Sie sind voller Schaffenskraft, was für Zukunftspläne hegen Sie?

Keine konkreten Pläne, aber der Wunsch, so lange, wie möglich komponieren zu können. Das ist mein Leben.

Mit der Uraufführung von Meiers «Adullam» am 12. März, 19.30 Uhr in Biel und am 14. März, 19.30 Uhr in Solothurn (Rythalle), ehrt das Sinfonie Orchester Biel Solothurn seinen Mitgründer und langjährigen musikalischen Leiter. Zudem wird das von Jost Meier 2002 geschriebene Hornkonzert von Bruno Scheider gespielt und von Hans Urbanek dirigiert. Zur Aufführung kommen auch Werke von Janacek und Boccherini.

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