Neeo
Mit einer Fernbedienung von Solothurn ins Silicon Valley

Dass Raphael Oberholzer und Oliver Studer mit ihrer intelligenten Fernbedienung Neeo den Vigier-Förderpreis bekommen haben, ist für die Solothurner eine Ehre. Für ihr Produkt liegen bereits tausende Bestellungen vor. Im Spätsommer wird ausgeliefert.

Franz Schaible
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Oliver Studer (l.) und Raphael Oberholzer von Neeo im Solothurner Büro.

Oliver Studer (l.) und Raphael Oberholzer von Neeo im Solothurner Büro.

cnd/hjs

Leger kommt er daher, in Shorts, dunkelblauem T-Shirt und Turnschuhen. Raphael Oberholzer verkörpert perfekt den etwas wilden Jungunternehmer, der die Welt mit einem Hightech-Produkt erobern will. Die kleinen Büros im ehemaligen Schlachthaus am Ritterquai in Solothurn sind bestückt mit einfachen Tischplatten auf Böckli, einigen Computern, einem Kopierautomat – die unordentlichen Räume verströmen den Charme eines Start-ups. Die Neeo AG will mit «einer einzigartigen Fernbedienung» im Markt für das sogenannte Internet der Dinge – die intelligente Vernetzung von Geräten über das Internet – reüssieren.

Dazu reichte ihm und seinem Geschäftspartner Oliver Studer der Standort Solothurn nicht. Im Silicon Valley gründeten sie kurzerhand eine Tochterfirma. Genauer in Cupertino, dort wo Steve Jobs Apple gründete. «Wenn man ein Produkt für das Internet of Things zum Durchbruch führen will, muss man eigentlich dorthin.» Es sei das globale Zentrum für technologische Innovation und die USA seien der best entwickelte Markt für Home Automation. Vor einem Jahr ist Oberholzer mit seiner Familie nach Kalifornien gezügelt und pendelt hin und her. In den USA beschäftigen sich drei Mitarbeitende mit dem Design, Verkauf und Marketing, in Solothurn und in Bern arbeiten 16 Ingenieure für Neeo.

«Wir haben immer getüftelt»

Oberholzer und Studer, beide 33-jährig, sind nicht nur Geschäftspartner, sondern Freunde seit der gemeinsamen Schulzeit. Oberholzer absolvierte eine Lehre als Audio-Video-Elektroniker und arbeitete danach als Geschäftsführer der Firma Smarthome in Solothurn, die sich auf Lösungen im Bereich Home Automation konzentriert. Studer arbeitet als selbstständiger Grafiker, Programmierer und Webentwickler. «Wir haben uns nie aus den Augen verloren und haben immer zusammen etwas getüftelt», blickt Oberholzer zurück.

Dabei entstand vor zwei Jahren die Idee, eine Fernbedienung zu entwickeln, mit der sich sämtliche Geräte im Haushalt dirigieren lassen – von der Beleuchtung, Heizung über Fernseher bis hin zur Steuerung der Storen. Ganz neu ist die Idee zwar nicht, so können bereits heute mit ein und derselben Infrarot-Fernbedienung Unterhaltungselektronikgeräte gesteuert werden. Endgeräte aber ohne entsprechende Schnittstelle eben nicht.

Das «Brain» steuert alles

Genau hier setzen die Solothurner an. Ihre Fernbedienung mit dem Namen «Neeo» besteht aus zwei Komponenten: Dem «Brain» (Hirn) als Schaltzentrale in Form einer flachen Büchse aus Aluminium sowie einer Touchscreen-Fernbedienung (Remote). Neeo kommuniziert nicht direkt mit dem Endgerät, sondern indirekt über das Hirn. Funk-Antennen im Innern sorgen für Kontakt mit den wichtigsten Home-Automation-Funk-Standards. «Das Brain spricht alle Sprachen der Unterhaltungselektronik und der Haustechnik.»

Die Fernbedienung und das Brain (das runde flache Gerät)
6 Bilder
Die Fernbedienung
Das Brain, bestehend aus Aluminium und Acrylglas
Bei der Entwicklung
Das Innenleben des Brain
Brain und Fernbedienung in ihre Einzelteile zerlegt

Die Fernbedienung und das Brain (das runde flache Gerät)

neeo.com

Die kleine Büchse besitze die Rechenleistung eines normalen Computers. Auf einer Datenbank seien über 30 000 Geräte zur Steuerung vorprogrammiert. Ein Haus müsse deshalb für die Fernbedienung der Haustechnik nicht verkabelt werden. Der Anwender steuert die Geräte über das Remote, welches nur mit den nötigsten Tasten ausgerüstet und einfach bedienbar ist. Die intelligente Fernbedienung erkennt mittels Handerkennung alle Benutzer und erlaubt umgehend den Zugriff auf personalisierte Einstellungen.

Rekord bei Schwarmfinanzierung

Noch bevor die erste Fernbedienung verkauft ist, haben die beiden Unternehmer Geschichte geschrieben. «Wir haben während eines Jahres alle eigenen Mittel in die Entwicklung von Neeo gesteckt», sagt Oberholzer. Danach brauchte die Crew neues Geld für die Produktion und Markteinführung. Der Weg über die Crowfunding-Plattform Kickstarter im Februar 2015 war ein Riesenerfolg.

Innert 29 Tagen kamen über die Schwarmfinanzierung mehr als 1,5 Millionen Dollar von weltweit über 6000 Unterstützern zustande. «Ein Rekord für ein Schweizer Projekt», sagt Oberholzer. Und der damit verbundene Werbeeffekt sei unbezahlbar. Inzwischen stünden die Investoren Schlange, auch solche, die «uns vor dem Crowfunding abgewiegelt haben». «Wir suchen aber keine Finanzinvestoren, die sich jetzt beteiligen und die Anteile in wenigen Jahren wieder abstossen.» Interessiert sei man an strategischen Geldgebern, die sich mit Know-how beim weiteren Aufbau der Firma aktiv einbringen wollen.

Oberholzer ist Realist genug und weiss, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. So habe man den Aufwand für den Bau der Hardware der Geräte unterschätzt; der Verkaufsstart, zuerst für Mai angekündigt, musste verschoben werden. Jetzt soll es aber soweit sein. «Die Produktion der ersten Serie von 7500 Geräten ist gestartet und im Spätsommer werden wir diese ausliefern», verspricht er.

Die ersten Glücklichen werden die rund 6000 Unterstützer und 1500 Erstbesteller sein. Davon entfällt die Hälfte auf Kunden in den USA. Inzwischen seien bereits tausende von Bestellungen eingegangen. Vorerst werde das Gerät bei Schweizer Partnern assembliert, die Komponenten stammten aus der Schweiz und dem Ausland. Eine spätere Produktion in grossem Stil werde dann wohl aus Kostengründen im Ausland stattfinden. Das Gerät wird im Endverkauf 299 Franken kosten. Der Vertrieb werde über die eigene Website und künftig auch über grosse Online-Kanäle wie Amazon sowie über den Fach- und Grosshandel vorangetrieben.

Am Donnestag wurden die Firmengründer mit dem de Vigier-Preis, dotiert mit 100 000 Franken, ausgezeichnet. «Das ist für uns eine grosse Ehre und eine Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein.» Das Geld fliesse in die Markteinführung und in die Forschung der Kerntechnologien.

Verleihung 2015 des De Vigier-Preises für Jungunternehmer
24 Bilder
Stiftungspräsident Daniel Borer
Gastreferent Bernard Nicod
Raphael Oberholzer und Oliver Studer von Neeo AG
Alle ausgezeichneten Jungunternehmen
Roland Sigenthaler (Echt Praktisch) mit Raphael Oberholzer und Oliver Studer von Neeo
Tina Lohfing von Venture Kick
Anne Sweetbaum-de Vigier, Nora de Vigier, und Jeanette de Vigier
Regierungsrat Roland Heim im Gespräch mit Ernst Zingg
Meriam Kabbaj, Versantis
Falco Schlottig
Oliver Studer und Raphael Oberholzer Neeo AG
Geschäftsführer Jean-Pierre Vuilleumier, Präsident Daniel Borer und Regula Buob (künftige Geschäftsführerin)
Jialin Wu (Scantrust) und Lea von Bidder (Ava AG)
Jean-Pierre Vuilleumier, Roland Siegenthaler (Echt Praktisch, Atelier Zürich)
Drei Mitgleider des Samaritervereins Solothurn

Verleihung 2015 des De Vigier-Preises für Jungunternehmer

Hansjörg Sahli

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