Mehr oder minder vergnügt gehen die Passagiere an Bord der «Titanic II» und vereinen Vergangenheit und Zukunft: Für die Jungfernfahrt des nachgebauten Unglücksdampfers im Jahre 2022 übernehmen alle Gäste und die Crew die Rolle und Kostüme von Personen, die am 10. April 1912 in Southhampton mit dem Riesendampfer die Überfahrt nach New York angetreten haben. Alle wissen, dass die erste «Titanic» untergegangen ist und mit ihr der Glaube an die Unfehlbarkeit der Technik. Wird auch die neu gebaute Version mit einem Eisberg zusammenstossen?

Passagiere aus der Schweiz

In seinem neuen Stück «Emma und die Titanic – eine Aarwangerin reist mit» konzentriert sich der Autor und Regisseur Christoph Schwager vorwiegend auf Schweizer, die 1912 auf dem damals modernsten Passagierschiff der Welt mitgereist sind. Auf Emma Sägesser (Claudia Büttler) beispielsweise, die als Zofe mit der einer Pariser Chansonsängerin eine der Erstklasskabinen belegt: Die hübsche Ninette, charmant verkörpert von der in Olten lebenden Musicaldarstellerin Michaela Gurten, gibt immer wieder Kostproben ihres gesanglichen Könnens und flirtet heftig mit dem jungen Schiffsoffizier Murdoch (Reto Schärmeli), obwohl sie doch die Geliebte des reichen Kupferbarons Guggenheim (Thomas Dobler) ist. Auch die Familie von Ballmoos sorgt in den feinen Salons des Luxusdampfers für vergnügliche Verwirrungen, während im Unterdeck der 3. Klasse Auswanderer mit Tanz und Musik das Beste aus ihrer schwierigen Situation machen möchten. Alles im Griff zu haben scheinen der strenge Kapitän (Ruedi Baumgartner) und die freundliche Schiffsdirektorin (Margrith Mühle): Ein prächtiges Figurentableau, wie geschaffen für die zwei Dutzend Charakterköpfe der Gäuer Spielleute. Sie setzen sich vor der Schälismühle im klug und durchdacht gestalteten Bühnenbild von Bruno Leuenberger mit raschem, gutem Timing in Szene, sprechen perfekt verschiedene Schweizer Mundartdialekte und sogar fast akzentfrei Französisch, wenn es denn sein muss.

Ein Bogen zum Heute

Knappe Wortwechsel, träfe Pointen und wie in einem Film an- und ineinander geschnittene Anekdoten charakterisieren vortrefflich die in einer Schicksalsgemeinschaft zusammengewürfelten Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch die drohende Katastrophe lassen diese Szenen erahnen, nur den Schiffsreisenden von heute geben sie etwas wenig Profil. Mit einer Ausnahme: Daniel Joss zeigt in der Doppelrolle des Titanic-Reeders J. B. Smith von 1912 und des australischen Millionärs Clive Palmer – der allen Widerständen zum Trotz die neue «Titanic» bauen will –, dass sich an der kalkulierten Gier der Mächtigen und dem unverrückbaren Glauben an die Wunder des technischen Fortschritts in 110 Jahren kaum etwas verändert hat. Hier schliesst sich der Bogen zum Heute, denn trotz modernster digitaler Hilfsmittel auf dem neuerbauten Schiff und obwohl wegen der Klimaerwärmung die polaren Eiskappen schmelzen und Treibeis selten wird, entgeht auch die «Titanic II» der Katastrophe nicht. Wenn der Matrose im Ausguck einen «Eisberg» meldet, fährt die «Titanic II» mit voller Kraft voraus in einen Berg von Müll und wird von einem modernen Plastikmonster im wahrsten Sinne des Wortes fast aufgefressen. Desillusioniert verlassen die Gäste und die Matrosen den (sinkenden?) Dampfer, während Reeder und Kapitän konsterniert zurückbleiben. Christoph Schwager ist ein vergnügliches, aktuelles Stück gelungen über die sorglose Reise unserer Wohlfahrtsgesellschaft in einen schon bald möglichen Untergang.